"Glaube ist oberflächlich geworden"

Bischof Ludwig Schwarz…
Foto: /Josef Ertl Bischof Ludwig Schwarz auf dem Petersplatz, nachdem er sich im Rahmen der Generalaudienz vom Papst verabschiedet hat.

Bischof Ludwig Schwarz zieht Bilanz über seine zehn Jahre in der Diözese Linz.

Ludwig Schwarz tritt nach zehn Jahren als Bischof der Diözese Linz ab. Am 17. Jänner um 15 Uhr wird sein Nachfolger Manfred Scheuer im Linzer Dom in das Amt eingeführt. Am 31. Jänner, dem Tag des Heiligen Don Bosco, lädt die Diözese zum Dankgottesdienst für den 75-jährigen Altbischof in den Linzer Dom. Schwarz wird zu den Salesianerinnen Don Boscos nach Vöcklabruck übersiedeln.

KURIER: FPÖ-Obmann Manfred Haimbuchner wehrt sich gegen den Zuzug von Flüchtlingen und Muslimen mit dem Argument, Oberösterreich sollte ein christliches Land bleiben.Ludwig Schwarz: Es ist schwer, dem Gutsein, der Liebe und der Hilfsbereitschaft Grenzen zu setzen. Der Mensch soll das tun, was er tun kann und die Strukturen der Familie, der Gemeinschaft und der Gesellschaft leben und aufrechterhalten. Es wird immer ein begrenzter Teil sein, den wir an Liebe und Güte den Hilfsbedürftigen, den Armen und den Vertriebenen schenken. Aber wir sollen uns aus Liebe immer wieder bemühen, in den Bedürftigen unseren Bruder und unsere Schwester zu sehen. Dann wissen wir leichter, mit welchen Maßstäben der Güte wir uns ihnen gegenüber verhalten sollen. Es kann natürlich nicht verlangt werden, das Eigene aufzugeben. Aber man kann sicherlich noch mehr als das tun, was bis jetzt getan wurde.

Man kann noch mehr tun?

Ja, das glaube ich.

Gibt es für Sie Obergrenzen?

Es gibt gewiss Grenzen der Belastbarkeit. Es muss das Eigene schon seinen Wert, seinen Bestand und seinen Fortgang bewahren. Ich kann ja als Bauer nicht meine Felder verkaufen, um dem Mittellosen zu helfen. Damit nehme ich mir ja meine eigene Lebenssicherheit. Da sind schon Grenzen da. Aber man soll Gutes tun, so weit es geht.

Welches Resümee ziehen Sie über Ihre zehn Jahre als Bischof von Linz?

Ich war gerne in Linz und habe mich bemüht, mit den Gläubigen in einem guten Kontakt zu sein. Ich habe das durch die vielen Visitationen in den Pfarren gemacht. Linz ist mit fast 500 Pfarren eine große Diözese. Ich habe gemerkt, dass hier gute Strukturen und ein guter Fortgang da sind. Es war mir ein Anliegen, ein Herz für die Armen und Bedürftigen zu haben. Es war mir wichtig, dass wir uns noch bewusster auf die Werte des christlichen Glaubens besinnen und sie im Alltag leben. Ich habe diese den Mitmenschen zum Beispiel durch Gespräche, Predigten und Vorträge nahe gebracht. Es war mir ein Anliegen, die Menschen zu einer vertieften Begegnung mit Christus zu führen, durch den Empfang der Sakramente, die Mitfeier der Heiligen Messe, durch den häufigeren Empfang des Bußsakramentes, durch das tägliche Gebet und die Werke der Nächstenliebe.

In der Diözese gibt es einerseits fortschrittliche Kräfte wie die Frauenbewegung, die für das Priestertum der Frau eintritt, andererseits gibt es Fundamentalisten und Traditionalisten.

In jeder großen Organisation gibt es Extreme nach links und rechts. Das sind kleinere Gruppen, die nicht auf das Gesamte eingestimmt sind. Das Gros der Diözese hat an einem Strang gezogen. Es ist schon eine klare Linie da. Aber es stimmt, es sind auch Extreme da. Ich habe in meinen Gesprächen versucht, das Gemeinsame in den Vordergrund zu rücken. Wenn sie im Recht waren, habe ich ihnen recht gegeben. Ich konnte aber bei der Priesterweihe für die Frauen nicht zustimmen.

In welcher Situation befindet sich die Diözese heute?

Der Glaube ist bisweilen oberflächlich geworden. Im religiösen Leben könnte mehr Eifer und Einsatz da sein. Dazu gehört die Gemeinschaft mit Christus in der Sonntagsmesse, der Empfang der Sakramente, die heilige Beichte, das Gebet in den Familien und bei den Einzelnen. Das sind Grundanliegen. Christus sagt, betet ohne Unterlass.

Was sind die Ursachen für den rückläufigen Messbesuch? Sind die Gläubigen selbst schuld?

Die Welt macht tausend andere Angebote. Man geht dann in diesen Dingen zu sehr auf und hat weniger Zeit für Gott. Darunter leiden wir in unserer Diözese ebenso wie auch in den anderen Diözesen. Dort, wo nicht gebetet wird, wo man nicht die Sakramente empfängt, wo nicht in der Heiligen Schrift gelesen wird, dort wird der Glaube immer schwächer.

