Wohnen
05.12.2011

Rita Bertolini: "Stillstand mag man nicht"

Rita Bertolini, Buchgestalterin und Grafikerin aus Bregenz, über Vorarlberger Wohntraditionen und das Selbstverständnis der Bregenzerwälder Frauen.

Für Ihren Bildband "Innenleben" haben sie 116 Häuser besucht - vom Stadtpalais bis zur Notschlafstelle, vom Bauernhaus bis zum sogenannten Architektentraum. Woher nimmt man so viel Zeit?
Ich mache nur ein Projekt pro Jahr, das dann aber dafür mit ganzer Leidenschaft. Für viele in dem Buch abgebildeten Plätze musste ich mir erst das Vertrauen seiner Bewohner erwerben. Man kann da also nicht hinfahren, fünf Fragen stellen, alles abfotografieren und das war's dann. Meistens saß man zuerst mehrere Nachmittage zusammen. Danach war dann aber auch das Gefühl für diese speziellen Menschen und ihre Träume da. Jede Einrichtung spiegelt ja auch immer die Vorstellungen und Träume seiner Besitzer wider.

Alles ist sehr gepflegt und auf dem neuesten Stand. Wenn man sich die Häuser und Einrichtungen in Ihrem Buch ansieht, wird man in der Annahme bestätigt, dass Vorarlberg ein reiches Land ist.

Das hat eine lange Tradition: Vorarlberg war mit dem Schweizer Raum neben Manchester und Tschechien das drittgrößte Textilland der Welt. Hier gab es zwar nie einen Adel, aber dafür einen sehr geschäftstüchtigen Textiladel, der sich von großen Baumeistern palaisähnliche Häuser errichten ließ. Dieses Andenken und der Stolz auf die Leistungen der Vorfahren wird nach wie vor sehr hochgehalten. Heute ist es nicht mehr der Textilhandel, dafür Wasser und Energie, auf die dieses Bundesland bauen kann.

Sie stammen aus dem Bregenzerwald. Die dortigen Bewohner gelten als besonders emsig und selbstbewusst. Hilft Ihnen das bei Ihren vielen Aktivitäten?
Das Wichtigste bei uns ist das Dahinter-Sein, das "Dazuschauen". Stillstand mag man nicht. Es geht immer darum, dass alles weitergeht und sich entwickeln kann. Bregenzerwälder Frauen waren schon zu einer Zeit als Wirtinnen und Bäuerinnen selbstständig, als das noch völlig unüblich war. Diese Unabhängigkeit machte sie sehr stolz und führte zu matriarchatsähnlichen Situationen. Es gibt hier einen Ehrenkodex: Du musst im Leben zuerst zeigen, was du kannst. Man erarbeitet sich alles selbst.

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