Wohnen
27.09.2017

Zehn Tage voll Design

Die elfte Ausgabe der Vienna Design Week findet heuer zwischen Schmelz und Westbahnhof, Stadthalle und Sechshauserstraße statt. Festival-Direktorin Lilli Hollein verrät vorab ihre persönlichen Highlights im Multikulti-Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus.

Die Sechshauserstraße umweht ein rauer Charme: Leerstehende Geschäftslokale, bröcklige Hausfassaden, Wettbüros, Kontakt-Cafés und Bauchstich-Buden dominieren die Gerade zwischen Gürtel und Auer-Welsbach-Park. Doch nicht alle Ecken des 15. Bezirks teilen dieses Schicksal. Zwischen Schmelz und Lugner-City hat sich auch eine lebendige Kreativszene etabliert. Vor allem in der Reindorfgasse, wo sich seit einiger Zeit Architekturbüros, hippe Craftbeer-Bars und Designstudios ansiedeln.
Lilli Hollein rückt das Grätzel nun ins Rampenlicht: Jedes Jahr wählt die Festivaldirektorin einen Fokusbezirk für die Vienna Design Week aus. Heuer fiel die Wahl auf Rudolfsheim-Fünfhaus. „Die Entwicklung geht hier rasant voran. Es sind hier schon viele Kreativbüros ansässig. Zugleich hat der Bezirk noch eine Vielzahl handwerklicher Betriebe. Es gibt Spezialisten für alles Mögliche. Nicht nur die Klassiker wie Schuster und Schneider, sondern Spezialgewerke wie etwa die Hornmanufaktur Petz oder die Kupferschmiede Hegenbart. Der Bezirk wechselt gerade von der Vorstadt zum heftig umarmten Bobobezirk“, sagt die Festivalgründerin.

Weil heuer mehr Programm angeboten wird als in den Jahren zuvor, gibt es die Festivalzentrale erstmals in zweifacher Ausführung: In der ehemaligen Bankfiliale auf dem Sparkassaplatz 4 und im „Blauen Haus“ beim Westbahnhof, das mit vielen Beiträgen, einem Infopoint und einem Pop-Up-Cafe erste Anlaufstelle für die Besucher sein wird. Darüber hinaus nimmt der ganze Bezirk eine wichtige Rolle ein: Ausstellungen, Workshops, Vorträge und Touren widmen sich den Bereichen Architektur, Produkt- und Möbeldesign sowie Grafik- Insdustrie- oder Social Design. Mehr als 100 Veranstaltungen wird es insgesamt geben, die die Hauptstadt auch heuer wieder für zehn Tage zur „City Full of Design“ machen.

Stop # 1 Hornmanufaktur Thomas Petz

Thomas Petz hat den 1862 gegründeten Traditionsbetrieb seiner Großeltern übernommen. Er führt die alte Kunst des Hornbiegens unter zeitgenössischen Gesichtspunkten weiter. In seiner Werkstatt in der Nobilegasse im 15. Bezirk produziert er klassische Produkte wie Kämme und Haarspangen. „Daneben mache ich aber auch Schmuck und Wohnaccessoires wie Schuhlöffel, Becher, Brieföffner, Salzlöffel, Pfeffermühlen und Federrinnen“, sagt Petz. Wichtig ist ihm Qualität: „Man erkennt das an der Verarbeitung der Zinken: Wichtig ist, dass er gut gespitzt ist und sich auf Kopfhaut gut anfühlt.“
Was erwartet die Besucher? Einerseits kann man das Kooperationsprojekt mit Katharina Eisenköck, einer Grazer Designerin die in London lebt, sehen. Andererseits kann man die Werkstatt als solche erleben und sehen, was das ganze Jahr über produziert wird.

Stop #2 Stadthalle Wien

„Sie ist das identitätsstiftende Bauwerk im 15. Bezirk. Es ist jedoch ein Ort, den man meistens nur mit seinem Angebot konsumiert. Dabei hat er auch als reine Architektur-Sehenswürdigkeit Aufmerksamkeit verdient“, erklärt Lilli Hollein, warum ihr dieses Haus am Herzen liegt.
Was erwartet die Besucher? Die Stadthalle öffnet die VIP- und Premiumbereiche, die normalerweise nicht zugänglich sind. Dort gibt es eine ganze Reihe von Kunstwerken zu sehen, die bei der Errichtung beauftragt wurden – u.a. Heinz Leinfellners Steinmosaik an der Ehrenloge oder Carl Ungers Orientierungsplan als Mosaik. Zudem wird es zwei Touren geben, die von Marion Kuzmany und den Architekten der aktuellen Zubauten geführt werden.

