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Aufregung um Seidl-Doku
09/18/2014

ÖVP-Politiker singen in Nazi-Keller

Gerneralsekretär Blümel fordert umgehend den Rücktritt der burgenländischen VP-Gemeinderäte.

von Thomas Orovits

Eine Szene aus Ulrich Seidls neuem Dokumentarfilm "Im Keller", der gestern Österreich-Premiere feierte, sorgt nicht nur in der nordburgenländischen 2000-Einwohner-Gemeinde Marz für helle Aufregung: Fünf Männer in Tracht, die Volkslieder singen, sitzen in einem Keller voller Nazi-Devotionalien – Hakenkreuz und Hitler-Porträt inklusive. Zwei der Männer sollen laut TV-Sender Puls 4 ÖVP-Gemeinderäte sein. Als der KURIER einen der beiden am Telefon erreicht, sagt Ewald W. nur: "Ich habe keine Zeit und kein Interesse an weiteren Fragen". Der zweite Gemeinderat und der Keller-Besitzer Josef O. waren nicht erreichbar. Puls 4 gegenüber sagte Letzterer: "Ich bin nur Sammler."

Mittlerweile hat sich auch Gernot Blümel, Gerneralsekretär der ÖVP, zu Wort gemeldet. Er fordert den sofortigen Rücktritt der zwei burgenländischen Gemeinderäte. Rechtsextremes Gedankengut habe in der ÖVP nichts verloren, erklärt Blümel in einer Aussendung. "Darum ist für uns als Österreichische Volkspartei klar, dass der Rücktritt der beiden burgenländischen Gemeinderäte, die im Ulrich Seidl-Film 'Im Keller' zu sehen sind, aus ihren politischen Ämtern umgehend zu erfolgen hat", heißt es weiter.

Bedauern

Bürgermeister Gerald Hüller (ÖVP) bedauert zutiefst, dass seine Gemeinde in ein braunes Licht getaucht wird. "Die Gräueltaten der Nazi-Zeit sind durch nichts zu entschuldigen und entsprechend zu verurteilen." Den Gastgeber der "lustigen Runde" im Keller, den alle im Ort nur "Joe" nennen, kennt der Ortschef als "begeisterten Musiker" im örtlichen Musikverein. Hüller selbst war "noch nie" im ominösen Keller.

Den plötzlich zu zweifelhaftem Ruhm gelangten Gemeindebürger sieht auch der Bürgermeister als "Sammler". So verfüge "Joe" über ein umfangreiches Verzeichnis aller Marzer Geburts- und Sterbedaten. Und er sei Kapellmeister der "Leichencombo", die Begräbnisse begleite. Bürgermeister Hüller: "Er ist meines Wissens auch nicht auffällig in Richtung Wiederbetätigung und es hat sich noch niemand in diese Richtung bei mir geäußert."

Kein Geheimnis

Der KURIER erfuhr in Marz allerdings auch, dass die Vorlieben von O. im Ort kein Geheimnis gewesen seien, als Nazi sei er aber nie gesehen worden, eher als Sammler mit durchaus eigentümlichem Humor.

Das Gemeindeoberhaupt ist sich "sicher, dass die im Film zu sehenden Personen unter dem Vorwand, Joe solle als Sammler und Musiker dargestellt werden, zur Teilnahme an einer ,feucht-fröhlichen‘ Musikprobe überredet wurden".

Schriftlich reagierte Bezirksparteiobmann Christian Sagartz: "Für die ÖVP ist klar: In Österreich darf kein Platz für Gutheißen des verbrecherischen NS-Systems sein. Falls es stimmt, dass Gemeinderäte in diesem Film auftreten, ist der Beweggrund dafür zu klären. Wer strafrechtlich relevante Handlungen begeht oder gutheißt, hat in unserer Interessengemeinschaft nichts verloren", ließ Sagartz, der auch ÖVP-Landesgeschäftsführer ist, ausrichten.

Die Staatsanwaltschaft prüft nach einer Anzeige durch die Polizei, ob Ermittlungen eingeleitet werden.