Die Zahl der Muslime wächst rasant

Moschee Stuttgart Feuerbach
Foto: APA/dpa/Daniel Naupold Ab der Jahrhundertmitte wird es weltweit mehr Muslime als Christen geben

Serie 2030: Theologieprofessorin Polak spricht von "absolutem Umbruch".

Ein Politiker, der mit einem Kreuz in der Hand bei einer Kundgebung Parolen schmettert (FP-Chef Heinz-Christian Strache); Muslime, die aufgrund des internationalen Dschihadismus in Erklärungsnotstand geraten; Juden, die sich wieder vermehrt antisemitischen Anwürfen ausgesetzt sehen – die Religion beziehungsweise die Religionen feiern ein überraschendes Comeback. Oder wie es die Professorin am Institut für Praktische Theologie in Wien, Regina Polak, ausdrückt: Die Religion werde erneut "hochgeladen".

Nicht immer zum Positiven und nicht immer explizit, aber sie "ist Thema des gesellschaftlichen und politischen Diskurses", so die Expertin. Wie sich die Entwicklung in den kommenden zwei Jahrzehnten darstellen werde, getraut sich Polak nicht zu prophezeien, denn "wir leben in Zeiten des absoluten Umbruchs, der alle gesellschaftlichen Sektoren betrifft".

Globaler Trend

Zumindest was die Zahlen anbelangt, herrscht eine bestimmte Gewissheit: Weltweit wächst die Zahl der Muslime (derzeit rund 1,6 Milliarden) deutlich schneller als die der Christen (derzeit rund 2,2 Milliarden, davon etwa 1,2 Milliarden Katholiken), sodass es ab 2050 global mehr Männer und Frauen islamischen Glaubens als christlichen Glaubens geben wird. In abgeschwächter Form zeichnet sich dieser Trend auch für Österreich ab. Laut Prognosen wird sich die aktuelle Zahl von etwa 500.000 bis 600.000 Muslimen bis 2030 auf 800.000 bis 900.000 erhöhen – etwaige weitere Flüchtlingsströme nicht einberechnet. Das wären dann zehn Prozent der heimischen Bevölkerung, 1991 machten die knapp 160.000 Muslime zwei Prozent aus, 20 Jahre davor 0,3 Prozent (23.000).

Nur 33 Prozent Christen

Besonders bemerkenswert ist dabei die Entwicklung in Wien: Bis zur Mitte des Jahrhunderts dürften sich die Muslime auf 21 Prozent der Einwohner im Vergleich zum Ist-Zustand fast verdoppeln, während sich nur noch 33, statt wie derzeit 40 Prozent zum katholischen Glauben bekennen werden (rund 30 Prozent werden ähnlich wie heute keiner Religionsgemeinschaft angehören).

"Faktum ist, ein flächendeckender Katholizismus ist in Österreich schon länger Geschichte, und es wird ihn auch nicht mehr geben", analysiert Regina Polak im KURIER-Gespräch. Für die Zukunft sieht sie im Wesentlichen zwei Szenarien: Eine neue Religiosität unter den Katholiken. Wobei dies eine positive wie eine negative Ausprägung haben könnte. "Wenn es zu einer Rückbesinnung auf die eigene Tradition – auch im Hinblick auf die derzeit so unsicheren Zeiten – käme, wäre das durchaus zu begrüßen. Wenn dies aber bloß eine Abwehrreaktion und Waffe gegen den Islam wäre, wäre dies abzulehnen, weil es das Zusammenleben der Religionen gefährden würde", so die katholische Pastoraltheologin. Das zweite Szenario umschreibt Polak mit einem weiteren Rückzug der Christen ins Private, was dem Dialog ebenso abträglich wäre.

Entscheidend sei, ob es die Kirche schafft, in der Glaubenspraxis Antworten auf die Fragen der Jugend zu finden, "dazu zähle ich den Klimawandel, die sozialen Verwerfungen, die Furcht, den Job zu verlieren, und die Arbeitslosigkeit", betont die 48-Jährige. Gelänge dies nicht, würden noch mehr junge Menschen wegdriften und ihr Heil anderswo suchen – in der "Zivilgesellschaft, in Sozialbewegungen oder auch bei rechtspopulistischen Bewegungen".