Stop # 3 Studio Mischer’Traxler

Katharina Mischer und Thomas Traxler zählen zu den aktivsten Designern des Landes und sind wichtige Weggefährten der Vienna Design Week: „Sie haben bereits mehrmals sehr unterschiedlich und vielfältig am Festival mitgewirkt“, sagt Lilli Hollein. Auch deren Studio empfindet die Organisatorin als Ort der Inspiration: „Man kann die Denkprozesse förmlich sehen. Dieses Studio ist keine Inszenierung, sondern eine Werkstätte, in der tatsächlich etwas entsteht. Wann immer man vorbeikommt: Es ist jedesmal anders, wie eine Wunderkammer.“
Was erwartet die Besucher? Zum einen ist ihnen die Ausstellung „In Relation“ im AAA Project Space der Galerie Mauroner gewidmet, bei der es bestehende und neue Arbeiten der beiden zu sehen gibt. Zum anderen sind MischerTraxler als Programmpartner selbst aktiv und öffnen ihre „Wunderkammer“ in der Sechshauserstraße. Katharina Mischer: „Wir wollen einen authentischen Einblick in unser Arbeitsumfeld geben und nicht zuviel aufräumen, um die Studiosituation zu erhalten. Es gibt Dinge zu sehen, die gerade in Entwicklung sind. Außerdem werden wir Blickboxen generieren mit denen man kleine Highlights entdecken kann.“

Stop # 4 Digitalagentur NOUS

Die vor zehn Jahren gegründete Agentur zählt heute zu den führenden Anbietern im Bereich mobiler Guides und medialer Vermittlung. Bereits mehr als 200 Projekte auf allen Kontinenten hat das Team von Nous schon realisiert: Unter anderem für das „House of History“ in Brüssel, für das Kunsthaus Wien, die Albertina oder – aktuell – für das Louvre in Abu Dhabi. Neben ihrem Hauptsitz in der Ullmannstraße betreiben sie zwei Niederlassungen in Denver ( USA) und Dubai. Lilli Hollein: „Designleistungen im Bereich der Digitalisierung kann man selten physisch irgendwo erleben. Das Büro von Nous als Veranstaltungsort dabei zu haben ist für mich als Festivalveranstalterin ein großer Glücksfall.“
Was erwartet die Besucher? Nous-Geschäftsführer Wolfgang Schreiner: „Wir werden etwas in unseren Lift einbauen, das man im Dunkeln ertasten muss. Und wir beteiligen uns mit dem Inklusionsprojekt „Eye to Ear“, das wir mit Studio Tactile umgesetzt haben. Mithilfe von Klang, verbalen Bildbeschreibungen und Interaktion am iPad schafft die App ein neues Kunsterlebnis, das nicht nur blinden und sehbehinderten Menschen einen neuen Zugang ermöglicht, sondern jedem.“

Stop #5 Festivalzentrale Sparkassaplatz

„Hier gibt es Details, denen man sich einfach nicht entziehen kann. Die Heizungsrohre, die in die runden Fenster hineingeschmiedet sind. Die Galerie, die an eine Kapitänsbrücke erinnert. Oder das opulente Tor, das sich als Ganzes drehen lässt“, schwärmt Hollein. Errichtet in den 70er-Jahren vom österreichischen Architekten Johann Georg Gsteu, verkörpert es das, was eine Festivalzentrale auszeichnet: architektonische „Credibility“, wie die Organisatorin es nennt.
Was die Besucher erwartet? Hollein: „Die ehemalige Bankfiliale wird als diskursiver Ort etabliert.“ Vorträge, eine gemeinsame Ausstellungen des Royal College of Art und des Werkraum Bregenzerwald, eine Präsentation von Laufen und vieles mehr finden hier statt. Im Tresorraum wird die Installation „Panzerschrank Potemkin“ von Virgil Widrich zu bewundern sein.

Gastland Rumänien

Jahr für Jahr holt die Vienna Design Week ein wechselndes europäisches Gastland vor den Vorhang, dessen Schaffen bisher weniger bekannt ist. Heuer ist das Rumänien. Hollein: „Die Szene ist überschaubar und die Ausbildungsmöglichkeiten sind beschränkt. Trotzdem gibt es einige interessante Unternehmen.“Wer einen Einblick in das Schaffen der rumänischen Kreativszene erlangen will, hat während des Festivals mehrere Möglichkeiten: Während die Gastlandausstellung „Threads of Tradition“ in der Festivalzentrale einen Blick auf zeitgenössische Arbeiten der Szene wirft, zeigt das Rumänische Kulturinsititut ( RKI) in der Argentinierstraße die Ausstellung „Play&Rewind - Memories, games and tales in Romanian design“, bei der der Bezug zu Kindheit und Spiel im Vordergrund steht.Mit dem Stadtarbeit-Projekt „Tischlein deck dich“ werden wiederum kulturelle Unterschiede mittels Food Sharing untersucht. Und auch beim Format „Debut“, bei dem Universitäten eingeladen werden, Projekte der Studierenden vorzustellen, ist Rumänien vertreten. In diesem Jahr fiel die Wahl mitunter auf die Fakultät für Architektur und Urbanismus der Polytechnischen Universität von Timisoara. Es wird von der Universität in Timisoara beigesteuert. Die beiden Ausstellungen liefern einen guten Eindruck, was die Szene kann. Ist geprägt von starkem handwerklichem Zugang.

Vienna Design Week: 28. September – 8. Oktober 2017. Alle Informationen und Termine: www.viennadesignweek.at