Chronik | Burgenland
22.09.2015

Parndorf: Erste Opfer aus Kühl-Lkw identifiziert

Alle waren aus einer Stadt in Syrien. 1600 Euro für die Fahrt in den Tod bezahlt.

Hussein Khalil Mustafa war Kurde und lebte in Syrien. Der 34-Jährige sprach vier Sprachen und wollte in Deutschland ein neues Leben anfangen. Hussein hatte einen Abschluss an der Universität in Damaskus. Als er am 25. August mit seiner Familie in Qamishli (Nordosten von Syrien) telefonierte, wusste er noch nicht, dass es das letzte Telefonats seines Lebens werden dürfte. Für den Kurden endete der Traum vom neuen Leben wenige Stunden später in jenem Kühl-Lkw, der am 27. August auf der burgenländischen Autobahn bei Parndorf entdeckt wurde.

Hussein war gemeinsam mit seinem Bruder Raman (21) und deren Freund Massoud Mohamed Yousef aufgebrochen, berichtete Husseins Cousin der Nachrichtenagentur Reuters. Dass die drei tatsächlich auf dem Lkw waren, wurde dem KURIER bestätigt. Ihre Identität wurden über Reisedokumente und ein älteres Samsung-Handy bestimmt. Mittlerweile wurden die ersten der am Wiener Zentralfriedhof gelagerten Leichen identifiziert, einige wenige sogar schon für Bestattungen in ihre Heimatländer ausgeflogen. Auch das Profil berichtet von zwei weiteren Männern, die aus Qamishli kamen und nach Wien reisen wollten. Angeblich sollen es sogar 17 kurdische Syrer sein, heißt es in arabischen Medien.

Die beiden Brüder Hussein und Mohamed verließen ihre (aktuell wieder umkämpfte) Heimatstadt offenbar im Jahre 2013 als der Islamische Staat vor der Tür stand. Die drei Freunde versuchten aber zunächst im Norden des Iraks Fuß zu fassen, allerdings wurde dort ihre Aufenthaltsgenehmigung 2015 nicht verlängert.

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Auto versprochen

Als letzte Chance wählten sie die Fluchtroute über die Türkei, Griechenland und Mazedonien nach Serbien. Dort trafen sie einen kurdischen Schmuggler aus dem Irak, der ihnen anbot, sie für 1600 Euro pro Person nach Deutschland zu bringen. Angeblich sollten maximal vier Personen in einem Auto unterwegs sein. Würden sie nicht ankommen, bekämen sie Teile des Geldes wieder zurück, wurde ihnen gesagt.

Nun, knapp vier Wochen nachdem die 71 toten Flüchtlinge auf der A4 gefunden wurden, sind die Erhebungen der Polizei noch lange nicht beendet. "Einige wenige Personen wurden identifiziert. Bei ihnen steht die Identität zu hundert Prozent fest", sagt Gerald Pangl, Sprecher der Landespolizeidirektion Burgenland am Dienstag. Die Identifizierungen sei unter anderem möglich gewesen, weil die Polizei gleich nach Bekanntwerden der Tragödie eine Hotline eingerichtet hatte. Es gab auch bereits DNA-Abgleiche mit Hinterbliebenen.

"Es haben sich bei uns beispielsweise Angehörige gemeldet, die bis zuletzt noch Kontakt zu ihren Verwandten oder Freunden hatten", erklärt Pangl. Aber auch die Auffindung von Reisedokumenten habe teilweise eine Identifizierung möglich gemacht. Zudem seien Hinweise aus verschiedenen Ländern wie Irak, Afghanistan, Schweden oder Deutschland bei der Aufklärung hilfreich gewesen. Die Zusammenarbeit mit den Botschaften diese Länder funktioniere jedenfalls ausgezeichnet, sagt der Polizeisprecher.

Ort soll 67 Flüchtlinge bestatten

Mit einem "österreichweit einzigartigen Fall" sieht sich der Bürgermeister von Parndorf, Wolfgang Kovacs, konfrontiert. Weil die 71 toten Flüchtlinge im Kühltransporter bei Parndorf aufgefunden wurden, habe auch die Gemeinde für die Bestattung zu sorgen.

Mit der Organisation sieht sich der Ortschef der 4700-Einwohner-Gemeinde alleingelassen. "Der aktuelle Stand ist, dass vier der Leichen – irakische Staatsbürger – von ihren Familien in deren Heimat überführt werden." In diesen Fällen würden die Angehörigen die Kosten übernehmen. Neben dem finanziellen Aspekt – Kovacs rechnet mit Bestattungskosten von etwa "100.000 € oder mehr" – kämen aber auch noch andere Sorgen hinzu.

Kovacs geht davon aus, dass die Toten alle an einem Ort bestattet werden sollen. Da es sich durchwegs um Muslime handelt, kommt eine Feuerbestattung nicht infrage. Und ob alle auf dem Ortsfriedhof – er gehört der katholischen Kirche – Platz finden, ist fraglich. Bisher habe es dort noch nie ein muslimisches Begräbnis gegeben – und das, obwohl in Parndorf 40 verschiedene Nationalitäten mit zwölf unterschiedlichen Religionen leben. "Unsere Mitbewohner, die türkischer Abstammung sind, haben Zusatzversicherungen. Im Todesfall werden sie in ihre alte Heimat überstellt und auf einem muslimischen Friedhof begraben."

Aufgrund der Ausnahmesituation hätte man bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft nichts gegen eine Bestattung in Parndorf einzuwenden. Geeignete Gräber würden sich auch in Wien befinden – auf dem Zentralfriedhof und auf dem muslimischen Friedhof in Liesing.

Schlepperring schleuste Hunderte ins Land

In länderübergreifenden Ermittlungen gelang es Polizisten aus Österreich, Ungarn und Serbien, einen internationalen Schlepperring auszuheben. Die Täter sollen Hunderte Flüchtlinge illegal von Serbien über Ungarn nach Österreich und weiter nach Deutschland geschleust haben. In einer konzertierten Aktion erfolgten Zugriffe in allen Ländern.

In Österreich wurden im Auftrag der Staatsanwaltschaft Eisenstadt fünf Verdächtige (25, 30, 36, 38 und 53 Jahre alt) an ihren Wohnadressen in Linz und Leonding sowie an deren Arbeitsplatz in Bad Kreuzen (alle OÖ) festgenommen. Beamte des Landeskriminalamts OÖ stellten bei den Hausdurchsuchungen rund 2000 Euro Bargeld, Mobiltelefone, SIM-Karten sowie Navigationsgeräte und Autos sicher. Die Festgenommenen (zwei Pakistani, zwei Österreicher, ein Türke) wurden nach Abschluss der Vernehmungen in die Justizanstalt Linz eingeliefert. Den Tätern drohen Haftstrafen zwischen einem und zehn Jahren. Die Verdächtigen sind teilweise geständig.

"Die Aushebung dieses Schlepperrings ist für mich ein weiteres Zeichen, dass unsere Maßnahmen Wirkung zeigen und dass unsere Polizisten eng und professionell zusammenarbeiten, auch länderübergreifend mit Ungarn und Serbien", lobte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner die Beamten.