250 Jahre Burgtheater: "Die Schauspieler sind die Institution“
In jedem Land muss man das dort Wichtigste sein: in den Dolomiten eine Kuh, in Mexiko ein Sombrero und in Wien ein Burgschauspieler“, erklärte der große Mime Alexander Moissi (der übrigens nie Burgschauspieler war).
Dabei erfolgte die Gründung des Burgtheaters weniger aus hehren künstlerischen, denn aus wirtschaftlichen Motiven: Die von diversen Pächtern geführte Vorgängerbühne war in die Pleite geschlittert, weshalb Kaiser Joseph II. beschloss, das zahlungsunfähige Privattheater als „teutsches Nationaltheater“ weiterzuführen. Das war am 23. März 1776, weshalb das die „Burg“ heuer ihren 250. Geburtstag feiert.
Jubiläum. Das „k. k. Theater nächst der Burg“ wurde ab 1748 vom ersten Pächter Joseph Sellier betrieben und vor 250 Jahren, am 23. März 1776, von Kaiser Joseph II. zum „teutschen Nationaltheater“ erhoben.
Matineen. In der Jubiläumsspielzeit sind zahlreiche Veranstaltungen geplant, darunter eine Matinee mit dem Historiker Oliver Rathkolb, eine weitere mit dem Ensemble inklusive „Burg“-Doyen Michael Heltau. Die genauen Daten der Matineen stehen noch nicht fest.
Ausstellung. Das Theatermuseum zeigt im 2. Pausenfoyer des Burgtheaters bis 30. Juni die Ausstellung „250 Jahre Burg“ mit historischen Dokumenten, Fotos, Kostümen, Theaterzetteln, Bühnenentwürfen u. v. a.
Kaiser als Theaterdirektor
„Teutsch“ war das Burgtheater, um die deutsche Sprache aufzuwerten, weil bis dahin der aristokratischen Elite zuliebe vor allem Französisch gespielt wurde. Joseph II. stürzte sich mit Elan ins Theatergeschehen, manche meinten, es wäre zu viel des Guten gewesen: Erklärte seine Mutter Maria Theresia noch geringschätzig „Spectacel müssen halt sein“, so übernahm Joseph die Führung des „k. k. Hof- und Nationaltheaters“ gleich selbst, er war mehr oder weniger der erste Burgtheaterdirektor.
Die Folgen für das am Michaelerplatz gelegene Theater waren mitunter skurril, denn der Thronfolger und Mitregent griff in den Spielplan ein, entschied, wer welche Rollen übernahm und scheute nicht einmal davor zurück, Schillers Fiesco durch Streichungen und Hinzufügungen zu „verbessern“. Selbst wenn er irgendwo Krieg führte, kümmerte sich der Kaiser ums Theater und sandte seine Regieanweisungen vom Feld aus in die „Burg“.
Das alte Burgtheater (ganz rechts) platzte aus allen Nähten, deshalb wurde ein neues gebaut.
Erster Höhenflug
Die Eröffnung mit dem biederen Lustspiel Die Schwiegermutter ließ nichts Großes erwarten, doch bald erlebte das Burgtheater einen Höhenflug, wenn auch mehr als Opern- denn als Sprechbühne mit den Uraufführungen drei der wichtigsten Mozart-Werke: Die Entführung aus dem Serail, Le nozze di Figaro und Così fan tutte – Letzteres vom „Theaterdirektor“ Joseph II. bei Mozart persönlich in Auftrag gegeben.
Das alte Burgtheater verfügte schon vor seiner Zeit als „Nationaltheater“ über einen direkten Zugang zu den Privatgemächern des Hofes, sodass der jeweilige Monarch von der Hofburg aus ohne das Haus zu verlassen eine Vorstellung besuchen konnte.
Maria Theresia stürzte am 12. Februar 1768 im Nachthemd in ihre Theaterloge, unterbrach die auf der Bühne agierenden Schauspieler und rief dem staunenden Publikum zu, dass ihr Sohn Leopold soeben Vater eines Sohnes geworden wäre.
Anfang des 19. Jahrhunderts begann sich in einem Gemisch aus klassischem Drama, Konversationsstück und Boulevard das zu entwickeln, was seither als bedeutendste Bühne im deutschen Sprachraum weltweite Anerkennung findet. Grillparzer wurde für das Haus entdeckt, die Dramen Shakespeares, Goethes, Schillers und Calderóns erneuert.
Der Zuschauerraum im alten Burgtheater am Michaelerplatz.
Theater der Stars
Und das Burgtheater wurde zum Theater der Stars. Zu den berühmten (wenn auch heute großteils vergessenen) Hof-Schauspielern im alten Haus am Michaelerplatz zählten Adolf Ritter von Sonnenthal (der einzige vom Kaiser geadelte Schauspieler), Charlotte Wolter, Friedrich Mitterwurzer, Joseph Lewinsky und Katharina Schratt. Nur ihr Name blieb präsent – wenn auch mehr als Freundin des Kaisers als wegen ihrer Schauspielkunst.
Die Schratt spielte eine wichtige Rolle bei der Übersiedlung des Burgtheaters ins neue Haus am Ring. Schauspieler wie Publikum liebten das alte, intime Hoftheater am Michaelerplatz und wollten es nicht verlassen, doch da es mit 1.200 Sitzplätzen aus allen Nähten platzte, ließ Kaiser Franz Joseph an der neuen Ringstraße ein größeres und prächtigeres Theater, das heutige Burgtheater, errichten.
Seine Eröffnung am 14. Oktober 1888 löste einen Skandal aus, nicht nur wegen der immensen Baukosten von 21 Millionen Gulden (heute 130 Millionen €), sondern auch wegen schlechter Sicht und miserabler Akustik in den Rängen.
Der Schauspieler Hugo Thimig schrieb über das neue Burgtheater in sein Tagebuch: „Probe zu Götz von Berlichingen. Alles ist verzweifelt über die Schwerfälligkeit des Bühnenapparates ... Wallensteins Lager in Anwesenheit des Kaisers: Das Stück langweilte. Theils durch die Dimensionen des Hauses, theils durch zu lautes, forcirtes Sprechen der Schauspieler, die glauben, den großen Raum stimmlich füllen zu müssen. Alle Collegen tief traurig.“
Erhalten gebliebener Sessel aus dem alten Burgtheater.
Intervention beim Kaiser
Die „Collegen“ baten daraufhin Katharina Schratt, sich beim Kaiser dafür einzusetzen, das neue Burgtheater entweder abreißen (!) oder großzügig umbauen zu lassen. Franz Joseph weigerte sich zunächst, stimmte dann aber dem Umbau zu. Jetzt erst konnte die „Burg“ ihren Ruf als führende Bühne im deutschen Sprachraum wiederherstellen. Der Kaiser war ein großer Förderer des Burgtheaters, doch hielt sich in Wien das Gerücht, dass er die Vorstellungen eher der Schratt zuliebe als aus Liebe zur Kunst besuchte. Jedenfalls schrieb er im Jänner 1895 nach einer Aufführung von Lessings Nathan der Weise an seine im Ausland weilende Frau Elisabeth: „Sonnenthal gab den Nathan ausgezeichnet. Trotz der vortrefflichen Vorstellung schlief ich fest.“
Als die „Burg“ im April 1945 kriegsbedingt noch einmal übersiedeln musste, wiederholten sich die Vorbehalte: Die Schauspieler protestierten gegen das Ausweichquartier Ronacher, weil sie nicht „in einem Varieté wie einst dressierte Hunde, Ringer und halb nackte Nummerngirls“ auftreten wollten.
„Ach was“, erwiderte Direktor Raoul Aslan, „die Burg ist dort, wo wir spielen. Nicht das Haus, die Schauspieler sind die Institution.“
Kommentare