Hannes Reichelt: Gefühllos bei 140

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Foto: APA/AFP/OLIVIER MORIN Hannes Reichelt kann sich vorstellen, nach der Sportlerkarriere zu studieren.

Hannes Reichelt, Österreichs bester Speed-Fahrer, spricht über seine Zukunft, das Material und die Sicherheit.

Morgen übersiedelt der Skizirkus nach Wengen zum Lauberhorn-Rennen. Dort, wo Hannes Reichelt im Vorjahr auf der längsten Weltcup-Abfahrt den längsten Atem hatte. Und wo der Salzburger, obwohl bereits 35 Jahre alt, auch heuer zu den Favoriten zählt. Danach folgt die Hahnenkamm-Show in Kitzbühel. Mit einem täglichen Morgentraining von sieben bis neun in Schladming bereitete sich Hannes Reichelt auf die Klassiker vor. Danach hatte der Weltmeister und Athletensprecher der FIS beim KURIER-Interview in der elterlichen Bio-Pension in Radstadt viel zu sagen.

KURIER: War die letzte Abfahrt des Jahres 2015 grenzwertig?
Hannes Reichelt: Ich wurde nach der Abfahrt in Santa Caterina ständig darauf angesprochen. Wir Läufer waren alle froh, dass wir den Silvester gesund erleben haben dürfen. Hannes Trinkl, der Abfahrtsweltcupdirektor, hat selbst am meisten geschwitzt. Weil gerade ihm die Sicherheit von uns Läufern das größte Anliegen ist.

Sie haben sich immer wieder als Riesenslalom-Fahrer bezeichnet. Nach Adelboden aber sind sie gar nicht erst angereist, obwohl Adelboden als das Mekka des Riesenslaloms gilt. Ist Ihre Riesenslalom-Karriere schon vorbei?
Ja. Ich habe die Für und Wider realistisch abgewogen. Wenn ich mit meiner hohen Startnummer 15. oder 16. werde, wäre das für mich schon ein gutes Resultat. Doch das steht in keiner Relation zu den körperlichen Folgen, die mich danach tagelang quälen würden.

Wenn ich Riesenslalom-Ski sehe, sagten Sie erst kürzlich, tut mir schon alles weh. Sind die auf Grund der Materialreform schmäler gewordenen, weniger taillierten Skier ein Mitgrund, der Ihnen Starts in der alpinen Basisdisziplin verleidet? Wird es zu einer Reform der Reform kommen? Wenn Sie die Läufer fragen, werden Sie von der Mehrheit hören, dass es ihnen mit den gegenwärtigen Riesenslalom-Skiern keinen Spaß macht. Die Zahl der Knieverletzungen mag zwar nach der Reform zurückgegangen sein, dafür aber haben die Probleme mit Rücken und Bandscheiben dramatisch zugenommen. Dazu benötigt man erst gar keine Statistiken, das weiß ich. Das wissen die Läufer.

Fühlen Sie sich mittlerweile jetzt, da Sie die Abfahrtsklassiker schon gewonnen und auch in der bisherigen Speed-Saison von allen Österreichern am besten abgeschnitten haben, als richtiger Abfahrer?
Nein. Dazu fehlen mir 15 bis 20 Kilo. Auch war ich stets der Meinung, dass ein wahrer Abfahrer ein wilder Hund sein muss. Und der bin ich nun wirklich nicht.

Vor zwei Jahren mussten Sie 48 Stunden nach ihrem Kitzbüheler Hahnenkamm-Triumph unters Messer und danach auf Olympia in Sotschi verzichten. Wie weh hat das getan?
Am olympischen Renntag war’s hart, Sotschi nur im TV miterleben zu können. Mir ist aber zugleich rasch bewusst geworden, dass ich dem Herrgott danken muss. Denn die Ärzte haben mir inzwischen nicht nur einmal gesagt, dass die Bandscheiben zum Zeitpunkt des Hahnenkamm-Rennens bereits dermaßen lädiert waren, dass schon ein einziger, kleiner Schlag während des Rennens die völlige Gefühllosigkeit eines Beines hätte auslösen können. Und das bei Tempo 140 auf der Streif. Nicht auszudenken, wie das dann ausgegangen wäre.

Die Öffentlichkeit hatte nach ihrem Hahnenkamm-Triumph die ganze Dramatik zunächst gar nicht richtig mitbekommen. Wollten Sie unbedingt vermeiden, dass ehrliche Worte als Ausrede interpretiert werden?
Ich hab’ mich beim ORF-Interview am Ski anhalten müssen. Ich konnt’ nicht mehr gerade stehen. Und ihr Reporter habt’s es net gemerkt (lacht).