Wird zu sehr dem Konsum gefrönt?

Gerade in der vorweihnachtlichen Zeit merken wir, wie übergroß das Angebot in diesem Bereich ist. Wir sollen als Christen dieser Welt nicht gleichförmig werden. Das beherzigen wir zu wenig. Das Religiöse, das, was aus der Nähe zu Gott heraus kommt, gibt unserem Leben Kraft und wird für andere spürbar. Die Gottes- und die Nächstenliebe sind dabei die tragenden Säulen.

Sollen sich die Christen in ihrer Gläubigkeit ein Beispiel an den Muslimen nehmen?

Viele Muslime leben ihren Glauben aus Überzeugung und bekennen sich offen dazu. Auch uns Christen würde bisweilen ein mutigeres Bekenntnis zu Christus und seiner Kirche nicht schaden.

Was war die schönste Erfahrung in diesen zehn Jahren in Linz?

Die Begegnungen mit den Jugendlichen bei den Gottesdiensten und Jugendtagen. Das hat mich als Salesianer besonders gefreut. Oder die Ministrantentreffen im Stift Florian, bei denen bis zu 2000 Ministranten zusammen gekommen sind. Ich denke auch an die Feier der Seligsprechung von Franz Jägerstätter. Weiters waren die Begegnungen mit einzelnen Menschen und Familien besonders schön. All das zusammen hat mir viel gegeben und mich freudig gestimmt. In der Diözese ist sicher viel Gutes vorhanden, das muss man fördern und soll man pflegen.

Was war Ihre schmerzlichste Erfahrung?

Die Kirchenaustritte tun mir sehr weh. Ich schreibe jedem, der austritt, aber auch jedem, der wieder eintritt. Es kehren jährlich wieder 900 Menschen in die Gemeinschaft der Kirche zurück.

Die Bestellung des Windischgarstner Pfarrers Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof 2009 hat zu einem Konflikt geführt. Wie sehen Sie diese Kontroverse rückblickend?

Es ist gelaufen, wie es gelaufen ist, es war nicht alles gut und richtig. Natürlich wäre es für mich leichter gewesen, zusammen mit einem Weihbischof für die Menschen dieser großen Diözese Sorge zu tragen.

Sie hätten ja später nochmals einen beantragen können.

Ich habe mich darum bemüht, mit den vier Bischofsvikaren enger zusammenzuarbeiten. Auch mein Generalvikar Severin Lederholger stand mir immer helfend und beratend zur Seite. Wir waren ein gutes Team.

Die Bischofssynode hat sich kürzlich mit der Situation der geschiedenen Wiederverheirateten beschäftigt. Es wird eine Öffnung erwartet. Wie sieht die Handhabung in der Diözese aus?

Wir warten auf die noch ausständigen Ergebnisse der Synode und die diesbezügliche Stellungnahme des Papstes.

Ihre Familie wurde zu Kriegsende aus der Gegend um Bratislava vertrieben. Sie haben eine kirchliche Karriere gemacht, die Sie ins Bischofsamt geführt hat.

Karriere würde ich nicht sagen, sondern kirchlicher Dienst. Ich bin voll Dankbarkeit, dass Gott mich in eine christliche Familie hineingestellt hat, in der auch täglich miteinander gebetet wurde. Durch die Vertreibung aus unserem Heimatdorf Bruck an der Donau wurden wir bitterarm, wir hatten lange Zeit gar nichts, kein Dach über dem Kopf. as wir dann nach Wien kamen, ging es langsam aufwärts. Mein Vater fand Arbeit in einer Baufirma. Wir fühlten uns auch in einer Holzbaracke angenommen und geborgen. So haben wir auch dort eine schöne Kindheit verbringen dürfen. Man war ohnehin nichts Besseres gewöhnt und so hat man die Entbehrungen leichter und besser ertragen.

Wie kamen Sie zu den Salesianern Don Boscos?

Meine Mutter hat mich hier sehr geprägt. Sie hatte eine große Liebe zu Don Bosco. Sie war mit 16, 17 Jahren ein Dienstmädchen in Pressburg. Am ersten Freitag im Monat, am Herz-Jesu-Freitag, ging sie immer zum selben Priester beichten. Er war ein Salesianer. Er hat ihr die Liebe zu Don Bosco vermittelt. Sie hat dann am Don-Bosco-Fest, am 31. Jänner 1939 geheiratet.

Dann kam die Vertreibung. Wir kamen letztlich nach Wien in ein Barackenlager, wo vorher Kriegsgefangene untergebracht waren. Wir haben ganz armselig in diesen Baracken gewohnt. Aber meine Mutter hat gesagt, eines ist schön, dass nämlich diese Baracken in einer Pfarrgemeinde von Don Bosco stehen. Sie hat dahinter mehr als einen Zufall gesehen und uns Buben zu ihnen hingeführt. Dort konnten wir Fußball spielen, die Aufgaben machen, ministrieren und Gruppenstunden besuchen. Das war für uns ein Aufleben in jeder Hinsicht. Ich war der Erstgeborene von neun Kindern und so wurde in mir die Sehnsucht wach, selbst Priester und Salesianer Don Boscos zu werden.

(kurier) Erstellt am
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