© Petra Stacher

Chronik Österreich
01/02/2021

Fehlende Kunden, Quarantänepflicht: Das schwierige Leben an der Covid-Grenze

Wegen Corona sind die Grenzen zu. Für die Bewohner ist das ein zusätzlich verschärfter Lockdown.

von Martin Gebhart, Petra Stacher

Der Traum von einem Europa der offenen Grenzen hatte bereits wegen der Flüchtlingskrise leiden müssen. Die Corona-Krise hat ihm einen weiteren schweren Dämpfer versetzt und das Zusammenwachsen der Grenzregionen vorerst einmal gestoppt. Für die Bewohner fühlt sich das teilweise wie ein doppelter Lockdown an, mit unterschiedlichen Regeln diesseits und jenseits der Grenze. Verbunden mit der Ungewissheit, in eine Quarantänefalle zu tappen, wenn man nicht aufpasst.

Anhand von Braunau, Gmünd oder Bildein sowie deren Gegenüber in Deutschland, Tschechien und Ungarn zeigt sich, wie schwierige das Leben geworden ist. Diese Grenzorte sind mit ihren Nachbarn im Ausland besonders eng verbunden.

Unterschiedliche Regeln

Für alle, die nach Österreich wollen, gelten seit dem 19. Dezember verschärfte Regeln. Wer aus einem Risikogebiet einreist, muss sich einer zehntägigen Quarantäne unterwerfen. Derzeit gelten alle Anrainerstaaten als Risikogebiet. Frühestens nach fünf Tagen kann man sich aber mittels eines PCR- oder eine Antigen-Tests freitesten. Ausnahmen gibt es nur für Berufspendler, Durchreisende und Geschäftsreisende.

Wer nach Deutschland will, muss ebenfalls in eine Pflichtquarantäne. Für die Einreise nach Bayern wird seit dem 23. Dezember außerdem ein höchstens 48 Stunden alter Covid-Test benötigt. Nach Tschechien darf man derzeit nur aus wesentlichen Gründen und mit einem negativen PCR-Test, höchstens 72 Stunden alt, einreisen. Für Pendler gibt es ein Grenzpendlerformular. Ungarn lässt ausländische Staatsbürger überhaupt nur in begründeten Ausnahmefällen einreisen. Mit Quarantäne- und Testpflicht. Nur für die Schweiz zählt Österreich nicht mehr als Risikogebiet.

Der KURIER begab sich in den Grenzregionen deshalb auf Lokalaugenschein:

Mit Kapuze über dem Kopf und dem Hund an der Leine eilt die 30-jährige Sandra Daxberger durch die Braunauer Altstadt in Richtung Drogeriemarkt. Für sie ein ungewohntes Ziel: „Normalerweise fahre ich dafür über die Grenze nach Simbach. Das ist viel billiger“, erzählt sie. 

Doch der Weg in ihre Stammdrogerie bleibt ihr vorerst verwehrt. Denn über die 320 Meter lange Brücke, die die Orte Braunau in Oberösterreich und Simbach am Inn in Niederbayern trennt, darf sie derzeit nicht gehen – ist diese doch gleichzeitig Staatsgrenze und Corona-bedingt geschlossen.

Bei einem Lokalaugenschein zeigt sich: Von Grenzposten und Passkontrolle ist jedoch keine Spur. Nur ein dezentes, weißes Schild auf der Brücke – die über die natürliche Grenze, den Inn, führt – weist in Braunau  darauf hin, dass man hier nach zu Deutschland kommt.

Normalerweise passieren 16.000 bis 18.000 Fahrzeuge die alte Innbrücke pro Tag. Aktuell sind es klarerweise deutlich weniger. „Die Polizei kontrolliert stichprobenartig“, erklärt Braunaus Bürgermeister Johannes Waidbacher (ÖVP). Pendeln zum Arbeiten ist derzeit etwa erlaubt. Ein Ausflug nach Bayern  zum Einkaufen jedoch nicht.

Vor allem die günstigeren Waren der Drogeriemärkte in Deutschland scheinen den Braunauern abzugehen. „Wenn Produkte bei uns verbilligt sind, ist der Normalpreis in Deutschland noch immer niedriger“, sagt etwa Gerlinde Denk (53), die entlang des Stadtplatzes spaziert.    

Deutsche Kunden fehlen

Aber den Braunauern geht nicht nur Simbach ab – sondern auch die Simbacher. Denn den Betrieben auf österreichischer Seite fehlen die Leute aus dem Nachbarort: „Das Geschäft ist weg. Mindestens 40 Prozent der Kunden sind Deutsche“, erzählt Karl Watzek, ehemaliger Inhaber einer Würstelbude.
Doch es ist viel mehr als nur „Warenaustausch“ und ein gemeinsamer Wirtschaftsstandort. „Viele Simbacher wohnen in Braunau, viele Braunauer in Simbach. Es gibt freundschaftliche  und familiäre Bande“, beschreibt Bürgermeister Waidbacher.

Kritik

Und gerade diese fehlen besonders: „Ich finde die Grenzschließung nicht gut. Meine Eltern wohnen drüben. Meine Schwester sehe ich fast gar nicht mehr. Auch die Freunde nicht“, erzählt Klaus Österbauer (53), der gerade mit seiner Lebensgefährtin an der Bushaltestelle wartet. Zudem seien die Regelungen „zu schwammig“.
Eine Kritik, die Ortschef Waidbacher nachvollziehen kann: „Österreich und Deutschland haben unterschiedliche Maßnahmen – und die ändern sich noch dazu rasch. Es ist schwierig, weil das Infektionsgeschehen eben nicht parallel verläuft.“

Geschlossene Grenzen und die damit verbundenen Nachteile – das ist man einfach nicht mehr gewohnt. „Vor der EU waren wir ein Grenzbezirk. Ich selbst bin mit zwei Geldtaschen aufgewachsen. Eine für D-Mark und eine für Schilling. Doch das hat sich dann aufgehört, und man wusste eigentlich nicht mehr, wo Österreich aufhört. Jetzt taucht das alles wieder auf“, lässt Waidbacher Revue passieren.

„Es nimmt einem ein bisschen das Gefühl von Freiheit“, sagt Olivera Jovanovic (51), die gerade durch Braunau unterwegs ist. „Es ist, wie wenn man einem Kind ein Geschenk gibt – und es ihm dann wieder wegnimmt.“

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