Freiluftsuper­markt in Wien

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Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Die 21-jährige Fatima kümmert sich um das Pflanzenwohl

Auf dem Gelände einer ehemaligen Sargfabrik wurde ein öffentlich zugänglicher Gemüse- und Kräutergarten eingerichtet. Ein Zwischennutzungsprojekt, bei dem nicht nur die Pflanzen wachsen sollen, sondern auch der Zusammenhalt.

"In meinem Schuh ist eine Ameise", sagt Anna-Marie, legt den Rechen zur Seiten und dreht ihre Sandale kopfüber. "Nur eine?", fragt Alexander und lacht, während er die Erde auflockert. Rechts von ihnen warten bereits die ersten Pflanzen auf ihren Einsatz: Zucchini, Melanzani, Paprika, Tomaten Chili, Minze – samenfeste Raritäten, die von dem gemeinnützigen Verein Arche Noah stammen. "Ich kann es kaum erwarten, wenn wir ernten", sagt das Mädchen und packt bereits wieder an. Es ist zehn Uhr morgens, die Sonne strahlt, das Thermometer zeigt 25 Grad. Fünf Bahnen voll Erde erstrecken sich über das Areal im 23. Bezirk, in der Ferne ist der Wohnpark Alt-Erlaa auszumachen. Vögel zwitschern, Bienen summen.

Die Schüler des Zentrums für Inklusiv- und Sonderpädagogik Canavesegasse knien sich zu den Beeten und bringen das Gemüse in Form. Zehn Meter weiter haben die Kinder der Global Education Primary School Alt Erlaa wortwörtlich den Salat: Auch er wartet auf seinen Kontakt mit dem Feld. "Hier sehen die Schüler, wie Sachen entstehen. Sie bemerken, dass es lange braucht, bis eine Tomate reift – und manchmal eben nichts daraus wird. Das steigert die Wertschätzung für die Lebensmittel", sagt Lehrerin Gerda Ritter. Auch Eltern sind mitgekommen, um den Freiluftsupermarkt zum Blühen zu bringen.

… Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Schüler der Volksschule Alt Erlaa helfen fleißig mit

Ein Gesicht für ungenutzte Orte

"Ein normales Gartenprojekt ist es nicht", erzählt Marie-Theres Okresek von Bauchplan, einem Büro für Landschaftsarchitektur und urbane Planung, "vielmehr ein integratives Stadtentwicklungskonzept". Beim Freiluftsupermarkt handelt es sich um einen öffentlich zugänglichen Gemüsegarten, den jeder besuchen und pflegen kann. "Wir möchten unbespielte Orte in der Stadt sinnvoll nutzen, ihnen ein Gesicht geben", sagt Okresek, die mit Anna Grube das Projekt leitet.

… Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Marie-Theres Okresek, Projektleiterin

Das Gelände der einstigen Sargerzeugung Wien-Atzgersdorf eignet sich dafür bestens: Die Betonwürfel, die als Lager für das Sargholz gedient haben, erfüllen nun ihre Funktion, indem sie die Beete begrenzen. Auf 3500 Quadratmetern ist wieder Leben eingezogen. Heute werden die Pflanzen gesetzt, bald sollen auch Ziegen, Esel und Hühner einziehen. Die Eier von Letzteren können dann ebenso mitgenommen werden wie die seltenen Gemüsearten – gegen eine freiwillige Spende. "Geerntet wird den ganzen Sommer lang", sagt die Landschaftsarchitektin, "aber nicht alle Sorten sind gleichzeitig reif. Es bleibt spannend."

… Foto: Bauchplan Einst wurde Holz auf den Betonwürfeln gelagert, heute begrenzen sie die Beete

Die Ernte in die Stadt bringen

Hinter dem Konzept steht der Agropolis-Gedanke: Die Nahrungsmittelproduktion soll wieder zurück in die Stadt gebracht, ein Bewusstsein für die Produkte geschaffen und diese den Konsumenten nahegebracht werden. "Ich weiß von mir selbst, dass man den Bezug zu Pflanzen immer mehr verliert, wenn man nur im Supermarkt einkauft", erzählt Tatjana und zieht Furchen für die Fisolen. "Hier bin ich fasziniert davon, weil man dem Gemüse direkt beim Wachsen zusehen kann." Wenn sie Zeit hat, unterstützt sie das Projekt als eine von zahlreichen ehrenamtlichen Helferinnen.