Weichenstellung

Die "zentralen Weichenstellungen" passierten jedenfalls jetzt, wobei die Theologin keine "guten Gefühle hat", weil momentan jene Stimmen am lautesten seien, "die den Islam und die Migration als Problem darstellen". Das berge Gefahren. "Denn je abfälliger über den muslimischen Glauben gesprochen wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich die Muslime zurückziehen, sich abschotten, ja manche sich sogar radikalisieren", sagt Polak.

Generell attestiert sie Muslimen, dass sie "glaubenspraktizierender" seien als Christen. Dieser Befund wird durch eine Studie des Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner in Kooperation mit dem Meinungsforscher Peter Hajek und dem Politologen Peter Ulram erhärtet. Darin bezeichnen sich neun von zehn Muslimen in Österreich als sehr oder eher gläubig. Jeder Dritte besucht regelmäßig eine Moschee – unter den Katholiken pflegen nur noch gut zehn Prozent den sonntäglichen Kirchgang. Knapp drei Viertel der Muslime bezeichnen sich als religiös, unter den Österreichern liegt dieser Wert bei 38 %.

Polarisierung

Und die Polarisierung zwischen den beiden monotheistischen Religionen wächst: In einer anderen Erhebung misst eine klare Mehrheit der Österreicher (56 Prozent) dem Islam eine negative Rolle zu bei der Entwicklung der österreichischen Gesellschaft (30 Prozent eine positive). Umgekehrt meinen mehr als 67 Prozent der befragten Muslime in Österreich, dass der Westen den Islam "vernichten" wolle.

Warum die vom Propheten Mohammed gestiftete Religion gerade hierzulande so negativ besetzt ist, erklärt Polak folgendermaßen: "Die apokalyptische Bedrohung durch den Islam bei uns ist so alt wie der Islam selbst. Die Bedrohung aus dem Osten (auch durch die Türkenbelagerungen) hat sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben."

Wichtig für beide Seiten seien geschützte Räume, in denen man sich austauschen könne, in denen der Dialog auf Augenhöhe stattfinden könne. Da gebe es Ansätze, ob sich diese allerdings auch in der Lebenswirklichkeit breiter Schichten materialisieren können, sei dahingestellt, formuliert die Expertin mit zweifelndem Unterton – und erinnert an einen zentralen Auftrag für alle Christen: So wie die Priester und Pastoren Pontifex zu sein, Brückenbauer.

Judentum stabil

Was das Judentum in Österreich mit seiner leidvollen Geschichte anbelangt, skizziert die Professorin ein ambivalentes Bild: "Einerseits treten Juden selbstbewusst auf und öffnen sich, andererseits ist eine Verunsicherung spürbar wegen des Antisemitismus zahlreicher Flüchtlinge." Grundsätzlich aber sei das Judentum bei all seinen unterschiedlichen Strömungen ein stabiler Faktor, da "alle Gläubigen von einer fundamentalen Treue zu Gott durchdrungen sind, und sich letztlich alle Juden als historische Schicksalsgemeinschaft verstehen".

Glaubensgemeinschaften in Österreich

Anerkannte Religionsgemeinschaften Diese haben mehr Rechte hinsichtlich öffentlicher Religionsausübung, finanzieller und arbeitsrechtlicher Natur, der Errichtung konfessioneller Privatschulen sowie der Etablierung eines Religionsunterrichts. Zu dieser Gruppe zählen 16 Glaubensgemeinschaften (alphabetisch): Altkatholische Kirche, Armenisch-apostolische Kirche, Evangelische Kirche A.B. und H.B., Evangelisch-methodistische Kirche, Freikirchen (darunter Baptisten oder Mennoniten), Griechisch-orientalisch (=orthodoxe) Kirchen – darunter serbisch oder russisch, Islamische Alevitische Glaubensgemeinschaft, Islamische Glaubensgemeinschaft, Israelitische Religionsgesellschaft, Jehovas Zeugen, Katholische Kirche, Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen), Koptisch-orthodoxe Kirche, Neuapostolische Kirche, Buddhistische Religionsgesellschaft, Syrisch-orthodoxe Kirche.  

Eingetragene Bekenntnisgemeinschaften Zu dieser Gruppe zählen acht Glaubensgemeinschaften (alphabetisch): Alt-alevitische Glaubensgemeinschaft, Bahá'í Religionsgemeinschaft, Die Christengemeinschaft – Bewegung für religiöse Erneuerung in Österreich, Hinduistische Religionsgesellschaft, Islamische-Schiitische Glaubensgemeinschaft, Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten, Pfingstkirche Gemeinde Gottes, die Vereinigungskirche in Österreich.

(kurier) Erstellt am
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