Schon in der Saison nach der Rücken-Operation gelang Ihnen ein sensationelles Comeback. Sie haben den Super-G in Beaver Creek gewonnen und damit Ski-Geschichte geschrieben. Denn als 35-Jähriger war zuvor noch niemand Weltmeister geworden. Womit die Frage nach ihren Zukunftsplänen erlaubt sein dürfte.
Ich könnte mir vorstellen, dass ich nach dem Karriereende ein Wirtschaftsstudium in Innsbruck beginne.

Dort, wo Ihre Südtiroler Lebensgefährtin als Ärztin tätig ist. Und wo Aksel Lund Svindal seinen Wohnsitz hat. Haben Sie Svindal in Innsbruck schon einmal getroffen?
Eigenartigerweise ist mir der Aksel in Innsbruck noch nie über den Weg gelaufen.

Sie verfügen bereits über eine Pilotenausbildung und dürfen alleine einmotorige Maschinen fliegen. Denken Sie nicht daran, ihr Hobby zum Beruf zu machen?
Ich lasse mir diese Option offen. Nur nehmen die Airlines heutzutage kaum noch Piloten auf, die älter als 30, 31 sind. Auf mich wird niemand mehr warten, wenn ich 37 oder 38 bin.

Erleben Sie in Ihrem Alter denn nicht bereits Situationen, in denen der Beruf Skirennfahrer Überwindung kostet?
Hin und wieder schon. Wie in dieser Woche zum Beispiel, als ich täglich um fünf Uhr früh aufstehen musste, weil wir von sieben bis neun, ehe die Touristen gekommen sind, auf der Planai trainiert haben. Die Bedingungen in Schladming waren übrigens hervorragend. Das werden auch die Schweizer Abfahrer bestätigen können. Sie haben mit uns auf der Planai trainiert.

Ist es nicht erstaunlich, dass sich die Schweizer auf ihr großes Heimrennen am Lauberhorn nicht in der Schweiz, sondern in Österreich vorbereiten?
Ja, schon. Es wäre jedenfalls unvorstellbar, dass wir uns in der Schweiz auf das Kitzbüheler Hahnenkammrennen vorbereiten.

In acht Tagen beginnt die Hahnenkamm-Show mit dem Training auf der Streif. Wird Sie davor auch ein mulmiges Gefühl überkommen? Oder dominiert bei einem Kitzbühel-Sieger nur noch Routine über Angst?
In Kitzbühel ist’s vor dem ersten Abfahrtszeitlauf immer ungut. Der Grat zwischen Risiko und Sicherheit ist sehr, sehr schmal.

Für Matthias Mayer ist die Saison vorbei. Ihr Freund erlitt beim Sturz in Gröden, wo der Airbag auslöste, Brustwirbelbrüche. Worauf Ted Ligety via Social Media mutmaßte, der Airbag habe bei Mayers Sturz die Verletzung nicht gemildert, sondern verschlimmert. Wie lautet Ihre Meinung zu diesem Thema, zumal Ihr Wort bei der FIS Gewicht haben sollte? Schließlich wurden Sie zum Athletensprecher bestimmt.
Der Airbag war hundertprozentig nicht schuld. Ich werde weiterhin mit ihm fahren. Und ich bin weiterhin der Ansicht, dass der Airbag verpflichtend für alle Starter bei Weltcuprennen sein sollte. Dann kann sich auch niemand einreden, aerodynamische Nachteile gegenüber einem Konkurrenten zu haben. Nach dem Helm und dem Rückenschutz ist der Airbag die bedeutendste Innovation im Skirennlauf.

Gregor Schlierenzauer hatte jahrelang auf den Schanzen dominiert. Jetzt hat er, obwohl er neun Jahre jünger als Sie ist, die Saison vorzeitig abgebrochen. Wie denken Sie darüber, können Sie sich als alpiner Skistar den Absturz des weltbesten Skispringers erklären?
Wenn ich als Abfahrer die Hüfte nur um zwei Millimeter zu weit rausdrehe, kann das schon enorme Auswirkungen haben. Und ich denke, im Skispringen sind solche Dinge noch viel gravierender.

Apropos: Hatten Sie jemals damit spekuliert, Skispringer zu werden?
Ich war einmal als Jugendlicher bei einem Sichtungsspringen auf der Tauplitz dabei. Ich bin dort auch recht weit gesprungen. Aber ich bin trotzdem froh, dass ich alpiner Rennläufer geworden. Da darf ich nämlich essen, was ich will.

(kurier) Erstellt am
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