Wohnen
20.10.2017

"Mit der Handschrift weigere ich mich noch"

Alfredo Häberli ist kein Mensch der trägen Sorte: Unzählige Möbel, Wohnaccessoires und Alltagsgegenstände gehen auf sein Konto. Für das Newcomer-Label Astep hat er nun eine tragbare Leuchte entworfen. IMMO hat den Schweizer in Mailand zum Gespräch getroffen.

KURIER: Herr Häberli, Sie sind weltberühmt für Ihr Design. Zu Ihren jüngsten Projekten zählt die Lampe "Nox" für Astep. Was zeichnet sie aus?
Alfredo Häberli:
Die Idee war, eine halbbewegliche Outdoorleuchte zu entwerfen, die sechs Stunden Licht gibt und dimmbar ist. Dabei kamen neue Technologien zum Einsatz wie LED und eine Batterie, die im Sockel verstaut ist. Aufgeladen wird sie über eine Dockingstation oder über einen USB-Anschluss, an den auch mobile Endgeräte wie Smartphones angesteckt werden können. Da "Nox" kabellos ist, kann man sie überall dorthin mitnehmen, wo man Licht braucht – auch in den Garten.

Astep ist eine noch recht junge Firma. Wie ist die Zusammenarbeit zustande gekommen?
Ich kenne Alessandro Sarfatti, ehemaliger Chef von Luceplan und Gründer von Astep, schon seit seiner Kindheit. Es lag also nahe, dass ich etwas für ihn entwerfe. Aber das ist kein Einzelfall: Ich habe immer eine sehr spezielle Beziehung zu meinen Kunden. Nicht das Briefing steht am Anfang einer Zusammenarbeit, sondern eine Freundschaft oder eine Person. Dieser Grundsatz zieht sich durch alle Lebensbereiche und Projekte. Wenn diese Basis nicht gegeben ist, mache ich es nicht. Das ist ein großes Privileg.
Sie arbeiten für die renommiertesten Hersteller weltweit und haben unzählige Produkte entworfen. Was sind Ihre Bestseller?
Viele sind schon seit zehn bis 15 Jahren in Produktion. Ich würde sie daher nicht als Bestseller, sondern als Longseller bezeichnen. Am meisten gekauft werden sicher alle Produkte die ich für Iittala gemacht habe – vom Origo-Tafelgeschirr bis zur Essence-Gläserserie. Auch Produkte für Alias, mit denen ich schon seit 20 Jahren zusammenarbeite, sind sehr erfolgreich. Genauso wie die Stoffe für Kvadrat oder die Georg-Jensen-Produkte der vergangenen Jahre.

Gibt es einen roten Faden, der all Ihre Entwürfe verbindet?
Mit der Handschrift weigere ich mich noch. Ich will nicht anhand einer Ästhetik erkannt werden. Es gibt Designs, bei denen man von Weitem sieht, wer sie entworfen hat. Das interessiert mich nicht. Wenn ich an etwas erkannt werden will, dann an der Denkweise. Das wäre, in zwei Worte zusammengefasst, Präzision und Poesie. Mich interessiert die Genauigkeit, sowohl vom Gedanken her als auch in der Ausführung. Und mich beflügelt Poesie – das Bauchgefühl, das Unerklärliche, das einen leitet, ohne dass der Verstand es nachvollziehen kann. Man muss nicht alles begründen können – manchmal ist es auch schön, Dinge einfach im Raum stehen zu lassen.
Was war Ihr bisher ambitioniertestes Projekt?
Von der Komplexität her das 25hours Hotel Zürich West. Ich habe jedes Detail ausgewählt, alles durchdekliniert und insgesamt 60 bis 80 neue Produkte entworfen: Von den Türgriffen über die Teppiche bis zum Besteck. Es war sicher das ambitionierteste Projekt, hat mir aber auch meine Grenzen aufgezeigt: Ich fühlte mich hinterher sehr ausgelaugt und müde. Ich würde es aber trotzdem sofort wieder machen. Jetzt habe ich ja Erfahrung.

