© Roland Pittner

Chronik Burgenland
01/02/2021

Covid-Grenze: „Das könnte sich Orban nicht leisten“

Im Lauf des Jahres setzte sich an der Grenze trotz Corona-Maßnahmen eine praktikable Normalität durch – weil es nicht anders geht.

von Michael Pekovics

Im südburgenländischen Bildein ist das Leben seit jeher langsam und stressbefreit – egal ob im Lockdown oder nicht. Das beginnt bereits damit, dass die Gemeinde erst 1922 und damit um ein Jahr später als das Burgenland zu Österreich gekommen ist. Das Leben am 1989 gefallenen Eisernen Vorhang hat die Bevölkerung jahrelang geprägt. „Und ganz ist die Grenze auch heute noch nicht aus den Köpfen verschwunden“, sagt Walter Temmel, der Bürgermeister, der erst seit 1993 eigenständigen Gemeinde mit etwas mehr als 300 Einwohnern.

Verflechtungen

Vielleicht war deshalb die Umstellung im Frühjahr, als in ganz Europa unter dem Eindruck der beginnenden Pandemie die Grenzbalken von einem Tag auf den anderen hochgefahren wurden, gar nicht so groß. Zumindest nicht auf österreichischer Seite. Denn nach der anfänglichen Aufregung inklusiver kilometerlanger Staus an den großen Grenzübergängen wie Nickelsdorf stellte sich schnell heraus, dass die ungarischen Corona-Verordnungen in der Praxis rasch an ihre Grenzen stoßen. Zu eng sind die wirtschaftlichen Verflechtungen und die Abhängigkeiten – auf beiden Seiten.

Pflegesystem

„Meistens werde ich von den Grenzbeamten nur durchgewunken, so wie die meisten Berufspendler“, erzählt die 55-jährige Ungarin Eszter Nagy (Name von der Redaktion geändert; Anm.), die wie viele ihrer Landsleute in Österreich mehr verdient als zu Hause. „Orban könnte es sich nicht leisten, wenn wir nicht mehr nach Österreich fahren könnten, um Geld zu verdienen.“ In Österreich wiederum würde das Pflegesystem ohne ungarische Arbeitskräfte schwer unter Druck geraten.

Umgekehrt sind aber auch viele ungarische Betriebe auf österreichische Kunden angewiesen, vor allem im Gesundheitsbereich. „Ohne sie könnten wir schließen“, sagt Edith Hirschbock vom Schweizer Zahnarzt Management im nur knapp 20 Kilometer von Bildein entfernten Szombathely. „Ungarn hat wirtschaftlich aufgeholt. Heute wird eher bei uns eingekauft als umgekehrt“, sagt Ortschef Temmel im Gespräch mit dem KURIER, während gerade wieder ein ungarischer Pkw vorbeifährt. In die andere Richtung fährt kaum jemand, eine zehntägige Quarantäne bei der Rückkehr wäre die Folge.

Dennoch gab es auch im Corona-Jahr immer wieder Phasen, in denen an der Grenze nur lasch kontrolliert wurde. „Da konnte man einfach rüber fahren, die Polizei hat nur den Pass angeschaut und das Kennzeichen fotografiert“, erzählt Stefan Heid, der in der Zeit des österreichischen Lockdowns bei einem ungarischen Baumarkt eingekauft hat. Die Einheimischen würden vor allem darunter leiden, dass das Fahren von Abkürzungen über Ungarn derzeit nicht möglich ist.

Sehnsucht

Unter Corona gelitten hat heuer vor allem auch die Kultur. „Aber nicht ganz. Bei den wenigen Veranstaltungen im Sommer haben wir gemerkt, wie groß die Sehnsucht bei den Menschen ist“, sagt Clemens Schrammel vom örtlichen Kulturverein, dessen Aushängeschild – das „picture on Festival“, das jährlich tausende Besucher anzieht – heuer abgesagt werden musste. „Für heuer planen wir aber mit einer großen Portion Zuversicht und Optimismus.“ Aber ganz ohne Stress und Druck, denn: „Was kommt, wissen wir alle nicht.“

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