Wiens berühmtestes Hotel: Das Erbe der Frau Sacher
Der genaue Tag, an dem Wiens berühmtestes Hotel zum ersten Mal aufsperrte, ist nicht bekannt. Man weiß nur, dass es 1876 war. Also wird der 150. Geburtstag des Sacher das ganze heurige Jahr über gefeiert. Und nein, es war nicht die legendäre Frau Sacher, die die Nobelherberge gegründet hat. Sondern ihr fast schon vergessener Mann, Eduard Sacher.
Das Sacher: Hotel de l’Opera
Was aber geschah damals im Jahr 1876? Eduard Sacher eröffnete ein Hotel, das noch nicht Sacher hieß, sondern – als Reverenz an die benachbarte Hofoper – Hotel de l’Opera. Doch die Wiener nannten es Sacher, da ihnen der Name geläufig war, zumal Eduards Vater Franz Sacher 1832 im Auftrag des Fürsten Metternich die gleichnamige Torte kreiert hatte. Da sich die Süßspeise großer Beliebtheit erfreute, konnten die Sachers mit den üppig sprudelnden Einnahmen eine Delikatessenhandlung, mehrere Restaurants und schließlich die Errichtung des Hotels finanzieren. Allein der Baugrund in bester Wiener Lage kostete 290.000 Gulden (heute rund drei Millionen Euro).
Die Séparées
Zunächst war das Sacher weniger seiner komfortablen Zimmer und der exquisiten Küche wegen in aller Munde, sondern durch seine 13 mit roten Samttapeten ausgestatteten Séparées. Diese waren für diskrete Geschäftsessen vorgesehen, doch fanden lebenslustige Erzherzöge und Industrielle schnell heraus, dass sich die „Extrazimmer“ auch für Rendezvous mit freizügigen Vorstadtschönen eigneten. Die Sachertorte war somit nicht die einzige „Sünde“, die man hier begehen konnte.
Mit Charme und Schmäh
Als Eduard Sacher mit nur 49 Jahren starb, übernahm seine bald berühmt gewordene Witwe Anna den Betrieb, den sie mit strenger Hand, aber auch mit Charme und Wiener Schmäh führte. So sehr die Zigarren rauchende Prinzipalin das Haus durch ihre Persönlichkeit prägte, so sonderbar erschien sie in ihren späten Lebensjahren. Anna Sacher wurde entmündigt und starb 1930 im Alter von 71 Jahren. Ihr Erbe war ein ziemlich heruntergekommenes Hotel.
Hatten sie und ihr Mann das Hotel rund ein halbes Jahrhundert besessen, so ist es mittlerweile fast doppelt so lang im Besitz der Nachfolgefamilie Gürtler. Die Geschwister Alexandra Winkler und Georg Gürtler managen das Sacher – gemeinsam mit ihren Ehepartnern – nun in vierter Generation. „Unser Urgroßvater Hans Gürtler hat es 1934 aus der Konkursmasse nach Anna Sacher gekauft. Da er von der Hotellerie wenig verstand, holte er den Cafétier Josef Siller als Kompagnon.“
Die Sachertorte
Gemeinsam sorgten Gürtler und Siller für eine Generalsanierung des veralteten Hotels, sie installierten Badezimmer, elektrisches Licht, Zentralheizung und ließen das Sacher in neuer Pracht erstehen. Da Josef Siller kinderlos starb, ging das Sacher in den Alleinbesitz der Familie Gürtler über.
Es folgte der große Coup des Hans Gürtler: „Unser Urgroßvater war Wirtschaftsanwalt und kannte die Bedeutung des Markenrechts, daher hat er die Marke Original Sacher-Torte schützen lassen.“
Das war eine Königsidee, denn die Sachertorte ist heute noch der unternehmenseigene Verkaufsschlager, von dem weltweit 360.000 Stück pro Jahr exportiert werden. Aber auch die Auslastung des Hotels kann sich mit mehr als 70 Prozent sehen lassen – und das bei Zimmerpreisen ab 700 bis zur Luxus-Suite um 10.000 Euro pro Nacht. 92 Prozent der Sacher-Gäste kommen nicht aus Österreich.
Anna Sacher war 33 Jahre alt, als ihr Mann starb und sie das Hotel erbte. Als Witwe ging sie eine neue Beziehung ein, die bis vor wenigen Jahren fast so geheim blieb wie das Rezept der Sachertorte: Der Mann hieß Julius Schuster, war Direktor des Bankhauses Rothschild und beriet Anna Sacher in wirtschaftlichen Fragen, wodurch sie einander auch privat näher kamen. Die Beziehung musste geheim bleiben, weil Julius Schuster verheiratet war. Als auch er starb, verlor Anna Sacher den Überblick über die Finanzen, sie verspielte ein Vermögen bei Pferdewetten und schlitterte in den Bankrott.
Stunde der Familie Gürtler
Damit schlug die Stunde der Familie Gürtler. Die ihr „Geschenk“ zum 150. Geburtstag des Hotels schon im Vorjahr erhalten hat: „Wir wurden 2025 von 700 unabhängigen Juroren als einziges Haus im deutschsprachigen Raum zu einem der fünfzig besten Hotels der Welt gewählt“, erklärt Geschäftsführer Matthias Winkler nicht ohne Stolz. Die Familie führt den Erfolg vor allem auf die 400 Mitarbeiter zurück, die in der Unternehmensgruppe tätig sind. Der Holding gehören neben den Sacher Hotels Wien und Salzburg auch das Bristol in Wien und die Tortenmanufaktur an. Das Alpin Resort Sacher in Seefeld/Tirol wird von Alexandra und Georg Gürtlers Mutter Elisabeth Gürtler betrieben. Das Sacher Wien ist das einzige familieneigene und familienbetriebene 5-Sterne-Hotel der Stadt.
Eine Torte auf Reisen
Eine große Geburtstagsfeier aus Anlass des 150-Jahre-Jubiläums ist nicht geplant, dafür mehrere kleine. So wird die berühmte Torte „auf Reisen um die Welt geschickt“, und im April erscheint in der edition a der Prachtband von Gerhard Jelinek: „Sacher – Mythen, Geheimnisse, Geschichten“.
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