Tränenreicher Abschied aus dem Pflegeheim
18 Bewohner wurden in andere Pflegeheime verlegt. Für viele bedeutete die Übersiedlung auch die Trennung von langjährigen Bezugspersonen.
Von Gernot Heigl
Im Speisesaal des Seniorenhauses Wagner in Rudersdorf sitzen am Dienstag Bewohnerinnen zum letzten Frühstück. Die Stimmung ist gedrückt. Abseits schluchzen Betreuerinnen, um die Bewohner nicht noch nervöser zu machen. Es gibt Umarmungen und Abschiedsküsse.
Gegen 8 Uhr wird Magdalena Ponsold (80) als Erste aus dem Speisesaal geführt. Auf dem Gang verabschieden sich Pflegerinnen und Betreiberin Petra Wagner von ihr. Kurz zuvor hatte Maria Lex (67) ihre Mitbewohnerin umarmt und ihr „Baba, alles Gute, auf Wiedersehen“ zugerufen. Eine andere Bewohnerin schluchzte: „Auf Nimmerwiedersehen.“
„Keiner will hier weg“
Die Verlegung der 18 pflegebedürftigen Bewohner wurde in mehreren Tranchen durchgeführt. Nach Angaben von Wagner und Stationsleiterin Susi König waren sie vom Land nicht über die konkreten Abholtermine informiert worden. Davon hätten sie erst durch Angehörige erfahren. In der Früh fuhr mehrmals ein Polizeiauto vorbei.
Stationsleiterin Susi König (li.) verabschiedete die ehemaligen Bewohnerinnen vor ihrer Verlegung.
Für die Bewohner bedeutet die Übersiedlung auch die Trennung von vertrauten Menschen. Maria Lex wird nach Limbach gebracht und von ihrer Zimmerkollegin Anna Hupfer (85) getrennt. „Keiner will hier weg. Lieber wäre ich da geblieben“, sagte Lex. Ein Betreuer beschreibt die beiden Frauen als „ein altes, vertrautes Ehepaar“.
Besonders schwer fällt der Abschied Maria Oswald (93). Die Rollstuhlfahrerin wird nach Olbendorf verlegt. „Ich habe mich hier total wohlgefühlt. Dass ich hier weg muss, ist so furchtbar“, sagte sie. Im Heim habe jeder Handgriff gesessen. In einer neuen Umgebung müsse sie wieder von vorne beginnen. Auch das Personal reagiert verzweifelt. „Unser Team war mit unseren Bewohnern wie in einer großen Familie“, sagte Stationsleiterin König weinend. Betreuerin Daniela Hirczy nannte die Trennung „unmenschlich und alles andere als sozial“.
Die Darstellung des Landes
Das Land stellte die Übersiedlung in einer Aussendung als seit Monaten vorbereitete Maßnahme dar. Gemeinsam mit Bewohnern und Angehörigen seien individuelle Lösungen erarbeitet und Wünsche berücksichtigt worden. Wo ein gewünschter Platz noch nicht verfügbar sei, diene das Pflegekompetenzzentrum Olbendorf als Zwischenlösung. Zusätzliche Kosten entstünden nicht. Auch den Beschäftigten sei Hilfe bei der Suche nach neuen Arbeitsplätzen angeboten worden.
Maria Lex (mit Tasche): Abschiedskuss von Mitbewohnerin Magdalena Ponsold.
Soziallandesrat Leonhard Schneemann sprach von einem „System Wagner“ und privaten Profiten auf Kosten Pflegebedürftiger. Das Land nennt 1,3 Millionen Euro Gewinn aus einer Immobilientransaktion, knapp 200.000 Euro jährliche Geschäftsführerbezüge und rund 170.000 Euro an Gewinnausschüttungen. Zudem bestehe der Verdacht, dass nicht nachweisbar beschäftigtes oder nicht entsprechend qualifiziertes Personal sowie Verwaltungsleistungen doppelt verrechnet worden seien. Den mutmaßlichen Schaden beziffert das Land mit rund 270.000 Euro pro Jahr.
Wagner weist die Vorwürfe zurück. Nach einer Sachverhaltsdarstellung des Landes ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Betrugsverdachts und hat einen Buchsachverständigen beauftragt. Für Wagner gilt die Unschuldsvermutung. Hintergrund ist die Kündigung der Tagsatzvereinbarung mit 31. Juli (siehe Artikel unten). Ein Antrag auf einstweilige Verfügung wurde abgewiesen, auch ein Rekurs blieb erfolglos. Die nächste Verhandlung ist für 16. September angesetzt. Am Tag der Übersiedlung sagte Wagner: „Heute geht es nur um meine Bewohner.“
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