Lance Armstrongs Beichtmutter

People Oprah Winfrey
Foto: AP/Vernon Bryant

„Am Ende waren wir beide ziemlich erschöpft“.

Eine Hand wäscht die andere. Armstrong braucht eine Bühne, Oprah Winfrey braucht Quoten. Gemeinsam verklären sie den Dopingbetrug zum Hollywood-Drehbuch – Happy End inklusive“, schreibt Marc Pitzke in Spiegel Online. Viele Sportkommentatoren messen der „Beichte“ des Radsportlers, dem alle sieben Titel der Tour de France aberkannt wurden, keine Bedeutung zu. Weil er schuldig ist und überführt wurde, könne er gar nicht anders als auf Mitleid hoffen, andere belasten und um Vergebung bitten.

Talk-Queen Oprah Winfrey ist dafür die ideale Beichtmutter. Auf ihrer Couch darf man sich ausheulen. Hier werden Karrieren gemacht, Comebacks eingefädelt und schwere Fehltritte so menschlich gebracht, dass die halbe Nation vor Rührung mitweinen muss.

Lance Armstrong wurde angeblich auf das Interview von dem PR-Berater vorbereitet, der Bill Clinton bei der Lewinsky-Affäre betreute.

Lance Armstrong hat den Radsport über Jahre hinweg dominiert. Ein Interview mit dem US-Talk-Superstar Oprah Winfrey soll nun einen Schlussstrich ziehen. Vor Millionen von Zuschauern nahm der gefallene Superstar kein Blatt vor den Mund. Wenige Stunden vor der Ausstrahlung verlor Armstrong auch noch seine Olympia-Bronzene von Sydney. Das umfangreiche Schuld-Eingeständnis könnte neben einem juristischen, auch noch ein "sportliches" Nachspiel haben. Selbst ein Ausschluss der Radwettbewerbe von den Olympischen Spielen soll Thema sein. Bereits Monate vor dem finalen Offenbarungseid sprach Tour-Direktor Christian Prudhomme  von einem "verlorenen Jahrzehnt" und machte seinen Standpunkt klar: "Diese Ära muss als eine Ära ohne Sieger in die Geschichte eingehen." Armstrongs Tour-Siege wurden nicht neu vergeben. Prudhomme: "Es wird keinen Gewinner geben. Wir wollen eine leere Siegerliste." Auch UCI-Chef Pat McQuaid fand deutliche Worte: "Lance Armstrong hat keinen Platz im Radsport." Jetzt soll er "vergessen werden". "Er verdient es, vergessen zu werden", fügt McQuaid hinzu. "Das ist ein ernsthafter Tritt in die Eingeweide. Wahrscheinlich der härteste, den ich in meiner Zeit im Radsport hinnehmen musste", sagt Mike Turtur, der sich als Renndirektor der Tour Down Under in den Jahren 2009, 2010 und 2011 die Teilnahme Armstrongs viel Geld kosten ließ. "Es gibt noch viele verborgene Details des Dopings, viele Doping-Ärzte und korrupte Team-Manager und die Omerta (Anm.: Gesetz des Schweigens) ist noch nicht vollständig gebrochen worden", sagt Travis Tygart, Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur. "Es wäre gut für den Sport und ihn selbst, wenn Lance Armstrong damit aufhört, den Kopf in den Sand zu stecken und mit einer umfassenden und offenen Aussage reinen Tisch macht. Es ist spät, aber nicht zu spät - es wäre ein Reinigungsprozess", hatte IOC-Vizechef Thomas Bach bereits knapp eine Woche vor der Entscheidung des Radsportverbandes gesagt. Lance Armstrong selbst ließ bislang noch nichts von sich hören. Allerdings ist der Eintrag "siebenfacher Tour-de-France-Sieger" von seinem Twitter-Profil entfernt worden. David Brailsford, Chef des Sky-Teams, sagt über die jüngsten Offenbarungen: "Der Radsport ist völlig vom Weg abgekommen. Er hat seinen moralischen Kompass verloren." Lance Armstrong dürfte nun aus der Tour-Geschichte, ja aus der Geschichte eines ganzen Sports verbannt werden.

Oprah sendet seit zwei Jahren auf ihrem eigenem Kabelsender OWN. Die 58-Jährige ist die erste Afroamerikanerin, die Milliardärin wurde, ihr Vermögen wird auf 2,7 Milliarden Dollar geschätzt. Sie kam als uneheliches Kind minderjähriger Eltern auf die Welt, wurde mit neun Jahren sexuell missbraucht und als Jugendliche schwanger. Ihr Baby starb.

US-Medien hatten Winfreys letzte Talkshow als epochales TV-Ereignis gefeiert, die New York Times sprach sogar vom größten Fernsehmoment seit dem Abschied der Late-Night-Legende Johnny Carson vor zwei Jahrzehnten. Am Mittwoch Nachmittag hat die ehemalige Sozialhilfempfängerin, die es zur mächtigsten Frau im Fernsehen geschafft hat, ganz ohne Stargast und mit Tränen in den Augen nun entgültig Schluss mit ihrer langjährigen und noch immer erfolgreichen Talk-Show gemacht.