Was war die größte Schwierigkeit?
Wie man dem Haus, das bereits vorhanden war, Atmosphäre, also eine Seele, verleiht. In einem Hotel muss man sich wie Zuhause fühlen – ich sage immer: Away from home at home.
Mit "Haussicht" haben Sie vor Kurzem ein weiteres architektonisches Projekt für die deutsche Holzbaufirma Baufritz realisiert. Worum ging es dabei?
Das war eine sehr spezielle Sache. Mit 18 Jahren habe ich das "Eames Case Study House" in Kalifornien besucht. Als ich das gesehen habe, hab ich mir gesagt, so etwas will ich mit 50 auch machen. Viele Jahre später habe ich in einer Zeitung ein Interview mit Dagmar Fritz-Kramer gelesen, die mit ihre Firma Baufritz Häuser nach höchsten baubiologische Kriterien fertigt. Das hat mich sofort begeistert. Also habe ich ihr einen Brief geschrieben und gesagt, dass ich diesen Traum habe, mit 50 ein Haus zu konzipieren. Drei Jahre später hat sie dann zurückgerufen.
Was ist dazwischen passiert?
Sie hat den Brief nie bekommen. Aber sie hat angerufen, weil sie denselben Traum hatte wie ich: Sie wollte, dass ich ein Haus für Baufritz entwerfe und eine neue Sprache, Ästhetik und Denkweise entwickle. Wie sind Sie an die Aufgabe herangegangen? Ich habe mir eine Familie mit zwei Kindern vorgestellt und alles durchgespielt. Das Ergebnis sind zwei Häuser: Ein kleines "Stöckli", so nennt man in der Schweiz das Auszugshaus, das auch Büro oder Atelier sein könnte. Und ein größeres Haus für die Familie, das sogenannte "Flaggschiff". Alles ist Rollstuhltauglich und altersgerecht ausgeführt. Das ist nämlich ein Thema, das Architekten nicht so gerne behandeln. Aber ich glaube, das wird uns schnell treffen. Wir werden immer älter und unsere Eltern auch. Die Frage ist daher, wie man damit umgeht. Das habe ich versucht, dreidimensional zu lösen.
Mit dem Projekt für Baufritz haben Sie sich einen großen Traum erfüllt. Gibt es weitere, die sie noch umsetzen wollen?
Alles, was für Kinder ist. Weil sie so verdammt ehrlich sind. Das ist knallhart: Sie mögen es – oder sie mögen es nicht. Ich hatte erst vor Kurzem ein Erlebnis: Ich habe der Tochter eines Bekannten ein Besteck geschenkt. Sie benutzt es jeden Tag. Das ist das Schönste, was man erleben kann. Kinder kann man nicht steuern. Sie sagen innerhalb von Sekunden Ja oder Nein.

Und wie muss Design sein, damit Sie innerhalb von Sekunden Ja sagen?
Es muss ein Gefühl auslösen, ähnlich wie Kunst: Man muss berührt werden, es muss etwas passieren. Aber man muss dabei nicht laut sein, darum geht es nicht. Gutes Design sollte über die Zeit hinweg Gefühle auslösen. Das Modische, das Trendige interessiert mich nicht. Ein guter Stuhl muss über die Jahre hinweg besser werden, nicht schlechter. Wenn das nicht passiert, bin ich enttäuscht. Daran arbeite ich.

Zur Person

Alfredo Häberli wurde 1964 in Buenos Aires in Argentinien geboren. 1977 kam er in die Schweiz, wo er 1991 sein Studium des Industriedesigns an der Höheren Schule für Gestaltung in Zürich mit Auszeichnung abschloss. Heute lebt er als international anerkannter Designer mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Zürich. Von seinem Studio im Seefeld aus arbeitet er für einige der führenden Designunternehmen der Welt, darunter BMW, Alias, Georg Jensen, Iittala, Kvadrat, Luceplan, Moroso, Schiffini und Vitra. Der heute 53-Jährige hat bereits mehrere Auszeichnungen erhalten, auch seine Kollektionen wurden mit zahlreichen prestigeträchtigen Preisen prämiert. Unter anderem erhielt er 2014 den angesehenenGrand Prix Designdes Schweizerischen Bundesamts für Kultur. Sein bisher größtes Projekt, das 25hours Hotel Zürich West, wurde im November 2012 eröffnet. Häberli plante die gesamten Inneneinrichtung und entwarf dabei über 60 Produkte für das Hotel.

www.alfredo-haeberli.com