Öl- und Goldpreis haben Boden noch nicht erreicht

File photo of a worker holding a cup of heavy oil
Foto: Reuters/TODD KOROL Schwarzes Gold ist so billig wie zuletzt 2003

Was wird Anlegern 2016 Freude oder Kummer bereiten? Ausblick mit Goldman-Sachs-Expertin Grabenweger-Straka.

Das Jahr ist noch jung, hat aber schon turbulente Tage hinter sich - Börsebeben in China, Ölpreis-Absturz. Was hält 2016 für die Anleger noch parat? Der KURIER sprach mit Sandra Grabenweger-Straka, Executive Director bei Goldman Sachs Asset Management in Frankfurt, über ihre Prognosen.

KURIER: Wie beeinflussen Chinas Börsenturbulenzen den Ausblick für 2016?

Sandra Grabenweger-Straka: Was Chinas Börsen betrifft, so hat eine Analyse der letzten 15 Jahre gezeigt: War der erste Handelstag negativ, dann lagen die Aktienindizes auch ein Jahr später mit 60 Prozent Wahrscheinlichkeit im Minus. Der Gesamtmarkt wird dadurch aber sicher nicht uninteressant. Für Chinas Realwirtschaft rechnen wir heuer mit rund 6,3 Prozent Wachstum.

Der Wandel von der exportlastigen Industrie zu konsumorientierten Dienstleistungen läuft, aber das geschieht nicht von heute auf morgen. Die Mittelklasse wird signifikant größer. Wir vermeiden staatlich orientierte Unternehmen eher, konzentrieren uns auf dynamische, konsumorientierte Sektoren: Das kann Technologie sein, E-Commerce oder das Gesundheitswesen.

Wie glaubwürdig sind Chinas Wachstumszahlen? Ein Goldman-Sachs-Papier geht davon aus, dass die Angaben ein bis zwei Prozentpunkte zu hoch sein könnten . . .

Es gibt eine Vielzahl von Daten und Datenquellen, die man zur Beurteilung von Volkswirtschaften heranziehen kann. So lässt sich beispielsweise mit Vergleichen vom Import- und Exportdaten gut nachvollziehen, ob die Richtung stimmt.

Mag. Sandra Grabenweger-Straka, Executive Director… Foto: /Goldman Sachs Sandra Grabenweger-Straka, Executive Director Management Division Goldman Sachs Asset Management, Frankfurt

Sind US-Aktien schon zu teuer?

Schnäppchen sind nicht mehr zu erzielen, im Aktienmarkt gibt es schon extrem hohe Bewertungen. Den S&P500-Index erwarten wir Ende des Jahres bei 2100 Punkten, das wäre ein mittleres einstelliges Plus. Allgemein bewerten wir Aktien auf drei Monate neutral, auf 12 Monate übergewichtet, also durchaus positiv. Die US-Wirtschaft befindet sich in der späten Expansionsphase, von daher würden wir US-Titel eher untergewichten, dafür Europa und Japan verstärken.

Wie wirkt sich der starke US-Dollar aus?

Wir gehen von quartalsweisen Zinsanstiegen von 0,25 Prozentpunkten durch die US-Notenbank aus, das ist eine etwas steilere Zinskurve, als der Konsensus der Analysten erwartet. Der Dollar wird also noch etwas stärker, wir erwarten zu Jahresende die Parität zum Euro. Das dämpft das Wachstum aber weniger, als viele befürchten: Die US-Wirtschaft lebt zu 70 Prozent vom inländischen Konsum und viele US-Konzerne produzieren günstiger in Schwellenländern.

Wie tief kann der Ölpreis noch fallen?

Wir rechnen, dass das Tief sogar noch länger andauern könnte. Die Basisannahme ist, dass sich der Ölpreis Ende des Jahres bei 50 Dollar pro Fass stabilisiert. In der Zwischenzeit könnte der Preis durchaus auf 25 Dollar fallen. Es fehlt nämlich die Nachfrage: Der Winter war mild, China und andere Schwellenländer schwächeln - und angebotsseitig müssten die OPEC oder die anderen Länder die Förderung drosseln, damit der Preis steigt. Das ist aber noch nicht in Sicht.

Die Spekulation der OPEC, die USA durch den tiefen Ölpreis als Förderland aus dem Markt zu drängen, ist bisher nicht aufgegangen. Warum nicht?

