© Martin Pröll Photography

Wohnen
09/07/2016

In den Himmel gehoben

Auf einem Grundstück am Rand von Linz errichtete Ulrich Aspetsberger von Caramel Architekten ein Familienhaus, das gewieft die Hanglage nutzt und den spektakulären Blick über die Landeshauptstadt gewährt.

"In dieser speziellen Lage alle Vorgaben unterzubringen war eine besondere Herausforderung", sagt Ulrich Aspetsberger von Caramel Architekten. Der Auftraggeber, ein Ehepaar und seine drei Kinder, ließ ein Domizil für die gesamte Familie bauen. Mit pragmatisch zukunftsorientierten wie konkreten gestalterischen Vorgaben. Die Formsprache eines Hauses am Linzer Pöstlingberg war Basis für eine handfeste Vision: Alle Hauptfunktionen mussten in einer Ebene sein, damit das Leben im Haus noch möglich sein wird, sollte die Mobilität dem Alter zum Opfer fallen. Ein mondäner Wohn- und Essbereich, mit Blick über die Stadt, ein weiteres Muss. Viel Glas und Sichtbeton waren ebenso zu integrieren wie größtmögliche Privatsphäre. "Alle Wünsche waren nicht ganz leicht unterzubringen", erinnert sich Aspetsberger an die frühe Planungsphase. Die hiesige Bauordnung, welche eine maximale Bebauung von 200 Quadratmeter oberhalb des Erdbodens vorsieht, verlangte nach ausgeklügelten Ideen.

Souterrain auf mehreren Levels

Der spektakuläre Blick, den das Haus von seiner Wohnebene heute gewährt, ist Ergebnis einiger Tüftelei. "Aufgrund der bebauten Umgebung und aller Auftraggeber-Wünsche, waren einige Runden notwendig", sagt der Architekt. Den Durchbruch brachte der Gedanken-Twist: Das Straßenniveau wurde zum Souterrain auf mehreren Levels, sechs Meter darüber gibt damit das Erdgeschoß den unverbaubaren Weitblick über die Stadt frei. Weil das Haus dem Hang angepasst wurde, schließt der Garten zu den westlichen und nördlichen Wohnräumen niveaugleich an. Ein ungewöhnlicher Vorteil in dieser Lage. Gesäumt von bodennahem Grün ist von der Straße aus allein das kegelförmige Entrée sichtbar, das sich in die Böschung schneidet. Der Eingang, beidseitig in Glaselemente gefasst, lässt, selbst wenn beleuchtet, nicht erahnen, dass es hier eine verbaute Fläche von knapp 650 Quadratmetern zu entdecken gibt. Seitlich, fast unsichtbar, ist das trapezförmige Garagentorkonstrukt, das mit Glasmosaikfliesen verkleidet wurde. "Ist doch schade, wenn der Garageneinfahrt keine Aufmerksamkeit gewidmet wird. Schließlich ist sie für die Bewohner die zentrale Ankunftsstelle", erklärt der Architekt die Gestaltung des außergewöhnlichen Zufahrtsbereichs.

