Die Künstler der Agentur common walls haben eine der „Wiener Wände“ am Donaukanal gestaltet

© KURIER/Gilbert Novy

Urbane Raumkunst
09/01/2015

Ganz legal: Graffiti-Künstler am Werk

Die Agentur common walls und die Galerie Inoperable vermitteln Künstler, die das Stadtbild mit bunter Farbe neu beleben.

von Barbara Bäre

Graffiti kann vieles sein: Aneignung von Raum, ein Ausdruck persönlicher Freiheit, Kunst, mutwillige Zerstörung, politisches Statement oder ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Kaum eine andere Kunstrichtung polarisiert wie diese. Ihre Ursprünge hat sie in den frühen 70er-Jahren. Im Stadtteil Brooklyn (New York) rebellierten Jugendliche gegen die schlechte Wirtschaftssituation und reagierten sich an abgestellten Zügen ab. Frei sein, dem Ego Raum geben und „laut“ den eigenen Namen oder ein Pseudonym in „bombings“ (3-D-Schriftzüge) auf Flächen bannen, die von vielen gesehen werden, waren ihre Absichten. Das Ziel war und ist bis heute: die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erregen.

Agentur vermittelt Sprayer

Den Stadtbewohnern die Augen öffnen möchte auch Lars Bock, Agenturgründer von common walls. Schon vor 15 Jahren entstand seine Idee zu einer Graffitiagentur. In Wohngemeinschaften mit Hip-Hop-Musikern und Sprayern entwickelte sie sich zu einer festen Absicht. Als Vermittler stellt er einen Ansprechpartner für Künstler und Auftraggeber dar. Letztere sind vorwiegend Besitzer von Flächen im öffentlichen Außenraum und Private. Auch Gestaltungsaufträge für Innenräume werden übernommen. In jedem Fall kümmert sich die Agentur um die gesamte Organisation und Abwicklung sowie um die Beschaffung von Material und benötigten Hilfsmitteln wie Kräne, Gerüste, Walzen und Farbdosen. Kunden haben die Möglichkeit, aus einem Pool von fünf Künstlern auszuwählen. Diese haben sich etabliert, sind international bekannt und verdienen sich mit ihrer Kunst den Lebensunterhalt. Sie bedienen sich jedoch verschiedener Stilmittel, unterscheiden sich grundsätzlich in ihrer Ausdrucksweise und zeigen somit auch die Vielfalt der gestalterischen Möglichkeiten in dieser Bewegung auf.
Lars Bocks Freunde haben ihn im Aufbau seiner Agentur gestützt und ermutigt.
Aus Fantasie wurde Realität. Ein festgeschriebenes Agenturstatut und die nicht minder wichtigen Kontakte sorgen für immer bedeutungsvollere Aufträge. common walls findet großen Zuspruch, auch innerhalb der Szene. „Ich erhalte Initiativbewerbungen und das ist wohl das schönste Kompliment. Daran sehe ich, dass ich es für beide Seiten– Künstler und Auftraggeber – richtig gemacht habe“, sagt Bock. Demnächst bietet er professionelle Zwei-Tages-Workshops an. Interessierte können sich auf der Homepage informieren und anmelden. Ziel ist es, den Teilnehmern ein profundes Hintergrundwissen sowie ein Gespür für Graffiti und Urban Art zu vermitteln. Sie erlernen Profi-Techniken, fertigen selbstständig Skizzen an und bringen schlussendlich ihre Ideen an die Wand.

Galerie stellt Graffiti aus

Auch Galerien öffnen dieser Kunstrichtung und ihren Vertretern die Türen. Die Inoperable Galerie wurde 2006 von Nicholas Platzer als experimentelle Plattform und Projektionsfläche für die künstlerische Arbeit seiner Freunde gegründet. Über die Jahre hat er zusammen mit seiner Kollegin Nathalie Halgand Werke Hunderter Künstler ausgestellt. Seine größte Leidenschaft gilt öffentlicher Kunst. Die Galerie sollte daher nicht nur Künstlern einen fixen Standort bieten, sondern auch Raum für Konsumenten sein und als Informationsstelle dienen.

