Alle sind anders, nur ich nicht

Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand d
Foto: /Burgtheater/Monika Rittershaus Premierenjubel für Peter Handkes "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rande der Landstraße" bei der Uraufführung  im Burgtheater

Jubel für Claus Peymanns Handke-Uraufführung "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" im Burgtheater.

In der Pause sagt eine Zuschauerin: „Es ist so beglückend.“ Keine drei Schritte weiter sagt jemand nahezu gleichzeitig: „Es ist so fad.“

Claus Peymann  inszenierte seine insgesamt zehnte Peter-Handke-Uraufführung, seine fünfte am Burgtheater: „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ ist eine Co-Produktion der Burg mit Peymanns Berliner Ensemble.

Die Handlung kann man, wie meistens bei Handke, entweder nur sehr lang oder nur sehr kurz erzählen. Versuchen wir es mit der Kurzfassung: Ein Mann sitzt an einer Landstraße und hat keine Ruhe, weil ihn ständig Passanten stören. Oder ist es umgekehrt? Haben die Passanten keine Ruhe, weil der Mann sie ständig stört?

Geborener Monolog

Handke hat eine Art Bekenntnistext geschrieben: Die Hauptfigur, das „Ich“, sehnt sich nach einem Ende der selbst gewählten Einsamkeit, empfindet das ihm gegenüber tretende Wir aber als beklemmend und bedrohlich. Motto: Alle anderen sind anders, nur ich bin es nicht.

Zumal  das Ich ständig enorm poetisch den Vögeln nachlauscht und wie ein richtiger, lebensverwirrter Dichter häufig daran scheitert, sich die Kleidung richtig zuzuknöpfen – während die anderen geschäftig in ihre Handys bellen und als Sklaven der Informationsmeschinerie durch die Gegend taumeln.

Handke – wortverspielt und anspielungsverliebt wie immer – untersucht also das Verhältnis des Einzelnen – „du bist der geborene Monolog“, heißt es einmal – zur Masse, zu den „Unschuldigen“, die in aller Unschuld ziemlich aufdringlich sein können: „Du wirst unserer Liebe nicht entgehen“, lässt Handke sie, Ödön von Horváth zitierend, sagen. Und Handke untersucht anhand der Hauptfigur die Unordnung in der eigenen Seele: Da gibt es ein schöpferisches, die Einsamkeit suchendes „Ich, Erzähler“ und ein „Ich, der Dramatische“, das sich als ziemliche Rampensau erweist.

Das Stück, ein Traum

Im Prinzip ist Handkes neues Stück überhaupt kein Theaterstück, sondern ein großes, gespieltes Gedicht. Es ist eine große Hommage an das Erzählen, an das Spielen, ans Theater, an die Sprache, an die Poesie, das Zaubern und Verzaubertwerden. Eine Hommage an den Traum und ans Träumen. Es geht weniger um das, was passiert, sondern um das, was passieren könnte.

Handke zitiert Shakespeare und sich selbst, zählt manisch Vogelnamen auf und erfindet schöne, neue Beschimpfungen („Ihr Pack, Doppel-Pack, Tetra-Pack!“), übt erwartbare Kritik an der Informations- und Optimierungs-Gesellschaft („Ohne Netz kein Leben!“) und liefert ein paar wunderbare, typische Handke-Oneliner: „Hier, allein, bin ich unter uns.“
Wie immer ist sein Thema auch die Sprache: Manche Sequenzen erinnern an Ionescos „Die kahle Sängerin“ – die Sprache zerfällt unter ihrem eigenen Gewicht .

Claus Peymann hat diesen Text voller Ehrfurcht auf die Bühne gewuchtet und bemüht mit einigem Erfolg die große Theatermaschine zu dessen Beglaubigung. Karl-Ernst Herrmanns Bühne ist naturgemäß schräg, eine kahle Straßenkurve, ein großer, leerer Raum wie aus einem nie geschrieenen Beckett-Stück, bereit, Handkes Textfluten aufzunehmen.

Christopher Nell, den Peymann aus Berlin für die Hauptrolle als Handkes doppeltes Alter Ego mitbrachte, ist ein fantastischer Schauspieler, ein magischer Schalk, ein Puck in Handke-Verkleidung, der uns in Nachtgesichten unseres eignen Hirnes Dichten zeigt.

Martin Schwab, ein Zauberer, wie es nur wenige gibt,  ist der Gegenspieler der Hauptfigur, er wirkt manchmal, als hätte ihm die Regie Gewichte an die Füße gebunden.

Maria Happel liefert  verlässlich virtuosen, abgründigen Klamauk. Regina Fritsch spielt die „Unbekannte“, eine erotische Verheißung. Zu dieser Figur ist der Regie wenig eingefallen, dennoch füllt sie die Bühne mit Charisma.

Hoch das Unnütze!

Das Ensemble gibt eine herrliche, bedrohliche, unschuldige Raumverdrängerrotte (um ein früheres Handle-Stück zu zitieren). „Ihr glaubt, eine Mehrheit zu sein, ist kein Verbrechen?“, klagt das bedrängte Individuum sie einmal an. „Unsere tägliche Schuld gib uns heute“, beten sie.

„Es lebe das Unnütze!“, ruft das „Ich“ sein Credo in den Zuschauerraum. Und was ist unnützer und hat es gleichzeitig mehr verdient, zu leben, als die Poesie?

Gegen Ende heißt es: „Und jetzt? Herz, was nun?“ Beglückend oder fad? Wie immer im Theater: beides. Was wichtiger ist, muss jeder für sich entscheiden.

Nach mehreren, hinreißend verspielten falschen Schlüssen entschied sich das Premierenpublikum mehrheitlich für: beglückend.

Fazit: Selbsterkundung

Das Stück ist kein Stück, sondern eine poetische Selbsterkundung. Handke untersucht das Verhältnis des „Ich“ zur Gruppe – und das Verhältnis des poetischen, schöpferischen Teils seiner Persönlichkeit zur zerstörerischen Rampensau. Dazu kommen Kritik an der Informations- und Optimierungsgesellschaft und ein wahrer Wortspiel- und Zitate-Furor.

Inszenierung

Claus Peymann wirft die große Poesie-Maschine des Theaters an.

Spiel

Großartig.

KURIER-Wertung:

(KURIER) Erstellt am
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