Flüchtlinge: Der Kardinal und seine neuen Fans

Caritasdirektor Michael Landau (li.) und Kardinal Christoph Schönborn (2. v. re.) zu Besuch bei den Flüchtlingen im Quartier am Wiener Stephansplatz
Ein KURIER-Lokalaugenschein über das Zusammenleben im Winternotquartier am Stephansplatz.

Hussein steht inmitten des Schlafsaales, er hält Haarbürste und Zahnpasta in den Händen. Und er ist misstrauisch. Medien? Dort, wo er herkomme, sei denen nicht zu trauen, sagt er. Dann beginnt er aber doch zu erzählen: Er lebte im Irak und arbeitete als Schauspieler – bis der Krieg Leben und Arbeiten dort unmöglich machte.

Hussein ist einer von 22 Männern, die derzeit im Winternotquartier der Erzdiözese Wien am Stephansplatz leben. Sie nächtigen auf Feldbetten in zwei Schlafsälen, und teilen sich Küche, Speisezimmer und Bad. 22 muslimische Männer aus unterschiedlichen Ländern, die in einem Quartier der katholischen Kirche auf engem Raum zusammenwohnen: Klappt das? Ja, das tut es – und alle 22 sind mittlerweile große Fans von Kardinal Christoph Schönborn.

Transitquartier

Mitte September wurde die Wohnung am Stephansplatz für Flüchtlinge geöffnet, vorerst als Transitquartier: Hier wurden jene versorgt, die auf der Durchreise waren. "Da mussten wir jeden Tag 50 neue Leute betreuen. Das war schwierig", erzählt Erzdiözese-Mitarbeiterin Maria Faber, die die Flüchtlinge im Quartier am Stephansplatz betreut. Zu Spitzenzeiten hätten 74 Menschen auf 50 Pritschen nächtigen müssen, schildert sie.

Doch bald zeigte sich: Viele kamen, um zu bleiben. "Die Flüchtlinge standen nach ein paar Tagen wieder vor unserer Tür", schildert Rainald Tippow, Flüchtlingskoordinator der Erzdiözese. "Wir waren schließlich die einzige Adresse, die sie in Österreich kannten." Kurzerhand wurde aus dem Transitquartier daher ein sogenanntes Winternotquartier: Hier leben die Flüchtlinge, bis sie eine passende dauerhafte Bleibe finden.

So entstand die schicksalhaft zusammengewürfelte Wohngemeinschaft am Stephansplatz: Das Zusammenwohnen der 22 Männer – sie stammen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan – klappe derzeit einwandfrei, schildert Faber. "Ich gehe öfters mit ihnen einkaufen, aber sie kochen und putzen selbst."

Immer wieder besuche auch Kardinal Schönborn die neuen Mitbewohner: Kürzlich brachte er den Flüchtlingen etwa eine Torte als Geschenk mit. Wichtig seien freilich nicht bloß die Grundbedürfnisse "warm, satt und sauber", wie Flüchtlingskoordinator Tippow betont: "Ebenso geht es um das soziale und kulturelle Gehen lernen." Das beginne bei Alltäglichem, etwa, dass Männer und Frauen einander zur Begrüßung die Hand geben.

Gleichzeitig wolle er mit dem Vorurteil aufräumen, einige der Flüchtlinge würden Frauen nicht ausreichend respektieren, ergänzt Tippow: "Unsere Hausherrin, die Frau Faber, ist das beste Gegenbeispiel." Michael Prüller, Pressesprecher der Erzdiözese, pflichtet ihm bei: "Viele Männer, die wir kennenlernten, ermutigten ihre Frauen zum Beispiel sogar ausdrücklich, Deutsch zu lernen."

Vorurteile

Auch bezüglich des Glaubens der Flüchtlinge existieren allerlei Vorurteile: "Es gibt etwa immer wieder Gerüchte, dass Muslime keine Räume betreten, in denen Kreuze hängen", erzählt Prüller – und zeigt auf ein Kreuz an der Wand des Speisesaals. "Kein Kreuz wurde abgenommen, und niemand hat sich beschwert", ergänzt er und lacht. Vielmehr seien die Flüchtlinge neugierig: Einige besichtigten bereits den Stephansdom oder besuchten einen Gottesdienst.

Ein zentrales Thema ist freilich das Erlernen der deutschen Sprache: Zwei Mal pro Woche gibt es Deutschunterricht am Stephansplatz. Die Bewohner sprechen auch miteinander manchmal Deutsch – zumal es für einige die einzige Sprache zur gemeinsamen Verständigung ist. "Deutsch ist quasi das neue Esperanto", scherzt Tippow.

