Neues Graffiti am Donaukanal

Graffiti Reportage Donaukanal
Foto: KURIER/Gilbert Novy Die Sprayer Youri Cansell und Andreas Pistner der Agentur "common Walls"

Der französische Fotorealismuskünstler Youri Cansell und sein deutscher Kollege Andreas Pistner im Gespräch.

Wie haben sich Ihre Leidenschaft  für die Graffitikunst und Ihr Können entwickelt?
Andreas Pistner: Noch bevor ich diese Kunstrichtung überhaupt kennenlernte, habe ich Namen für  imaginäre Metalbands erfunden und dann auch Schriftzüge für diese entworfen. Deswegen haben auch meine ersten „Styles“ diesen spitzen Charakter, den man aus dieser Musikszene kennt. Später war ich auf der Fachoberschule für Gestaltung in Würzburg, danach habe ich mein Diplom in Illustration abgeschlossen.
Youri Cansell: Ich bin darin so gut geworden, weil ich versucht habe, jeden Tag dieselbe Motivation und Energie beizubehalten, die mich erst überhaupt einmal an die Wand gebracht hat. Ich wollte mich einfach weiterentwickeln. Sicherlich hat das auch mit Übung zu tun, aber die mentale Einstellung spielt eine große Rolle.
 

Graffiti Reportage Donaukanal Foto: KURIER/Gilbert Novy Youri Cansell beim Kreieren eines seiner Motive Herr Cansell, was begeistert Sie so am Fotorealismus?
Youri Cansell: Es geht nicht darum, im Akt des Malens eine verrückte Science-Fiction-Welt zu erschaffen. Vielmehr versuche ich, die Realität auf die Wand zu bringen. Es hat einfach mit den Farben und der Bewegung zu tun, warum ich gerade Vögel so gerne male.

Wie ist es, im Rahmen einer Agentur Auftragsarbeiten auszuführen?
Andreas Pistner: Bei common walls fühlt es sich sehr angenehm an. Lars ist nicht die typische Geschäftsperson, aber er kann wunderbar organisieren. Wir kennen ihn ja, weil er damals in Trier die Sommer-Jams organisiert hat und wir Künstler immer eingeladen waren. Wir sind auf viele solcher Veranstaltungen gefahren, aber hier waren die Leute am nettesten, es wurde sich um jeden gekümmert. Da sind schließlich Freundschaften fürs Leben entstanden. Graffiti ist nun mein Werkzeug, um große Flächen ansprechend gestalten zu können. Natürlich ist es auch ein finanzieller Vorteil. Meine persönliche Freiheit war mir aber immer sehr wichtig, weswegen ich auch weiterhin privat meine Kunst vertreibe.
Youri Cansell: Ich habe diesen Weg ganz einfach für mich gewählt, da das Malen mein Lebensinhalt ist. Die Agentur  ermöglicht mir, jeden Tag machen zu können, wofür ich geboren wurde. Das ist für mich als junger Künstler am wichtigsten. Außerdem kann ich weiterhin viel reisen. Da, wo ich malen kann, fühle ich mich auch zu Hause. Ich versuche, fremde Kulturen kennenzulernen und Leute zu treffen, die meine Begeisterung für das Malen teilen.

Graffiti Reportage Donaukanal Foto: KURIER/Gilbert Novy Andreas Pistner beim Grundieren mit Walze und Pinsel Was halten Sie davon, dass Graffiti auch in Galerien ausgestellt wird?
Andreas Pistner: Für mich stellt sich hier die Frage, ob es dann auch tatsächlich Graffiti ist, das in Galerien gezeigt wird. Natürlich sind es Leute aus der Szene, die ihre Werke ausstellen, aber ein Bild, das für eine Galerie gemacht wurde, ist meiner Meinung nach etwas anderes. Das Wesentliche von Street- und Urban Art ist nämlich, dass es draußen im öffentlichen Raum in einer Größe  passiert.  Arbeiten, die privat gemacht wurden, um schließlich auch ausgestellt zu werden, sollten aber nicht abgewertet werden. Es entstehen nämlich auch wirklich tolle Dinge, die explizit für  Ausstellungsräume gedacht sind.
Youri Cansell: Ich finde, es geht hier einfach ein Stück Wahrheit verloren. Ein Graffito ist eine große Sache, denn es will mit seiner Präsenz schockieren. Jedes einzelne Werk will das sichtbarste von allen sein. In Innenräumen nimmt man den Bildern das Wesentliche.

Und der illegale Aspekt?
Youri Cansell: Du musst einfach eine Entscheidung für dich selbst treffen und versuchen, jede deiner Taten mit dir selbst vereinbaren zu können. Es geht hier um Liebe zur Umwelt. Ich spreche nicht nur vom Malen auf illegalen Flächen und auch nicht nur von jungen Leuten, die keinen Respekt vor dem System haben. Graffiti ist eine Stimme, mit der irgendjemand versucht, sich auszudrücken – und deswegen wertvoll.

Haben Sie einen Rat für junge Künstler, die sich auf diese Kunstrichtung spezialisieren wollen?
Andreas Pistner: Viel zeichnen. Eine gewisse Affinität schadet  nicht, aber ich glaube, man kann es erlernen. Wirklich wichtig ist aber auch, Respekt vor anderen Künstlern zu haben und davor, wo man malt. Man sollte immer zuerst nachdenken, bevor man beginnt zu malen.
Youri Cansell: Du musst tun, was du liebst und hart an dieser Essenz arbeiten. Nur dann bist du auch wirklich glücklich.

(Kurier) Erstellt am
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