Die besten Momente ihrer Shows ... Einen der legendärsten Auftritte hatte Tom Cruise. 2005 hüpfte er wie ein Wahnsinniger auf Oprahs Couch herum. Er wollte damit anschaulich machen, wie sehr er seine neue Freundin Katie Holmes liebt. Der exzessive Freudentaumel machte ihn aber für Jahre zur Witzfigur. Ein Karrieretief folgte. 1986 behandelte Oprah in einer ihrer Shows das Thema "Sexueller Missbrauch". Sie selbst machte in der Sendung öffentlich, dass sie mit 9 Jahren von einem ihrer Verwandten missbraucht wurde. Um die Welt ging auch Lisa Marie Presleys Interview, in dem sie über ihre turbulente und nicht alltägliche Kindheit erzählte. Als sie neun Jahre alt war, starb ihr Vater Elvis Presley. Neben ihrer Kindheit sprach sie auch über ihre Drogensucht als Teenager und ihre drei Ehen mit dem Musiker Danny Keough, Nicolas Cage und Michael Jackson. Die beliebtesten Tickets für ihre Show waren jene, wenn Oprah ihre "favorite things" verschenkte. Ein paar Mal im Jahr stellte die Milliadärin Dinge vor, die ihr ans Herz gewachsen waren und die sie in der Show an Studiogäste verschenkte. Die Privatsachen hatten insgesamt einen Wert von fast 24 Millionen Dollar. Mit dabei waren Stricksocken um 13 Dollar bis hin zu Diamantuhren und ein VW Beetle um 22.000 Dollar. Als schwierigste Interviewpartnerin bezeichnete Oprah Liz Taylor. Beim erstem Treffen 1988 gab sie ihr nur kurze, schnippische Antworten und wollte nicht über ihre vergangenen Liebesbeziehungen reden. Vier Jahre später war sie etwas zugänglicher. Taylor sprach in der Talkshow über ihre Liebe zum Bauarbeiter Larry Fortensky und ihre Freundschaft zu Michael Jackson. 1993 brach Michael sein jahrelanges Schweigen über die Kindesmissbrauch-Vorwürfe. 90 Millionen sahen dabei zu, wie Oprah Michael Jackson mit den Vorwürfen konfrontierte. 2009 versuchte Whitney Houston ein (misslungenes) Musik-Comeback. Die Ausnahmesängerin sprach bei Oprah sehr offen über ihre schwerwiegenden Drogenprobleme. Im selben Jahr machte auch die Sängerin Mackenzie Phillips eine aufsehenerregende Offenbarung. Sie gestand eine zehnjährige sexuelle Beziehung mit ihrem Vater, der Rocklegende John Phillips. In der "Oprah Show" hatte die Moderatorin den amtierenden Präsidenten und seine First Lady zu Gast. Eigentlich keine Besonderheit, debb Oprah hatte fünf US-Präsidenten in der Show. Die Obamas kennt Oprah schon seit Jahren, sie unterstütze ihn bereits bei seiner Präsidentschafts-Kandidatur. 2006 zeigte sich JoJo-Opfer Kirstie Alley erschlankt im Bikini bei der ebenfalls stark gewichtsschwankenden Oprah. 1988 waren Oprahs Pfunde Thema der Show. Nach vielen Diäten zeigte sich die Moderatorin um mehr als 30 Kilo leichter in ihrer Sendung. Mit einem kleinen Anhänger beförderte sie ihre verlorenen Kilos in Schmalz aufgewogen. Ein beliebter Gast war John Travolta. Er gab Freundin Oprah Tanzstunden und erzählte, wie er nach dem Tod seines Sohnes wieder zu Lebensfreude fand. Julia Roberts saß 21 Mal auf der Couch der Talk-Masterin. Roberts gibt nur selten Interviews, umso aufmerksamer wurden ihre Auftritte in der Show beäugt, in der sie über ihr sonst streng geheim gehaltenes Familienleben sprach. Ganze 27 Mal war Celine Dion bei Oprah zu Gast und hält damit den Besucherrekord. 2011 durfte das Oprah-Team sogar ihre Zwillinge und ihr Zuhause in Florida filmen. Für aktuellen Gesprächsstoff sorgte die Talk-Masterin Anfang diesen Jahres, als sie ihre neu entdeckte Halbschwester in der Sendung vorstellte. Erst im November 2010 hatte die berühmte Winfrey erfahren, dass sie eine Halbschwester hat, die ihre Mutter zur Adoption freigegeben hatte. Oprah wuchs zu jener Zeit bei ihrem Vater auf. Patricia hat zwei Jobs um ihre Familie zur ernähren. Im Hause ihrer Mutter lernten sich die beiden kennen.

Oprah hatte Armstrong zu Weihnachten auf Hawaii getroffen. So stellte sie das am Dienstag bei CBS dar. „Er hat mich auf Maui besucht.“ Das zweieinhalbstündige Interview wurde am Montag in Austin, Texas, aufgezeichnet. Es sei das größte ihrer Karriere: „Am Ende waren wir beide ziemlich erschöpft.“ Als Winfrey 2011 nach einem Vierteljahrhundert die letzte Folge ihrer Talkshow zelebrierte, kamen zum Abschied nach 5000 Sendungen Madonna, Tom Cruise, Maria Shriver, Halle Berry und Will Smith. Doch danach fiel sie in ein Loch. Auf ihrem Sender OWN stimmten die Quoten nicht mehr. Mit der neuen Staffel Oprah’s Next Chapter soll es wieder bergauf gehen.

„Du gehst nicht zu Oprah, um zu gestehen. Du gehst zu Oprah, um Vergebung zu finden“, heißt es in der Branche. Doch im Fall Armstrong könnte das auch nach hinten losgehen. Ihm droht der Verlust seines Vermögens. CBS meldet, dass er US-Behörden 3,7 Millionen € angeboten hat, um größeren Schadenersatzforderungen vorzubeugen. Doch das wurde abgelehnt.

(kurier) Erstellt am
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