Man hatte angenommen, dass der Break-even-Preis für US-Firmen, die Schieferöl fördern, längst unterschritten ist. Er ist aber sukzessive mit gesunken, sie fördern günstiger. Dass es sich gar nicht mehr rechnet, war bisher nicht der Fall. Im US-High Yield-Segment sind 20 Prozent Energietitel – wenn der Ölpreis weiter sinkt, könnten hier die Ausfallraten steigen.

Über die gesamte US-Wirtschaft sehen wir steigende Ausfälle erst, wenn die Emissionsvolumina (Schuldenaufnahme, Anm.) sehr stark ansteigen. Das sehen wir erst ab 2017 als Thema.

Wie ist Ihr Ausblick für die Schwellenländer?

Sie geben ein sehr gemischtes Bild ab. Da muss man genauer auf einzelne Unternehmen schauen. Brasilien als Gesamtmarkt ist sicher sehr herausfordernd, im Telekom-Bereich kann man aber günstige Bewertungen finden. Der tiefe Ölpreis ist für Brasilien und Russland sehr negativ, wirkt sich auf Indien aber sehr positiv aus. Die Regierung Modi hat viele Reformen angestoßen, die Infrastruktur wird besser. Wir sehen um die 6 Prozent Wachstum. Hier gibt es spannende kleine und mittlere Börsenunternehmen, die noch nicht jeder Investor auf dem Radar hat.

Woher kommt die Zuversicht bei Japan?

Japans Wachstum sollte sich von 0,5 Prozent auf heuer 1,1 Prozent beschleunigen. Wir gehen von Lohnsteigerungen aus, die dem Konsum helfen sollten. Auch der Tourismus dürfte sich gut entwickeln. Und die Japaner besitzen selbst noch relativ wenige Aktien.

Wie sieht es generell mit Staatsanleihen aus?

Würden wir eher untergewichten, aufgrund der tendenziell steigenden Zinsen. Da sind Unternehmensanleihen interessanter. Bei Hochrisikopapieren würden wir allerdings noch einige Monate abwarten. Dann sollten die Aufschläge interessant sein – allerdings muss man die Ausfallsraten im Auge behalten.

Gold ist vom Rekordhoch bei 1900 US-Dollar im Jahr 2011 auf rund 1100 Dollar je Feinunze gefallen. Wird das so weitergehen?

Wir waren in den letzten Jahren nie sehr „bullish“ auf Gold. Gekauft wird Gold bei großer Verunsicherung als sicherer Hafen. Jetzt sehen wir da wenig Nachfrage. Dafür gibt es steigende Zinsen, einen stärkeren Dollar, hohe Inflation ist noch kein Thema. Das spricht gegen Gold, auf zwölf Monate sehen wir den Preis bei 1000 Dollar.

Beim Jahreswechsel 2014/15 hat Griechenland alles dominiert. Wie rasch kann die Eurokrise wieder Thema werden?

Sind die griechischen Probleme gelöst? Nein. Sie sind aber aus dem medialen Fokus gerückt. In Spanien ist die politische Situation ein Fragezeichen, ökonomisch ist das Land auf gutem Weg, es hat die Reformen sehr rasch umgesetzt. In Italien wünscht man in dieser Hinsicht noch mehr. Die Hoffnung ist, dass Konsum und Wachstum anziehen.

Eindeutig erfolgreich waren die EZB-Maßnahmen, was die große Schere der Finanzierungskonditionen betrifft. Die waren für Firmen in den Peripherieländern ganz andere als in Deutschland. Das hat sich angeglichen.

Sie erwarten, dass sich das Wachstum der Eurozone von 1,5 auf heuer 1,4 Prozent abschwächt. Warum geht in Europa so wenig weiter?

Das Problem ist das negative Denken, das beginnt schon in Österreich. So schlecht wären die Rahmenbedingungen nicht, wenn mehr Investitionen da wären, um das Wachstum zu treiben.

Die Stimmung ist also schlechter als die Lage?

Ich glaube, dass es daran liegt. Es wirkt, als wäre man in einer Starre gefangen. Der schwacher Euro, die günstige Energie, die EZB-Politik sollten eigentlich Treiber für Wachstum sein.

Woher muss der Ruck dann kommen?

Es fehlen politische Anreize – seien es Steuererleichterungen, weniger Bürokratie, mehr Flexibilität für Unternehmen. Da liegen die großen Unterschiede im Vergleich zu den USA.

(kurier) Erstellt am
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