Die beiden Galeristen kümmern sich um Promotion, Verkauf, Vermittlung und fungieren dabei als Repräsentanten der Street Art Szene. Sowohl Firmen als auch Privatpersonen fragen um eine Außenwandgestaltung an und die Inoperable-Initiatoren stellen den Kontakt zu den passenden Künstlern für eine gelungene Realisierung her. Sie arbeiten mit einer großen Gruppe von Kreativen zusammen und verwirklichen fünf bis 15 große Projekte im Jahr, auch außerhalb Österreichs. Zu ihren Kunden zählen etwa Red Bull, NÖM, MuseumsQuartier, JP Immobilien und Coca-Cola.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters – und so trifft auch Graffiti nicht jedermanns Geschmack. „Per Definition ist jegliche illegale Street Art Vandalismus. Die Menschen entscheiden für sich selbst, basierend auf ihrer Toleranz und ihrem ästhetischen Empfinden, ob sie eine Wandmalerei toll finden“, sagt Nicholas Platzer. „Ein Tag, also ein Namenszug, oder ein Schablonenbild verursachen denselben Grad an Beschädigung. Doch während man Tags für gewöhnlich kaum entziffern kann, sind Schablonenbilder deutlich einfacher zu entschlüsseln, weswegen man sie wohl mehr akzeptiert.“

Street Art anderswo

Die Städte in Europa reagieren unterschiedlich auf Street Art. „Wien ist eigentlich ziemlich offen für diese Kunstrichtung. Die Stadt hat auch sehr viel getan, um die Szene zu unterstützen. Dennoch glaube ich, ist sie noch weit davon entfernt, sie voll zu akzeptieren“, sagt Platzer. Andere europäische Metropolen wie Berlin und Paris sind der Kunstrichtung gegenüber aufgeschlossener. London hat sogar einen großen Markt um Street Art entwickelt. Nicht zuletzt auch, weil Banksys Schablonengraffiti hier bekannt wurden. Der namhafte, aber immer noch anonym arbeitende Künstler ist weltweit aktiv und übt mit seinen Werken Kritik an Politik und Wirtschaft.

Illustratorin Isa gestaltet Shops

Frau Isa sprüht schon seit ihrem 16. Lebensjahr auf legale Flächen. Nach dem Gymnasium mit bildnerischem Schwerpunkt hat sie begonnen, in Wien Kunstgeschichte zu studieren. Nebenbei hat sie sich als Künstlerin selbstständig gemacht. Sie hat ihren eigenen Stil gefunden. Für sie sind Graffiti ein schöner Kontrast zu den kleineren Arbeiten auf Leinwand. „Meine Figuren sind mit mir erwachsen geworden und haben sich weiterentwickelt. Auch die Technik wird feiner und präziser, je mehr man sich damit beschäftigt. Alltägliche Dinge, ein Flohmarktfund oder ein Liedtext inspirieren mich“, sagt Isa. Sie ist der Meinung, dass eine Stadt ohne Graffiti langweilig wäre und gestaltet Shops und Cafés, aber auch allerlei private Flächen. Zudem arbeitet sie als Illustratorin und wird auch von der Inoperable-Galerie weitervermittelt. Frau Isa ist Teil des Künstlerkollektivs The Weird, das aus zehn selbstständigen Illustratoren und Malern besteht, die gemeinsam an Projekten und für Ausstellungen arbeiten und Wände gestalten.
„Die Szene in Wien ist gut vernetzt“, sagt Isa. „Man kennt einander und es ergeben sich immer spannende Kombinationen.“

Graffiti Reportage Donaukanal

Graffiti Reportage Donaukanal

Graffiti Reportage Donaukanal

Graffiti Reportage Donaukanal

Graffiti Reportage Donaukanal

Graffiti Reportage Donaukanal

Graffiti Reportage Donaukanal

Graffiti Reportage Donaukanal

Graffiti Reportage Donaukanal

Graffiti Reportage Donaukanal

Graffiti Reportage Donaukanal

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