Latar Do

© KURIER/Gilbert Novy

Latar Do
03/12/2017

Die Kämpferin mit Kopftuch

Die 29-jährige Fatima Hadziavdic ist die erste Frau mit schwarzem Gürtel.

von Michaela Reibenwein

Die Hände sind zu Fäusten geballt. In Reih und Glied stehen die 13 Mädchen und Frauen in ihren weißen Kampfanzügen im Wiener Schulturnsaal nebeneinander. Auf Kommando beginnen sie zu springen, schlagen ins Leere. Dann geht es in den Zweikampf.

Vor ihnen steht Fatima Hadziavdic. Sie gibt die Kommandos. Auch sie trägt den weißen Anzug. Dazu einen schwarzen Gürtel. Und ein blaues Kopftuch.

Schwachstellen

Hadziavdic kommt aus Bosnien, spricht akzentfrei Deutsch und ist die erste Frau, die den schwarzen Gürtel in der Kampfsportart Latar Do (eine Mischung aus Karate, Judo, Jiu-jitsu und Boxen, Anm.) tragen darf. Der erste Eindruck, den die 29-jährige Frau hinterlässt, ist ein anderer. Sie spricht ruhig, leise. Kampfsport, das ist für sie vor allem ein "gutes Gefühl." Nämlich "zu wissen, wie man sie wehren kann. Man fühlt sich sicherer, ist selbstbewusster. Und im Notfall kenne ich die Schwachstellen eines Körpers." Einsetzen musste sie ihr Können noch nicht. Doch manchmal sei sie "sprachlos". Etwa dann, wenn ihr fremde Passanten den Rat geben: "Befrei dich doch! Nimm es runter!"

Gemeint ist das Kopftuch. "Ich trage es, seit ich mit dem Gymnasium begonnen habe. Für mich war das eine ganz bewusste Entscheidung."

Angestarrt werde sie oft, sagt sie. "Das ist wirklich nervig. Und das ist in den vergangenen Jahren wirklich schlimmer geworden. Das merkt man ja auch in den Fernseh-Diskussionen. Kopftuch zu tragen, bedeutet oft, ein Hassobjekt zu sein." Dazu kommen andere Vorurteile. "Manche sind ja nett gemeint, aber...", sagt die 29-Jährige. Etwa wenn schnüffelnde Hunde schnell weggezerrt werden, "weil Muslime ja keine Hunde mögen. Dabei hatte ich sogar einen."

Oder wenn sie in der Apotheke Medikamente holt und ihr die Apothekerin in ausladender Zeichensprache deutet, wie oft und wie viel sie davon einnehmen soll.

Was die Apothekerin nicht weiß: Die Bosnierin macht gerade ihre Doktorarbeit in Orientalistik, parallel dazu macht sie ihren Bachelor in Bildungswissenschaften. Ganz nebenbei spricht sie fünf Sprachen fließend. Neben Deutsch und Bosnisch noch Englisch, Persisch und Arabisch.

Sportstudium

Ursprünglich wollte die junge Frau Sportwissenschaften studieren. "Aber da wäre das Kopftuch ein Problem gewesen." Jetzt hat sie neue Pläne: "Vielleicht Sozialarbeiterin oder Heilpädagogin", sagt sie.

Mutter eines kleinen Mädchens ist sie übrigens auch noch. Und in zwei Monaten kommt ihr zweites Kind zur Welt. "Ein Vorbild auf allen Ebenen", nennt das Adam Bisaev, Latar Do-Gründer.

Mehrmals in der Woche steht sie trotzdem weiterhin vor ihren Schülerinnen und lernt ihnen, sich zu verteidigen. Auch die Frauen und Mädchen, die sie unterrichtet, tragen großteils Kopftuch. "Ich will ihre Persönlichkeit stärken. Und es ist wichtig, den Körper gesund zu halten", erklärt die Instruktorin.

Hadziavdic ist in Wien "angekommen". Doch die Zukunft macht ihr Sorgen. Speziell das heiß diskutierte Kopftuchverbot. "Ich weiß nicht, was ich tun werde, wenn es kommt", erklärt sie. "Wahrscheinlich auswandern." Doch so weit wolle sie gar nicht denken.

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