Wohnen
27.06.2018

Yvonne Farrell: "Es geht nicht immer um Paläste"

IMMO hat die Kuratorin der Architekturbiennale anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums des Az W zum Gespräch getroffen.

KURIER: Die Architekturbiennale gibt es seit 1980. Bisher hat nur eine Frau die Ausstellung kuratiert. Hat Sie der Auftrag überrascht?

Yvonne Farrell: Es war eine wundervolle Überraschung, als wir den Anruf von Paolo Barrata, dem Präsidenten der Biennale, erhalten haben und er uns eingeladen hat das Programm zu kuratieren und ein Thema auszuwählen. Es ist eine Chance, die man sich nicht entgehen lässt – und eine große Herausforderung. Als erstes haben wir ein Manifest geschrieben, das am Ende nur zwei Seiten lang geworden ist. Architektur betrifft alle, jeder soll es verstehen und die Biennale besuchen können. Darum haben wir es so kurz wie möglich gehalten.

Sie haben das Motto „Freespace“ gewählt. Fehlt es dem Thema an Aufmerksamkeit?

Wir haben uns aus zwei Gründen dafür entschieden: Erstens trägt es das Wort „Raum“ in sich. Architektur meint nämlich nicht nur das Objekt, sondern auch den Inhalt – also Raum, den es umschließt und in dem wir uns bewegen. Zweitens wollen wir zeigen, welchen Beitrag Architektur für die Allgemeinheit leisten kann. Anders als die Kunst, die frei ist, wird die Architektur von Kunden in Auftrag gegeben. Trotzdem kann sie ein Geschenk an die Menschheit, eine Bereicherung für die Umwelt sein. In den allermeisten Projekten findet sich ein solcher Aspekt von Großzügigkeit.

Was ist die Essenz Ihrer Architektur?

Wir haben uns damals nach der Straße benannt, in der unser Büro liegt, weil es die einfachste Lösung war. Doch je älter ich werde desto mehr bin ich überzeugt, dass der Ort eine ganz entscheidende Rolle spielt. Vor allem im digitalen Zeitalter: Wenn Architektur zu international ist, kann sie verunsichern. Unserer Meinung nach sollte sie die Einzigartigkeit einer Region und dessen Kultur betonen. Vielleicht möchten wir mit unseren Gebäuden die Menschen mehr spüren lassen als andere, an welchem Ort sie sich befinden.

Sie haben Universitätsgebäude und Schulen in Italien, Irland und Peru gebaut, weitere sind geplant. Was fasziniert Sie an Bildungsbauten?

Unserer Ansicht nach sind es die radikalsten Räume, die Menschen bauen können. Besonders jetzt, wo Lernen durch die Digitalisierung ortsunabhängig wird. Warum sollten Menschen an der Universität zusammenkommen, sich versammeln oder einen Professor treffen wenn sie Zuhause am Laptop sitzen können? Was bedeutet Bildung im 21. Jahrhundert und welche Orte würden sie besser machen? Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns liebend gern.

Sie feiern heuer 40-jähriges Bürojubiläum: Was waren die wichtigsten Meilensteine Ihrer Karriere?

Jedes Projekt war eine Bereicherung, insbesondere Bocconi in Mailand, weil es unser erstes Projekt außerhalb Irlands war. Oder UTEC in Lima, weil es so weit weg und frei von vielen Details war: Es gab etwa keine Probleme mit Regen und wegen des Klimas brauchten wir keine Dämmung. Für die Biennale gefragt zu werden war eine sehr große Ehre, weil es auf unserem Urteilsvermögen und unserer Erfahrung beruht. Unser Team und unsere Kunden sind eine ebenso wichtige Säule. Und dass wir drei Rezessionen überlebt haben, vor allem jene 2008.

Inwiefern hat sich Ihr Zugang zur Architektur in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Wenn Orte zerstört werden, sei es durch Naturkatastrophen oder Konflikte, werden Träume zerstört. Wir haben gelernt: Jedes Projekt ist ein Stück Optimismus. Das kann ganz Bescheiden sein, zum Beispiel eine schöne Bank vor einem Kirschbaum. Das möchten wir auch in der Biennale vermitteln: Es geht nicht immer um das große Ding, um Paläste. Ein schöner Raum, eine Wand oder ein nettes Gespräch mit einem Freund können ein tolles architektonisches Erlebnis sein.

Architektur ist noch immer eine Männerdomäne. Haben es Frauen schwerer, in dem Beruf Karriere zu machen?

Talent ist keine Frage des Geschlechts. Am Ende geht es um die Arbeit und nicht darum, ob man Mann oder Frau ist. Aber was uns traurig stimmt: Wenn wir unterrichten treffen wir auf viele kreative Frauen, die dann wie vom Erdboden verschwinden. Es sind vermutlich gesellschaftliche Strukturen, die Frauen das Leben am Arbeitsmarkt erschweren.

Nach 40 Jahren im Job: Sind Sie jemals müde von Architektur?

Architekten tragen eine große Verantwortung und sollten eigentlich drei Leben haben: Denn es dauert, bis man Fuß gefasst hat. Dann beschleunigt sich alles: Mit der Erfahrung wachsen das Können und die Komplexität. Je älter ich werde, desto mehr fasziniert mich die Disziplin.

Gibt es ein Projekt, das Sie noch gerne realisieren würden?

Der Däne Jan Utzon hat einerseits das Opernhaus in Sidney gebaut, das eine ganze Nation repräsentiert. Andererseits hat er für das „Can Lis“-Haus in Mallorca eine ganz wunderbar geformte Sitzbank entworfen. Das ist eine erstaunliche Bandbreite: Etwas so Symbolisches und so Intimes machen zu können. Es gibt kein bestimmtes Projekt, aber wir würden uns gerne in einem ebenso breiten Spektrum entfalten können.

Zum Büro

Zwei Frauen, die seit 40 Jahren erfolgreich ein Architekturbüro leiten: 1978 gründeten Yvonne Farrell und Shelley McNamara das gemeinsame Büro Grafton, in der gleichnamigen Haupteinkaufsstraße von Dublin, Irland. International bekannt wurden sie durch  die Realisierung des Luigi Bocconi Universitätsgebäudes in Mailand, für das sie zahlreiche Auszeichnungen erhalten haben. Mit ihrem 40-köpfigen Team arbeiten sie zur Zeit an Plänen für diverse Bildungsbauten: Unter anderem zwei Universitätsgebäude in London Lincoln Inn Fields und in Kingston sowie in Frankreich bei Paris und Toulouse. In Dublin planen sie aktuell ein neues Büro-Headquarter, eine neue Stadtbibliothek sowie eine Volksschule und zwei Wohnhäuser.  

www.graftonarchitects.ie