Abgesehen davon sollen die Flüchtlinge Wien kennenlernen, sagt Faber: "Wir machen Ausflüge, und einige waren schon in der Oper."

Favorit Fußball

Völkerverbindender Favorit ist jedoch der Fußball: Die Männer spielen nicht nur selbst gerne – sie interessieren sich auch für die österreichischen Vereine. Der Iraki Hussein und der Syrer Samer etwa kennen bereits den Fußballclub Rapid.

Hussein, der im Irak Schauspieler war, gefällt außerdem, dass es in Wien so viele Theaterhäuser gibt. Wenn möglich, würde er in Zukunft gerne wieder in seinem Beruf arbeiten: "Ich hätte auch schon Ideen für eine künstlerische Performance", sagt er und lacht.

Mohamad flitzt auf dem Kellerei-Gelände der Winzer-Dynastie Jamek in der Wachau umher. Ohne dass sich seine Eltern Hamid, 42, und Malka, 40, Sorgen machen müssen, kann der Zweijährige Fangen spielen und herumtollen. Noch vor wenigen Wochen war die Angst um ihn berechtigt. Als Mohamad in seiner nordsyrischen Heimat Al Hasakah durch die Gassen rannte, waren rundherum Bombeneinschläge zu hören. Das ständige Zittern um das Leben des Zweijährigen und um das eigene sei für seine Eltern unerträglich gewesen, erzählen sie. Dank der Winzerfamilie Jamek können nun insgesamt zwei Flüchtlingsfamilien in ihren Ferienwohnungen in Joching bei Weißenkirchen eine neue und zugleich sichere Zukunft beginnen.

Die Fernsehbilder aus Syrien und das Chaos rund um die Flüchtlinge in Österreich haben Jutta Altmann, Chefin des Promi-Weinguts Jamek, betroffen gemacht. Daher hat sie vor wenigen Wochen einen Entschluss gefasst. "Weil wir freie Kapazitäten haben, war für uns klar, dass wir eine Zeit lang auf die Einnahmen durch die Vermietung der Ferienwohnungen verzichten und lieber Hilfe leisten wollen", so Altmann. Gesagt getan. Nachdem sie mit der Diakonie-Flüchtlingshilfe Kontakt aufgenommen hatte, konnten Anfang Oktober sowohl eine kurdische als auch arabische Familie aus Syrien in den Ferienwohnungen in Joching einquartiert werden.

Dass die Integration funktioniert, hat vor wenigen Tagen erstmals das Lichterfest zu Martini in der Pfarrkirche in Weißenkirchen gezeigt. "Hamid und Malka waren mit ihren beiden Kindern mit dabei. Ihre fünfjährige Tochter Siren hat während der Feier fleißig mitgesungen", freut sich Herwig Jamek, "das ist schon ein Ausdruck der Gemeinschaft."

Hürden

Trotzdem ist der Alltag für die Flüchtlingsfamilien alles andere als einfach. Solange der Asylstatus in Österreich fehlt, bleibt die Angst bestehen, in ein Nachbarland zurückgeschoben zu werden. Gleichzeitig dürfen die Väter keinen Job annehmen. "Und das, obwohl sie arbeiten wollen. Derzeit bestehen die einzigen Aufgaben der Eltern darin, die Wohnung sauber zu halten, zu kochen, Siren in den Kindergarten zu bringen und einzukaufen", so Jamek. Mithilfe des Linienbusses kommen sie in das 15 Kilometer entfernte Krems, um Lebensmittel zu besorgen. Pflichttermin ist drei Mal wöchentlich der Deutschunterricht.

Flüchtlinge: Der Kardinal und seine neuen Fans
Flüchtlinge Wachau, Asylwerber, Jamek
Vorläufig sind aber Smartphones mit installierten Übersetzungsprogrammen das Kommunikationsinstrument Nummer eins. "Wenn wichtige Dinge zu besprechen sind, hilft uns eine Bekannte via Telefongespräch bei der Übersetzung", sagt Jamek. Beim Managen des Alltags ist der neue Förderverein "Mosaik Wachau" eine große Stütze. Der kümmert sich etwa um ehrenamtliche Lehrer für die Deutschkurse. "Unsere nächsten Aufgaben sind, Minijobs und andere Aktivitäten zu finden", sagt Obfrau Cornelia Paul aus Spitz, die viel Energie investiert, damit Flüchtlingsfamilien in der Wachau ein normales Leben führen können. Derzeit sind 18 Erwachsene und 13 Kinder in Spitz und der restlichen Wachau untergebracht.

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