Chronik | Burgenland
26.01.2015

"Die Leute verbarrikadierten sich"

Einer der schwärzesten Tage der Republik und der Roma jährt sich zum 20. Mal.

Wir waren an diesem Tag auf dem Weg nach Wien", erinnert sich Johann Baranyai. Sein Sohn hatte Geburtstag, in der Siedlung haben sie noch Verwandte besucht. "Das war so ein Ritual", sagt Baranyai. Als sein Freund Peter Sarközi die Geburtstagstorte im Auto sah, scherzte er noch, "wir sollen sie gleich anschneiden, aber ich sagte, wir bringen dir ein Stück mit". Das waren die letzten Worte, die die beiden miteinander gewechselt haben.

In der selben Nacht vom 4. auf den 5. Feber 1995 riss eine Rohrbombe Peter Sarközi, Josef Simon, Karl und Erwin Horvath aus dem Leben.

Panik

"Am nächsten Vormittag hat der Cousin meiner Frau aus der Siedlung angerufen, war ganz hysterisch und hat fast kein Wort herausgebracht", sagt Baranyai. Es war aber klar, dass es Tote gab, die Familie fuhr sofort zu ihren Verwandten in die Siedlung. An ein Attentat habe zuerst niemand gedacht. Die Polizei vermutete eine interne Streiterei, die eskalierte. "Alle Häuser in der Siedlung wurden durchsucht, Sprengstoff wurde aber keiner gefunden", sagt Baranyai.

Attentat

Nachmittags kam die Information, dass es sich um ein rassistisch motiviertes Attentat gehandelt hat. Die Tafel mit der Aufschrift " Roma zurück nach Indien" ließ keine Zweifel. Unklar war, wer oder welche Gruppierung den Anschlag geplant hatte.

"Es herrschte Panik", sagt Baranyai. 1993 wurden die Roma in Österreich als Volksgruppe anerkannt. Baranyai und seine Frau waren aktiv im Roma-Verein tätig, "es herrschte eine richtige Aufbruchsstimmung". Nach dem Anschlag folgte die Unsicherheit. "Die Leute haben sich verbarrikadiert", sagt der Zeitzeuge. Die internationale Presse fiel über Oberwart her und versuchte einen Keil zwischen die Bevölkerung und die Bewohner der Siedlung zu treiben. "Ich war damals rund um die Uhr im Einsatz", sag Horst Horvath, damals Obmann des OHO (Offenes Haus Oberwart) und heute auch für die Volkshochschule der Burgenländischen Roma tätig. Er hat seinerzeit das Trauerflor an den Ortstafeln organisiert und die Medienarbeit koordiniert, gemeinsam mit Kurt Kuch und anderen Mitstreitern. "Einige Journalisten sind in Häuser gestürmt und haben gefilmt, ohne mit den Leuten vorher zu reden", sagt Horvath.

Der Lebensrhythmus hat sich nach dem 5. Feber auch für die Baranyais schlagartig geändert. "Meine Frau wurde in einem Bekennerschreiben namentlich erwähnt", sagt Baranyai. Die Polizei untersuchte das Haus sofort auf Sprengstoff. "Wir haben alle gemeinsam im Wohnzimmer geschlafen, dickere Postsendungen haben wir nicht gleich geöffnet, und auch das Auto habe ich ständig kontrolliert", sagt Baranyai.

Einzeltäter

1997 wurde Franz Fuchs schließlich gefasst. Er war für das Attentat in Oberwart (siehe Zusatzbericht) verantwortlich. "Es war beruhigend, dass es sich nur um einen Einzeltäter gehandelt hat", sagt Baranyai. Dass er Franz Fuchs hasse, könne er nicht sagen, "es war ein kranker Mann, und die Sache hat auch für ihn tragisch geendet". Fuchs erhängte sich in seiner Gefängniszelle.

Heute ist Baranyai Obmann des Verein Roma Oberwart. Die gesellschaftlichen Vorbehalte gegen Roma hätten sich verbessert. "Die Leute sind heute offener und mehr informiert", sagt Baranyai. Für die Roma sei Bildung der Schlüssel zur gesellschaftlichen Integration. Klischees könnten am besten mit einer guten Ausbildung abgebaut werden. "Es gibt viele, die höhere Schulabschlüsse haben." Arbeitsplätze seien aber wenig vorhanden, "das trifft die Mehrheitsbevölkerung schon stark und natürlich auch die Volksgruppe", erklärt Horvath.

In der Siedlung "Am Anger" in Oberwart leben heute nur mehr rund 60 Menschen, 1995 waren es noch mehr als 150. Sie liegt abseits der Stadt, doch mit dem Bauhof und einigen anderen Bauwerken in der Nähe wächst sie immer mehr mit Oberwart zusammen. Die meisten Roma sind sowieso ins Stadtzentrum, nach Graz oder Wien gezogen, meint Baranyai, der nach Großpetersdorf zog. "Wir haben uns damals sehr wohl gefühlt, es war eine große Familie". Er selbst hat einige Jahre "Am Anger" gelebt. Um die Kultur der Roma sei es schade, die Sprache Roman ist vom Aussterben bedroht, und auch die Siedlungen würden in den nächsten Generationen verschwinden.

Attentäter Franz Fuchs

Die schlimmste Terrorwelle der Zweiten Republik begann am 3. Dezember 1993. Bis Dezember 1995 wurden in fünf Serien 23 weitere explosive Postsendungen verschickt. Zehn Personen wurden verletzt, darunter auch Helmut Zilk. Am 1. Oktober 1997 wurde Fuchs zufällig von der Polizei kontrolliert, er fühlte sich ertappt und zündete eine Bombe, die ihm beide Hände zerfetze. 1999 wurde er wegen vierfachen Mordes zu lebenslanger Haft ver- urteilt. Am 26. Feber 2000 er- hängte sich Fuchs in seiner Zelle mit dem Kabel seines Rasierers.

Lichterzug zur Roma-Siedlung und Festakt

Die Bombe in Oberwart war der bisher folgenschwerste innenpolitisch motivierte Anschlag in Österreich. Der rechtsradikale Franz Fuchs baute die Sprengfalle in einen Sockel ein, auf dem ein Schild mit "Roma zurück nach Indien" befestigt war.

Für die vier Toten wurde in der Nähe des Tatortes ein Denkmal errichtet. Am 4. Feber jährt sich das Attentat zum 20. Mal. Organisiert wird die Veranstaltung von den Roma-Vereinen: Verein Roma Oberwart, Roma Service, Volkshochschule der Burgenländischen Roma, Kulturverein Ö. Roma, Verein Karika und Referat für ethnische Gruppen. Unterstützt wird der Festakt vom Land Burgenland und der Stadtgemeinde Oberwart. Bundespräsident Heinz Fischer, Landeshauptmann Hans Niessl, sein Stellvertreter Franz Steindl und andere Politiker haben sich für das Gedenken am 4. Feber angesagt. Vom Rathaus in Oberwart wird es einen Lichterzug zur Roma-Siedlung geben. Bei der Gedenkstätte wird es dann eine Andacht geben.

Um 17 Uhr wird im Offenen Haus Oberwart die Ausstellung von Manfred Bockelmann, "Zeichnen gegen das Vergessen", eröffnet. Er wird erstmals auch seine Bilder der vier in Oberwart ermordeten Roma präsentieren.