© Naturschutzbund

Chronik Burgenland
05/16/2022

Warum Bäume heuer besonders stark blühen und das Fensterputzen zur Qual machen

Heuer blühen besonders viele Baumarten gleichzeitig und besonders intensiv. Das ist nicht nur für Pollen-Allergiker ein Problem.

von Paul Haider

Allergiker haben es längst zu spüren bekommen: Im Frühling 2022 ist ein regelrechter Pollenregen über uns hereingebrochen. Wer findet, dass es heuer besonders schlimm ist, liegt nicht falsch. Fachleute sprechen von einem „Mastjahr mit einer synchronen Über-Vermehrung“: Viele Baumarten blühen zur gleichen Zeit, und das ungewöhnlich stark.

In jüngerer Vergangenheit kommt das immer öfter vor: Dass es in den letzten fünf Jahren gleich mehrere Mastjahre gegeben hat, widerspreche der Lehre der traditionellen Forstwirtschaft, sagt der steirische Naturschutzbund-Präsident Johannes Gepp: „Als Richtzahl wurde bisher jedes siebente Jahr als durchschnittliches Mastjahr eingeschätzt. Dieses bereits jahrelang anhaltende Massenfruchten unserer Bäume ist eine direkte Reaktion auf den Klimawandel.“

Klimatische Stressfaktoren

Die gleichen Beobachtungen hat auch Herbert Stummer, Experte für Forstwirtschaft in der burgenländischen Landwirtschaftskammer, gemacht. Auf geringe Niederschlagsmengen würden die Bäume mit einer Überproduktion von Samen reagieren. Stummer sagt im Gespräch mit dem KURIER: „Gemäß dem Motto ‚jede Henne legt noch ein Ei, bevor sie stirbt’, will der Baum aus Stress heraus sein Erbgut vermehren. Ich habe noch gelernt, dass Eichen alle acht Jahre blühen. Die Abstände sind immer kürzer geworden, heuer sind die Bäume wieder krachvoll mit Eicheln.“

Lebensbedrohlich sei das für den Baum noch nicht, betont Stummer. Allerdings kostet die massenhafte Samenproduktion viel Energie; Energie, die dem Baum wiederum zum Wachsen fehlt.

Mastjahre lassen sich an den Jahrringen der Baumstämme ablesen: Ist der Ring eines niederschlagsreichen Jahres rund fünf Millimeter dick, so sind es in einem Mastjahr nur in etwa 2,5 Millimeter. Das hat Folgen für die Holzwirtschaft. „Kein anderes Produkt hat eine so lange Vorlaufzeit wie Holz. Bei einer Fichte sind es 70 bis 80 Jahre bis zur Schlägerung, bei einer Eiche können es 140 Jahre sein“, erklärt Stummer.

Laut Pollenwarndienst (www.pollenwarndienst.at) müssen Allergiker aktuell mit Belastungen durch folgende Gräser rechnen: Wiesenfuchsschwanzgras, Ruchgras, Wiesenrispengräser und  Knäuelgräser. Auch Wegerich und Ampfer können derzeit allergische Reaktionen auslösen.

„Schwefelregen“
Pollen von folgenden Bäumen fliegen aktuell durch die Luft: Birke, Eiche, Buche, Manna-Esche. Die gelben Staubsedimente von Nadelbaumpollen, der sogenannte „Schwefelregen“, löst keine allergischen Beschwerden aus.
 

Für Waldbesitzer ist das vermehrte Auftreten von Mastjahren somit ein Warnsignal und bringt die Frage mit sich, welche Baumsorten in Zukunft für die Aufforstung verwendet werden sollen. Auf diese und andere Fragen sucht das Landwirtschaftsministerium derzeit mit der Initiative „Klimafitter Wald“ Antworten.

Folgen für Waldtiere

Das massenhafte Blühen in Mastjahren hat auch Auswirkungen auf die Populationen der Waldbewohner: Die vielen Samen und Früchte sind ein gefundenes Fressen für Käfer, Raupen, Mäuse, Rehe, Wildschweine & Co., die sich aufgrund des großen Nahrungsangebots freudig vermehren. Eine Konsequenz daraus ist aktuell im Burgenland zu beobachten: Um die Wildschweinpopulation einzudämmen, wird seit Jahresbeginn eine Abschussprämie von 25 Euro pro Tier ausbezahlt. Bis Ende 2022 soll der Wildschweinbestand im Land von 30.000 auf 10.000 Exemplare reduziert werden.

Das nun angebrochene Mastjahr dürfte allerdings erneut reichen Kindersegen in den heimischen Wäldern mit sich bringen.

Positiver Nebeneffekt des Massen-Baumblühens: Das Mastjahr bringt nicht nur indirekt eine Menge Wildfleisch auf die Teller, sondern heuer wohl auch eine reichhaltige Obsternte mit sich:

Zwei Jahre in Folge mussten heimische Obstbauern um ihre Ernte zittern: 2020 und 2021 hat Spätfrost viele Blüten von Marillen-, Kirschen und Apfelbäumen zerstört.
Heuer schaut es besser aus. Brigitte Gerger vom Verein Wieseninitiative aus dem Bezirk Güssing freut sich auf ein „vielversprechendes Obstjahr“, wie sie sagt: „Zwei Jahre lang haben wir wegen Frost und Alternanz sehr wenig Obst gehabt. Aber heuer ist eine überreiche Blüte vorhanden“, schildert die Expertin für Streuobst.

Bleibt  noch das Risiko von Hagelschäden – und: „Es ist zu befürchten, dass der Preis für Pressobst durch das Überangebot  ins Bodenlose fällt“, sagt Gerger. 
Know-how für den Obstbau im eigenen Garten kann man sich übrigens nächsten Samstag in Mannersdorf (Bezirk Oberpullendorf) beim Sommerschnitt-Kurs holen. Mehr Infos unter: www.streuobstwiesn.at


 

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare