Terroranschlag in Charkiw überschattet Gedenken

Sprengsatz tötete drei Menschen. In Kiew fand anlässlich des Umsturzes ein "Marsch der Würde" statt.

Tausende gedachten in Kiew der 100 Todesopfer auf dem Maidan. Anschlag in Charkiw: Aus einem Auto wurde ein Sprengsatz in die Menge geworfen.

Sie waren zusammengekommen, um in Charkiw den politischen Sieg vor einem Jahr und der ukrainischen Soldaten zu gedenken, die gegen die pro-russischen Separatisten in der Region kämpfen. Doch die Kundgebung in der Stadt, die nicht in der Hand der Rebellen ist, endete in einem Blutbad. Attentäter warfen am Sonntag aus einem fahrenden Auto einen Sprengsatz in die Menge. Mindestens drei Menschen starben, zahlreiche weitere wurden verletzt. Die lokale Polizei sprach von einem Terroranschlag und nahm vier mutmaßliche Täter fest. Dabei seien auch Waffen, darunter ein Granatwerfer, sichergestellt worden.

Ukraine's President Petro Poroshenko gestures as h Foto: REUTERS/HANDOUT Poroschenko geht mit Ehrengästen sowie Tausenden weiteren Teilnehmern Richtung Maidan Der Anschlag überschattete den "Marsch der Würde" in der Hauptstadt Kiew, mit dem ebenfalls der Ereignisse vor zwölf Monaten gedacht wurde, als der Kreml-treue frühere Präsident Viktor Janukowitsch gehen musste. Bei der Veranstaltung wurde auch an die 100 Toten erinnert, die bei den Protesten auf dem zentralen Maidan-Platz ihr Leben lassen mussten.

Für die EU nahm Ratsvorsitzender Donald Tusk an dem Marsch teil. Auch der deutsche Staatschef Joachim Gauck war gekommen, er ging eingehakt Seite an Seite mit seinem ukrainischen Amtskollegen Petro Poroschenko. Die drei baltischen Republiken waren ebenfalls höchstrangig vertreten. Sie demonstrierten ihre Solidarität mit den Ukrainern gegen die aggressive Politik des Kremls, von der sie sich als "Frontstaaten" mehr als alle anderen EU-Länder bedroht fühlen.

Ukrainian prisoners of war get ready to be  exchan Foto: REUTERS/STRINGER Einige der übergebenen Soldaten waren verwundet, sie gingen an Krücken. Von den Schlachtfeldern kamen indes ambivalente Botschaften. Auf der einen Seite tauschten Separatisten-Verbände und die ukrainische Armee am Wochenende an die 200 Gefangene aus. Zudem bekundeten beide Seite nun doch, binnen zwei Wochen die schweren Waffen aus der Konfliktzone abzuziehen – und das sogar schriftlich. Diese Maßnahme ist Teil der Minsker Übereinkunft, die in der Vorvorwoche erzielt, bisher aber nicht umgesetzt wurde.

Krim-Korridor?

Auf der anderen Seite aber gibt es Berichte aus Kiew, wonach abermals russische Panzer die Grenze überschritten hätten. Insbesondere um die strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol seien Truppenkonzentrationen registriert worden. Das lässt bei den ukrainischen Streitkräften gleichermaßen die Alarmglocken läuten wie bei der Regierung unter Poroschenko. Denn fiele die Stadt, wäre der Weg Richtung Krim frei. Und damit ein Landkorridor von Russland auf die annektierte Halbinsel.

Das Maidan-Massaker und die Folgen

Es war ein Schrei nach Demokratie: Nachdem der damalige  Präsident Viktor Janukowitsch das EU-Assoziierungsabkommen gekippt hatte,  demonstrierten Tausende in Kiew dagegen - immer wieder.
  Doch schnell werden die  Proteste immer intensiver, schlagen in Gewalt um. Am 20. Februar sterben 88 Menschen durch Scharfschützen. Am 21. Februar flieht Janukowitsch aus Kiew. Bewaffnete, die sich als „Selbstverteidiger der russischsprachigen Bevölkerung der Krim“ bezeichnen, besetzen am 27. Februar das Parlamentsgebäude in Simferopol. Sie fordern die Festsetzung eines Termins für ein Referendum über die staatliche Zugehörigkeit der Krim. 16. März: Die Krim stimmt in einem Referendum für einen Beitritt zu Russland. Der Westen lehnt die Annexion als Völkerrechtsbruch ab. 14. April: Die Übergangsführung in Kiew beginnt eine militärische "Anti-Terror-Operation" in der Ostukraine. 9. Mai: Merkel und Frankreichs Präsident Francois Hollande rufen die Konfliktparteien zum "nationalen Dialog" auf. Gespräche am "Runden Tisch" bringen aber keine Lösungen. 12. Mai: Prorussische Separatisten in den Gebieten Donezk und Luhansk  sagen sich von Kiew los und nennen sich "Volksrepubliken". 25. Mai: Der prowestliche Milliardär Petro Poroschenko wird zum neuen Präsidenten gewählt. Er strebt einen EU-Beitritt der Ukraine an. 17. Juli: Die Passagiermaschine MH17 wird über der Ostukraine vermutlich von einer Rakete getroffen. Es gibt 298 Tote. Kiew und die Separatisten werfen sich gegenseitig den Abschuss vor. 5. September: Die ukrainischen Konfliktparteien einigen sich im weißrussischen Minsk auf eine Waffenruhe. Diese bleibt aber brüchig. 26. Oktober: Die Ukraine wählt ein neues Parlament. Proeuropäische Parteien siegen deutlich. Die Separatisten boykottieren die Wahl und halten eigene Wahlen in der Ostukraine ab, die Kiew nicht anerkennt. Auch der Jahreswechsel bringt keine Verbesserung. Am 24. Jänner sorgt der Raketenbeschuss von Wohnhäusern in der Hafenstadt Mariupol mit vielen Toten für eine weitere Eskalation des Konfliktes. Im Februar starten Merkel und Hollande mit einer Reise nach Kiew und Moskau eine weitere diplomatische Initiative zur Lösung der Krise; ein neues Abkommen wird verhandelt, der Waffenstillstand ist erneut fragil.
 
  Wenige Tage danach nehmen die Separatisten die strategisch wichtige Stadt Debalzewe ein.

Geheimpapier

Annexion der Krim war lange geplant

Laut einer Moskauer Zeitung setzten die Russen schon vor dem Umsturz auf Destabilisierung.

Ist das Papier, über das die Moskauer Tageszeitung Nowaja Gaseta verfügt, tatsächlich echt, dann hatte der Kreml von Anfang an ein klares Drehbuch für die Einverleibung der Halbinsel Krim und in weiterer Folge für die Ostukraine. Denn in dem Strategie-Dokument heißt es laut dem Chefredakteur des Blattes, Dmitrij Muratow, dass man "auf die Zentrifugalbestrebungen verschiedener Regionen setzen müsse, mit dem Ziel den Anschluss der östlichen Gebiete an Russland zu initiieren". Namentlich seien die Krim und die Regionen um Charkiw erwähnt, so Muratow, der das Papier kommende Woche zur Gänze veröffentlichen will.

Erstellt worden sei das Schriftwerk zwischen dem 4. und 15. Februar 2014 – also vor dem Sturz des Moskau-treuen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, der gestern vor einem Jahr stattfand. Doch auf den befreundeten Staatschef gab man in Russland nur mehr wenig: Mit seinem (erzwungenen) Abgang sei jederzeit zu rechnen, heißt es angeblich in dem Papier.

Oligarch mischte mit

Verfasst worden sei es von mehreren Personen und dann dem Kreml zugetragen worden, der es laut dem Chefredakteur für gut befunden hat. Einer der Autoren sei der russische Oligarch Konstantin Malofejew, der sich selbst als "Monarchisten" bezeichnet. Der 39-Jährige soll den Aufruhr auf der Krim geschürt haben, unter anderem dadurch, dass er dem "Volksbürgermeister" von Sewastopol, der Haupt-Stadt der Halbinsel, eine Million Dollar überwiesen habe.

Und über Malofejewes früheren PR-Berater Alexander Borodai führt auch eine Spur zu den pro-russischen Separatisten in die Ostukraine: Borodai war bis August des Vorjahres "Premierminister" der "Volksrepublik Donezk".

(Kurier) Erstellt am
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