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Rache: Doell (li.) wollte Petrik für den überharten Check bestrafen.
Rache: Doell (li.) wollte Petrik für den überharten Check bestrafen. - Foto: AGENTUR DIENER /Agentur Diener/ Kuess

Letztes Update am 19.02.2013, 09:34

Heftige Zusammenstöße sorgen für Kopfzerbrechen. Gehirnerschütterungen häufen sich. Schwer sind die Folgen, ratlos die Verantwortlichen.

Es war ein solcher Moment, den man gerne aus dem Eishockey verbannen würde. Ein Spieler kracht in einen anderen hinein, einer bleibt liegen, kann nicht mehr aufstehen und muss mit einer Trage vom Eis gebracht werden.

Am Sonntag erwischte es KAC-Verteidiger Martin Schumnig bei einem Check des Villachers Benjamin Petrik. Schumnig wurde von einem Teamkollegen der Puck in den Rücken gespielt, der Klagenfurter sieht nach hinten und wird genau in diesem Moment von Petrik erfasst. Der Check sah regelkonform aus, sorgte aber für Entsetzen in der Eishockey-Gemeinde. Denn in genau dieser Aktion war zuerkennen, dass einigen Spielern der Respekt voreinander fehlt. Petrik hätte die Körperattacke abbrechen können.


Das kritisiert auch KAC-Coach Christer Olsson: „Wenn ich sehe, dass mich mein Gegenspieler nicht sieht, darf ich so einen Check nicht fahren. Immerhin sprechen wir hier von Verletzungen, die ein Karriereende bedeuten können.“

Sperren für Villacher

So sahen es die Verantwortlichen der Erste Bank Liga. Petrik bekam eine Sperre von drei Spielen, sein Kollege Wiedergut, der den KAC-Spieler Spurgeon gegen den Kopf checkte, muss zwei Spiele pausieren.

Für Schumnig hatte die Attacke schlimmere Folgen. Der 22-Jährige wurde erst gestern aus dem Krankenhaus in Villach entlassen, hatte dabei noch Kopfschmerzen und wird heute gegen Zagreb sicher fehlen. Österreichs Verteidiger-Hoffnung erlitt innerhalb von zwei Jahren bereits die zweite Gehirnerschütterung. Nach seiner ersten im September 2011 (ebenfalls in Villach) fiel er eine halbe Saison lang aus.

Die Häufung an Kopfverletzungen im Eishockey ist besorgniserregend. Die Vienna Capitals hatten in dieser Saison bereits fünf Gehirnerschütterungen. Der aktuellste Fall ist Dan Bjornlie, der am 29. Jänner gegen Linz einen unabsichtlichen Schlag von Daniel Oberkofler bekam und nicht aufstehen konnte. Damit war die Saison beendet. Und Leute aus seinem Umfeld hoffen, dass auch die Karriere des 35-Jährigen beendet ist. Denn dem zweifache Familienvater seien die Folgen seiner vielen Gehirnerschütterungen in seiner Laufbahn anzumerken.

Neurologische Folgen

Diese können schwerwiegend sein: Konzentrationsprobleme, Kopfschmerzen, Schwindel und Sprachprobleme sind die häufigsten. Der Deutsche Stefan Ustorf musste vergangene Saison seine Karriere beenden. Der damals 38-Jährige sagte: „Ich kann den Herzschlag nicht erhöhen und kann nicht trainieren. Wenn viel um mich herum passiert, brauche ich einen Tag Pause.“ In seiner linken Gehirnhälfte wurden Narben entdeckt, die von früheren Gehirnerschütterungen kommen dürften.

Was alle großen Eishockey-Ligen gemein haben, ist die Ratlosigkeit was Kopfverletzungen durch Checks betrifft. In Nordamerika wird diskutiert, im Mitteldrittel gar keine Checks mehr zu erlauben, weil dort die Geschwindigkeit am höchsten ist. In Europa wird an die Profis appelliert, sich gegenseitig mehr zu respektieren und Verantwortung für den Gegenspieler zu übernehmen.

Interaktives Thema „Punched out“ über das Leben und Sterben eines Kämpfers in der NHL finden Sie unter www.nytimes.com.


Hintergrund

Bedrohung durch das Boxer-Syndrom

Schädigung des Gehirns

Dementia Pugilistica (chronisch traumatische Enzephalopathie – CTE) wird als Boxer-Syndrom bezeichnet. Es handelt sich um eine neurale Funktionsstörung, die bei Personen auftritt, die häufig Schlägen auf den Kopf ausgesetzt sind. Die Krankheit entwickelt sich schleichend über mehrere Jahre und ist der Parkinson-Krankheit ähnlich.

So kommt es etwa zur Verminderung der Koordinationsfähigkeit und zu Demenz, sowie zu Sprachproblemen. Ursache dafür sind vermutlich Vernarbungen in der Gehirnmasse.

Bekannte Opfer Bis 2012 wurde bei 33 früheren American- Football-Spielern in den USA post mortem CTE diagnostiziert. An CTE litten auch die Boxer Jack Dempsey (1895–1983) und Joe Louis (1914–1981), sowie zahlreiche Eishockey-Profis. Im Jahr 2011 starben innerhalb weniger Monate die Ex-Profis Derek Boogaard (Alkohol/Drogen), Rick Rypien (Selbstmord) und Wade Belak (Selbstmord). Bei allen wurde CTE festgestellt. Die Familie von Bob Probert spendete das Hirn des plötzlich verstorbenen NHL-Spielers der Wissenschaft – CTE wurde diagnostiziert.

(kurier) Erstellt am 19.02.2013, 09:34

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