Budapest kapituliert vor den Schleppern

Bahnhof Keleti…
Foto: KURIER/Wilhelm Theuretsbacher Nahe der Bahnsteige für die internationalen Fernzüge am Bahnhof Keleti haben die Budapester Behörden Zonen eingerichtet, wo Flüchtlinge, Migranten und Schlepper von der Polizei nicht behelligt werden.

Machtlose Behörden: Hauptstadt Ungarns wird zur Drehscheibe für Flüchtlinge, die in den Westen wollen.

Die Stadt Budapest hat vor dem Flüchtlingsansturm kapituliert. Vor dem Ostbahnhof Keleti wurde eine exterritoriale Zone geschaffen, in der Schlepper ungehindert ihre Dienste anbieten können. Hunderte verzweifelte Menschen liegen auf den Steinböden und hoffen auf eine rasche Weiterfahrt.

"Transitzone" steht auf Schildern in der U-Bahnpassage – und das in Sichtweite zu den Bahnsteigen der Fernzüge und der als Schlepper bekannten Budapester Taxler. Für U-Bahnpassagiere sind die Schilder unbedeutend, sie können ungehindert passieren. Für die zahllosen Flüchtlinge im Land sind sie aber die Botschaft, dass man sich dort aufhalten kann ohne Angst, kontrolliert zu werden. Polizei ist weit und breit keine zu sehen.

Schlepper-Agenten

Man glaubt seinen Augen kaum: Am Steinboden hocken und liegen einige Hundert Menschen aus Afghanistan, Irak und Syrien.

Dazwischen schweifen höchst geschäftig die Agenten der Schlepperorganisationen herum – meistens mit dem Handy am Ohr – und bieten Fahrtmöglichkeiten nach Deutschland an. Es sind junge Ungarn. Einige haben aus Zufall oder dank geschäftlichem Riecher etwas Arabisch gelernt. Hier können sie ihre bescheidenen Sprachkenntnisse endlich gewinnbringend einsetzen.

Der Bahnhof Keleti ist ein strategisch günstiger Ausgangspunkt für die Weiterfahrt ins restliche Europa. Dort kann man sich Bahnkarten für die Fernzüge beschaffen. Und am Standplatz der Taxler gibt es Angebote für eine Reise auf der Autobahn. Der Durchschnittstarif für die Autobahn liegt derzeit bei etwa 450 Euro pro Person. 20 Menschen werden in einen Kastenwagen gepfercht, mitunter sind es mehr – oder gar doppelt so viele.

Verzweifelte

Bahnhof Keleti… Foto: KURIER/Wilhelm Theuretsbacher Sie lächeln nur für die Kamera, denn seit mehr als einem Jahr ist das irakische Ehepaar mit seinen Kindern auf der Flucht In der U-Bahnpassage hört man die verschiedensten Schicksale. Zu den Verzweifelten gehören der 32-jährige Englischlehrer Latif aus Tikrit und seine gleichaltrige Frau. Seit mehr als einem Jahr sind sie mit ihren kleinen Töchtern und dem dreijährigen Sohn auf der Flucht. Dass es richtig war, vor der Offensive der Terrormiliz IS gegen ihre Heimatstadt Tikrit im Juni 2014 zu fliehen, beweisen die später entdeckten Massengräber. Nach einem längeren Zwischenaufenthalt in der Türkei stehen sie jetzt vor der letzten Etappe zum Wunschziel Deutschland. Das Problem: Die Schlepper verlangen ihren Lohn im Voraus. Es ist das letzte Geld, das Latif noch hat. Werden sie von den Schleppern betrogen, sind sie pleite. Plan "B"? Es gibt keinen.

Optimisten

Besser ist die Stimmung unter fünf Afghanen. Der 24-jährige Kazim und seine vier Freunde sind voller Vorfreude auf Deutschland. In Deutschland, so Kazim, würde er nach einem halben Jahr Asyl erhalten und könnte dann seine Familie nachholen. Weil der Krieg in Afghanistan wieder voll eskaliere, gebe es dort keine Zukunft mehr.

Dass er in Deutschland nicht mit offenen Armen aufgenommen wird, ahnt Kazim nicht. Seine vier Freude wollen in Deutschland Richtung Italien abbiegen. Dort sei es "super", sagen sie. Dass sie in Italien möglicherweise ebenfalls nicht sehr willkommen sind, das wissen sie ebenfalls noch nicht.

Jetzt warten sie einmal auf einen "Freund", der das Bahnticket bringen soll. Wenn der nicht kommt, wird der Vater in Afghanistan angerufen, der beim afghanischen Schlepper Druck macht – und der wiederum interveniert beim ungarischen "Freund".

Blauhelme

Alle Menschen, den der KURIER-Reporter befragt, wollen nach Deutschland oder Skandinavien. Österreich kennen die meisten nicht. Fast jeder verwechselt es mit Australien. Nur der 28-jährige Syrer Jomaa kann mit Österreich etwas anfangen. "Nemsa" wird es in Syrien genannt. Jomaa stammt aus Khan Arnabah am Rande der Truppentrennungszone am Golan. 40 Jahre lang haben österreichische Blauhelme bei den örtlichen Basarhändlern eingekauft. Nach Österreich will er dennoch nicht. Er träumt davon, in Deutschland eine Familie zu gründen.

Am Abend dünnt die Gruppe in der U-Bahnpassage aus. Einige Migranten sind reisebereit mit Rucksäcken bei den Bahnsteigen. Sie haben offensichtlich vom "Freund" eine Fahrkarte bekommen. Gegen 20 Uhr verschwinden auch die gelben Taxilimousinen von den Standplätzen. Die Taxler tauschen ihre auffälligen Fahrzeuge gegen unauffällige Klein-Lkw, um die Tagesabschlüsse in der Nacht auf der Autobahn "abzuarbeiten".

Am nächsten Tag gibt es in Keleti eine informelle Bestandsaufnahme. Wer hat es geschafft nach Deutschland? Wer wurde festgenommen? Und wer sind die Neuzugänge?

(kurier) Erstellt am