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KURIER
Gynäkologe Georg Braune: "Die Termindisziplin der Patienten war noch nie so schlecht wie heute"
Gynäkologe Georg Braune: "Die Termindisziplin der Patienten war noch nie so schlecht wie heute" - Foto: gilbert novy

Letztes Update am 07.03.2013, 06:00

Bis zu drei Monate Wartezeit auf Arzt-Termin. Wiens Ärzte fordern 300 zusätzliche Planstellen. Die Krankenkasse schließt das aus.

14 Tage müssen Patientinnen einkalkulieren, um beim Donaustädter Gynäkologen Georg Braune einen Termin zu bekommen. „Wenn sie einen zu den besonders begehrten Zeiten zwischen 15 und 19 Uhr wollen, sind es sogar bis zu vier Wochen“, erzählt der Mediziner.

Bei weitem kein Einzelfall, wie aktuelle Daten der Wiener Ärztekammer zeigen: Zwischen 21 und 27 Tage beträgt in der Bundeshauptstadt die Wartezeit für einen Kontrolltermin bei einem Frauenarzt oder einem Neurologen. Negative Ausreißer sind die Augenärzte, wo sie in drei Prozent der Fälle drei Monate oder mehr betragen. Bei den Chirurgen müssen sich selbst Patienten mit akuten Problemen durchschnittlich sieben Tage gedulden (siehe Grafik unten).


Dem gegenüber stehen die Spitalsambulanzen, die wegen stetig wachsender Patientenzahlen aus allen Nähten platzen (der KURIER berichtete). Fakt ist: Ein Großteil der Besucher wäre in Arzt-Ordinationen besser aufgehoben. Thomas Szekeres, Präsident der Wiener Ärztekammer, will ihnen daraus auch gar keinen Vorwurf machen. „Sie gehen dorthin, wo sie schneller versorgt werden.“

Die Entlastung der Ambulanzen durch die niedergelassenen Ärzte ist ein Kernthema der geplanten Gesundheitsreform. Doch die langen Wartezeiten auf Termine würden zeigen, dass schon jetzt die Kapazitäten nicht ausreichen, betont man bei der Ärztekammer. Mitverantwortlich dafür: Seit dem Jahr 2000 wurde in Wien die Zahl der Kassenärzte stetig zurückgefahren.

Um die Ambulanzen zu entlasten, bräuchte es daher zusätzliche 300 Kassenverträge, fordert Johannes Steinhart von der Ärztekammer. Weiters einen Ausbau der Gruppenpraxen und ein Honorierungssystem, das es für Ärzte attraktiver macht, ihre Praxis auch am Abend oder an den Wochenenden aufzusperren. All das soll gemeinsam mit Vertretern der Stadt, der Krankenhäuser und der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) ausverhandelt werden.

Klare Absage

Zusätzliche Planstellen wird es nicht geben, erteilt die WGKK den Ärzte-Forderungen eine deutliche Absage. „Aktuell gibt es in Wien knapp 800 Allgemeinmediziner und gut 900 Fachärzte“, sagt Obfrau Ingrid Reischl. „Im österreichischen Vergleich ist die Bundeshauptstadt damit Spitzenreiter.“ Die medizinische Versorgung sei weit besser, als von der Kammer dargestellt. So sei man mit derzeit knapp 70 Gruppenpraxen in elf verschiedenen Fächern gut aufgestellt. „Nachholbedarf gibt es aber bei den Gruppenpraxen, die mehrere Fächer unter einem Dach vereinen“, betont Reischl.

Zeit für den Patienten

Viel wäre schon getan, wenn manch Vertragspartner mehr Zeit in die Patientenversorgung investieren würde: „Es gibt Gynäkologie-Einzelordinationen, die pro Jahr auf eine Fallzahl von 12.000 kommen. Andere haben nur 450“, sagt Reischl. Diese Ungleichheiten zu beseitigen, soll Gegenstand künftiger Verhandlungen werden.

Zum Teil sei auch die Problematik mit den Kontrollterminen hausgemacht: „Beispiel Knochendichte-Messung: Alle Studien zeigen, dass es keinen Sinn macht, sie jedes Jahr durchzuführen. Trotzdem werden die Patienten einmal im Jahr zu einem Termin bestellt“, sagt die WGKK-Obfrau.

Für den Wiener Gesundheitsökonomen Ernest Pichlbauer ist der Streit um mehr oder weniger Ärzte-Köpfe in Wien unverständlich: „Vielmehr geht es um die Versorgungswirksamkeit. Der Arzt muss so honoriert werden, dass er einen Anreiz hat, einen Patienten auch zu Ende zu behandeln.“ In der Praxis sehe es derzeit anders aus: Oft komme es vor, dass etwa ein älterer Patient wegen einer simplen Warze vom Hausarzt zum Hautarzt und von dort weiter in eine Fachambulanz geschickt wird.

Geht es nach dem Gynäkologen Braune, müssten sich aber auch die Patienten an der Nase nehmen: „Die Termindisziplin war noch nie so schlecht wie heute.“ Immer häufiger komme es vor, dass Patientinnen einfach nicht zur vereinbarten Zeit auftauchen würden. „Und das trotz Mail-Systemen und SMS-Reminder.“


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Versorgung

Zu wenig Ärzte auf dem Land und keine Kinderpsychiater

329 Kassenstellen für Fachärzte gibt es in der Steiermark sowie 372 Wahlärzte. „Es gibt punktuelle Mängel in der Abdeckung, eher im ländlichen Bereich“, sagt Martin Novak von der Ärztekammer. Das betreffe Orthopädie, Augenheilkunde sowie Hautärzte. Das könne Wartezeiten auf einen Termin verlängern, Studien darüber gibt es aber nicht. Ein laut Novak „massives Defizit“ gäbe es aber im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie: 15 Planstellen wären nötig, doch es gibt keine einzige.

„Ich schaue schon 100 bis 120 Patienten pro Tag an. Mit hohem Personaleinsatz und guter Organisation kann man die Wartezeiten auf zwei bis drei Wochen halten“, sagt Eduard Walch, Augenarzt in Krems. „Die Situation ist überall in NÖ innerhalb der Fachgebiete und Regionen unterschiedlich, sagt der nö. Ärztekammerpräsident Christoph Reisner. Eine klare Tendenz sei nicht heraus zu lesen. Aber: „Vieles ist von der Politik gemacht. So hat man den Radiologen in NÖ und Wien gesagt, dass die MRT-Untersuchungen pro Jahr nur um einen bestimmten Prozentsatz steigen dürfen. Was darüber hinaus geht, bekommen sie nicht bezahlt.“

 


Grafik

Wartezeiten für einen Kontrolltermin

(kurier) Erstellt am 07.03.2013, 06:00

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