Weiter drüben klappern derweil die Schaufeln, die Beete werden immer voller. Die Schüler sind beherzt bei der Sache, sie wühlen und graben. Und blicken stolz darauf, was sie bis jetzt geschaffen haben."Jeder kann zu uns kommen", erklärt Projektleiterin Anna Grube. "Es ist wie ein Marktplatz, bei dem sich die Menschen treffen und miteinander austauschen können."

… Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Anna Grube, Projektleiterin

Der erste Versuch fand 2015 in kleinerer Version statt, auch in München – die dortige Dependance verfügt heuer sogar über eine Arena aus Heu. In Wien wurde man nun mit dem Standort in der Gastgebgasse fündig, den das Kulturzentrum F23.wir.fabriken vom Wohnfonds Wien gepachtet hat. Die Initiative, die in der denkmalgeschützten Fabrik residiert, plant auch hier laufend Veranstaltungen. "Ich glaube, dass es etwas Charmantes hat. Und dazu tragen alle bei, von Kindergärten über Schulen bis zu den Anrainern."

… Foto: Gabriela Neeb Mit einem Regentanz eingeweiht: Die Dependance in München

Konflikte begraben

Die Vernetzung mit der Umgebung spielt heuer eine noch wichtigere Rolle, schließlich befindet sich eine Gasse weiter eine Flüchtlingsunterkunft, die im Vorfeld heftig diskutiert wurde. Der Freiluftsupermarkt bietet ein Feld, auf dem diese Konflikte am besten begraben werden. "Anbauen und Ernten ist eine natürliche, verbindende Tätigkeit", sagt Grube, "dabei lernen wir vielleicht, dass wir alle Menschen sind."

Nachbarn können Bekanntschaften machen, Neuankömmlinge im Idealfall Wurzeln schlagen. So wie Fatima, die die bereits finalisierten Beete mit der Gießkanne bewässert. Die 21-Jährige flüchtete aus Afghanistan und bildet gemeinsam mit Amar ein Team, das sich um die Pflege des Grünzeugs kümmert. Als Bewohnerin des Heimes in der Ziedlergasse schafft sie eine Brücke zwischen dem Projekt und anderen Asylwerbern. Der Freiluftsupermarkt ermöglicht eine befriedigende Beschäftigung, auch für jene, die nicht arbeiten dürfen. "Es macht mir Spaß hier", erklärt Fatima und lächelt. Jetzt müsse sie weitermachen, entschuldigt sie sich, und hilft einem Mädchen beim Pflanzen.

… Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Die Natur rund um den Freiluftsupermarkt erkunden

Bald wachsen Wohnungen aus dem Boden

Bis zum Ende des nächsten Jahres wird das Projekt an dieser Stelle residieren, finanziert wird es zu einem Drittel von der Wohnbaugenossenschaft Wien-Süd, die auf dem benachbarten Grundstück eine Anlage errichten wird. Neben der lokalen Agenda und dem Bezirk tragen auch weitere Sponsoren zum Gelingen bei. "Wir möchten diesem Raum eine Identität verleihen", sagt Okresek. Immerhin entstehe hier ein Stadtteil, den noch kaum einer kenne.

Der Freiluftsupermarkt ist dabei als Zwischennutzungsprojekt konzipiert: Wo nun Salate, Paprika und Paradeiser sprießen, sollen in Zukunft ebenfalls Wohnungen und eine Neue Mittelschule stehen. Bis dahin krabbeln aber noch Ameisen in die Schuhe. Und über die fertigen Beete, die sich auf weitere Helfer freuen. Damit nicht nur Gemüse und Kräuter florieren, sondern auch das Zusammenleben.

www.freiluftsupermarkt.at

www.bauchplan.net

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