Vor Blicken geschützte Saunaterrasse

Vom Eingang aus führt die breite, einarmige Treppe direkt hin zum Herzstück des Hauses, dem knapp 80 Quadratmeter großen Wohn-, Koch- und Essbereich. Vom Eingangsbereich etwas abgesetzt sind die Garderobenräume, die großzügige Garage, Haustechnik und der Wellnessbereich mit Fitness und Sauna zu erreichen. Vier Meter gräbt sich die Nordfassade neben der uneinsehbaren Saunaterrasse in den Hang. Die goldbraunen Glasmosaikfliesen vom Eingangsbereich finden sich hier sowohl an der Fassade als auch im Nassbereich wieder. Ein satter Kontrast zum urigen Mühlviertler Granit, auf den man beim Aushub stieß. Eine Herausforderung für die Baufirma, so Aspetsberger: "Nicht ganz einfach, den abzutragen." Doch wo ein Wille, da ein Weg. Jetzt bildet das freigelegte Naturmaterial die Kulisse für die Saunaterrasse, die da in Stein gemeißelt ruht, als wäre sie immer schon da gewesen. Der tiefe, warme Farbton der Mosaikfliesen im Inneren und an der Fassade korrespondieren mit dem Granit und den Elementen aus Sichtbeton. Alle Flächen wurden gegossen und sind aus sägerauher Schalung hergestellt. Der Effekt ist eine fast rustikale Optik der Decke, die sich über die großflächige und öffenbare Nurglasanlage der Außenwand bis in das weit auskragende Dach fortsetzt. Mit diesem optischen Trick holt man sich im Sommer den Edelstahlpool quasi direkt ins Innere. Zudem wird dank der breiten Dielen im Wohnbereich der Blick unwillkürlich nach Süd-Westen hin gelenkt, wo er über die Dächer von Linz bis bis zum Horizont führt.

Form und Funktion

Die fest verbauten Möbel im Wohnzimmer sind gemeinsam mit dem oberösterreichischen Küchendesigner und Innenarchitekten Martin Mühlböck entwickelt worden. Starken Ideen brachten Form und Funktion zueinander: Die Küche mit Materiallift und Vorratsschränken ist zum Wohnbereich hin durch eine raumhohe Multifunktionswand abgetrennt, an deren Rückseite sich mit einer großflächigen Schiebetür das Arbeitszimmer verbirgt. Alle Elemente sind raumhoch mit einem Fleecestoff überzogen, der mit den Betonelementen und dem Boden harmoniert.

Fließende Raumübergänge und ein Wechselspiel aus Nurglaselementen und geschlossenen Wänden schaffen Ecken überall da, wo benötigt und gewähren Durchblick, wo erwünscht. Tageslicht hat ein leichtes Spiel, um sich im ganzen Haus bestmöglich zu entfalten. "Nur das Wechselspiel aus offen und geschlossen schafft die Grundlage der Behaglichkeit", ist sich der Architekt sicher. Wie wurden die pragmatisch-wirtschaflichen Vorgaben des Auftraggebers gelöst? Die drei Kinderzimmer sind an der Südseite nebeneinander im Splitlevel angeordnet, sodass die kleine Grundfläche von je zwölf Quadratmeter jeweils um eine fast gleich große Galerie plus Balkon erweitert wird. Die Freifläche wird durch einen Fallschutz begrenzt, bestehend aus kreuz und quer gespannten Edelstahlseilen. Im Übrigen ist dieses Gestaltungsmerkmal mittlerweile zu einer Art Signatur von caramel Architekten avanciert, welches oft in ihren Projekten zu sehen ist. Sind die Kinder aus dem Haus, lassen sich ihre Zimmer inklusive zugehöriger Nassräume zur Einliegerwohnung umfunktionieren. Wird das Treppensteigen unmöglich, lässt sich im nördlichen Teil ein interner Aufzug von der Garage zur Wohnebene nachrüsten. Geheizt wird kostensparend mit einer Luft-Wärmepumpe, für Komfortklima sorgt die kontrollierte Be- und Entlüftung, gedämmt wurde mit mineralischem Material. Das Haus am Berg ist damit ein gelungenes Modell, das zeigt, großzügiger Wohnraum und nachhaltiges Energiemanagement mit Einsatz ökologischer Dämmstoffe muss nicht zulasten baukultureller und raumbildender Ästhetik gehen. Chapeau!

Zum Büro

2001 gründeten Martin Haller sowie Ulrich Aspetsberger und Günter Katherl das Büro Caramel Architekten. Mit einem stetig wachsendem Team realisieren sie Bauwerke in ganz Österreich. Neben Großprojekten widmet sich das Trio Designstudien und innovativen Einfamilienhausprojekten. www.caramel.at