"Marina Abramovic bringt Brasilien zum Weinen": Blogs haben die Performance-Queen auf der Schaufel.

© marinaabramovicmadebrazilcry.tumblr.com/

Brasilien weint mit Marina
07/11/2014

Marina Abramovic wird zur Lachnummer

Die Queen der Performancekunst bekommt während der Fußball-WM einen Nebeneffekt ihres Ruhms zu spüren: Spott.

von Michael Huber

Es ist eine Sache, ,alternativ' zu sein, wenn du 30 oder 40 bist", sagt Marina Abramović im Film "The Artist Is Present", der ihre gleichnamige Langzeit-Performance im New Yorker MoMA 2010 dokumentierte. "Aber, Entschuldigung, ich bin jetzt über 60, ich will nicht mehr alternativ sein!"

Tatsächlich: Marina Abramović hat es geschafft, sie ist heute Mainstream. Und sie kostet es voll aus: Abramović umgibt sich als Promi mit Promis, sie trat mit Jay-Z in einer Galerie auf und drehte ein Video mit Lady Gaga, um Werbung für ihr "Marina Abramović Institute" zu machen. Dort sollen Performerinnen die "Abramović-Methode" lernen, die es braucht, um Langzeit-Performances durchzustehen.

Auch die "Abramović-Methode" hat zweifellos einen Hintergedanken: Die Künstlerin kultiviert eine Reihe von geschulten Kräften, die ihre Ideen an möglichst vielen Orten der Welt - und womöglich auch über ihren Tod hinaus - aufführen können. In der Performancereihe "14 Rooms" auf der Art Basel war dies zu erleben - hier saßen Performerinnen aus der Entourage der Künstlerin stundenlang auf Fahrradsesseln, während die Künstlerin selbst mit ihrer Langzeitperformance "512 Hours" in der Londoner Serpentine Gallery beschäftigt war. Diese läuft noch bis 25. August, Abramović hält sich dabei mit maximal 160 Leuten in einem Raum auf - und tut nichts Besonderes. Wie auch schon in der MoMA Performance, bei der Besucher der Künstlerin gegenübersaßen und in Tränen ausbrachen, zeigt sich das Publikum teils tief ergriffen von der Direktheit der Erfahrung.

Für Leute, die nicht unbedingt einer Performancekünstlerin gegenübersitzen müssen, um sich selbst zu spüren, kann diese Ergriffenheit ganz schön nerven. Nach der Fußball-Niederlage Brasiliens dauerte es nicht lange, bis in einem Blog die verzweifelten Gesichter der südamerikanischen Fans mit der stoischen Miene der Performerin kombiniert wurden.

Bilder von "marinaabramovicmadebrazilcry.tumblr.com"

Die Marke Marina

Marina Abramović bleibt dennoch eine globale Marke für Direktheit, Sensibilität - und für Humorlosigkeit. Eine Marke, die auch nicht davor zurückscheut, mit anderen Marken zu kooperieren und sich deren Strategien zunutze zu machen. So tat sich mit dem Sportartikelhersteller Adidas zusammen, um rechtzeitig zur Fußball-WM ein Video zu lancieren. Die Idee zu der Performance, bei der es laut PR-Text um die Kraft von Teamgeist und Zusammenarbeit geht, stammt aus dem Jahr 1978. Nur wird sie nun Fußball-affin von 11 Performern ausgeführt, die - Überraschung - spezielle Turnschuhe tragen.

Genug! Genug!

In der hochsensiblen Kunstwelt macht sich Abramović mit solchen Maßnahmen keineswegs nur Freunde. Und abgesehen von den Ausflügen in Kommerz- und Promi-Sphären zeigt sich eine kritische Community von der inszenierten Ernsthaftigkeit, dem Guru-artigen Gehabe und der straffen Organisation ihres Performance-Konzerns wenig begeistert.

Seit einiger Zeit sammelt daher der "Marina Abramović Retirement Fund of America", kurz MARFA, auf seiner Website Spenden, um die 68-Jährige Performance-Queen endlich in Pension zu schicken. Einen Warnhinweis gibt es dabei: "Wenn Sie schwer von Begriff sind, keinen Humor haben oder Marina Abramović sind (oder alles zusammen), nehmen Sie bitte wahr, dass diese Seite fiktionale Satire ist."

Die Spitzen, die der Autor, der sich "Hashkim ,Andrew' BlartusIV" nennt, gegen Abramović setzt, sind immer wieder für Lacher gut: Blartus zerlegt die salbungsvolle Sprache der Künstlerin, er karikiert die Ideen der Künstlerin und erfindet auf Basis ihrer eigenen Arbeiten Fake-Performances, die angeblich kurz vor der Realisierung stehen und verhindert werden müssen. So hieß es unlängst in einem Eintrag, Abramović wolle an 14 Orten der Welt ein Lamm von einer Klippe werfen. "Wo Sie ein kuscheliges Gefäß für Lieblichkeit sehen, sehe ich eine Requisite zur Manifestation innerer vulkanischer Zustände", sagt Abramović (angeblich) dazu.

Hinter der Satire steht freilich auch ein Kern an Kunstkritik. Denn obwohl Abramovićs künstlerische Verdienste unbestritten sind, scheint sich die Künstlerin mittlerweile auf die Popularisierung alter Ideen zu konzentrieren. "Ich bin immer ein bisschen skeptisch, wenn Künstler dieses Formats nur noch durch die Welt touren", hatte Nicolaus Schafhausen, Chef der Kunsthalle Wien, einmal dazu gesagt. Zuvor hatte er eine von seinem Vorgänger geplante Abramović-Schau in der Kunsthalle kurzfristig abgesagt. Schmäh ohne, wie es in Wien heißt.

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