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Burgenland
08/30/2014

Esterházy: Die traurige Geschichte einer Liebe

Durch Enteignung verarmt, war sie später eine der reichsten Frauen Österreichs.

von Georg Markus

Reicher Fürst liebt schönes Mädchen, das ist der Stoff, aus dem die Träume sind. Doch hier verhält es sich anders, denn die Zeiten waren hart und unbarmherzig und der Traum wurde zum Albtraum. Diese Woche starb mit der 94-jährigen Melinda Esterházy die Hauptdarstellerin einer dramatischen Liebesgeschichte.

Begehrter Junggeselle

Man schreibt das Kriegsjahr 1942, als Paul Esterházy der Primaballerina Melinda Ottrubay nach einer Aufführung von "Romeo und Julia" im Budapester Opernhaus Blumen schickt. Bald deutet einiges darauf hin, dass sich hier mehr als ein Abenteuer entwickelt. Der 1901 auf Schloss Esterházy in Eisenstadt geborene Fürst zählt zu den begehrtesten Junggesellen seiner Zeit. Man weiß von Mätressen und Liebschaften, aber noch nie konnte sich der menschenscheue Aristokrat entschließen, eine feste Bindung einzugehen. Was wohl an dem unermesslichen Reichtum lag, der ihn fürchten ließ, vor allem seines Vermögens wegen geliebt zu werden. Sein Besitz umfasste mehr als 130.000 Hektar Land in Ungarn und 50.000 Hektar in Österreich sowie zwei Dutzend Schlösser und Burgen.

Melinda Ottrubay, Tanzstar der Budapester Oper, war 1920 als Tochter eines Richters in bürgerlichem Haus zur Welt gekommen und keineswegs dazu ausersehen, die Frau des Fürsten Esterházy zu werden, der zu den 200 reichsten Männern der Welt zählte und als Oberhaupt des jahrhundertealten Adelsgeschlechts für viele Magyaren nach dem Untergang der k. u. k. Monarchie als "heimlicher König" galt.

Plötzlich verarmt

Im März 1944 wird Ungarn von den Nationalsozialisten besetzt. Paul V. Esterházy ist bedingungsloser Antinazi und hat nach dem "Anschluss" aus Protest gegen Hitler seine Besitzungen in Österreich verlassen. Als der Krieg ein Jahr später beendet ist und die Kommunisten in Ungarn die Macht ergreifen, wird Esterházy enteignet. Und mit dem österreichischen Besitz verhält es sich, da seine burgenländischen Ländereien in der Sowjetzone liegen, ebenso. Der Fürst ist ein armer Mann, als er im Herbst 1945 um Melindas Hand anhält. Der 44-Jährige kann zum ersten Mal in seinem Leben sicher sein, dass ihn eine Frau der Liebe wegen heiraten würde. Am 3. August 1946 wird in Budapest Hochzeit gefeiert.

Esterházy in Haft

Melinda Esterházy lebt von da an mit ihrem Mann – der eben noch Ungarns reichster Magnat gewesen ist– in einer ärmlichen Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung.

Doch auch dieses Glück währt nur kurze Zeit. Denn zu Weihnachten 1948 wird Paul Esterházy verhaftet. Man wirft ihm, gemeinsam mit Ungarns ebenfalls inhaftiertem Kardinal Josef Mindszenty, die "Vorbereitung einer monarchistischen Verschwörung" vor. Der Fürst verbringt acht Jahre in Kerkern und Internierungslagern, deren grausame Foltermethoden dokumentiert sind. Er wird nie darüber sprechen, was mit ihm in dieser Zeit passiert ist, welche Schläge an Körper und Seele er erleiden musste.

"Klassenfeind"

Melinda wartet geduldig auf ihren Mann. Sie darf ihn nicht besuchen, erhält keine Auskunft, wie es ihm geht und ob er überhaupt am Leben ist. Da sie den Namen des "Klassenfeindes" Esterházy trägt, ist auch sie in Gefahr. Ein befreundeter Arzt bietet ihr in einer Nervenheilanstalt Schutz vor dem Regime. Zweieinhalb Jahre verbringt sie in dieser Atmosphäre.

Endlich frei

Im Zuge des Ungarn-Aufstandes des Jahres 1956 kommt Paul Esterházy frei. Als er heimkehrt, dauert es eine Weile, bis seine Frau begreift, dass er da ist. "Sie sprechen nicht viel, fragen nicht, was aus ihnen wird, machen keine Pläne", beschreibt Hanna Molden in dem Buch "Greif und Rose, Geschichte eines Fürstenpaares" das Wiedersehen.

Wieder vermögend

Pauls und Melindas Liebe hat die Jahre der Trennung überstanden. Der Fürst, inzwischen Mitte fünfzig, ist wieder vermögend, da ihm nach Unterzeichnung des Staatsvertrags und dem Abzug der Sowjets die riesigen Ländereien im Burgenland rückerstattet werden. Wie viele Ungarn nützen die Esterházys die kurze Regierungszeit des liberalen Imre Nagy, um in den Westen zu fliehen. In einem getarnten Rot-Kreuz-Auto gelangen sie über Wien in die Schweiz, wo sie sich niederlassen. "Als wir die Grenze überschritten", sagte Melinda Esterházy zu ihrer Biografin, "war das für uns der Himmel auf Erden. Wir fühlten uns in Sicherheit, weit weg von der Hölle." Von Zürich aus verwaltet Paul Esterházy nun seine Güter.

Melinda übersiedelt nach Pauls Tod im Mai 1989 nach Österreich. Nun ist die Frau, die einst einen "armen Schlucker" geheiratet hat, die größte private Grundbesitzerin Österreichs (siehe Kasten unten) und mit einem geschätzten Vermögen von 17 Milliarden Schilling (1,2 Milliarden €) eine der reichsten Frauen des Landes.

Mehrere Stiftungen

Als Alleinerbin – die Ehe war kinderlos geblieben – gründet Melinda Esterházy bald mehrere Stiftungen, die von ihrem Neffen Stefan Ottrubay verwaltet werden.

Fürst Paul V. Esterházy hat nach seiner Odyssee nie wieder ungarischen Boden betreten. Wie groß sein Heimweh wohl gewesen ist, zeigen nur die Worte, die er gegen Ende seines Lebens an einen Mitarbeiter gerichtet hat: Man möge dereinst seine Asche über den Neusiedler See streuen. Der Wind, der ja meist von Nord nach Südost weht, würde sich schon ihrer annehmen und sie dann nach Ungarn tragen ...

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