Die vier Phasen des Wohnlebens

Mio Paternas Wohnung
Foto: KURIER/Gilbert Novy Mio Paternos genießt seine 55m² Wohnung

Von der Studentenbude in die Wohnung mit Balkon. Vom Einfamilienhaus in die Wohngemeinschaft für Ältere. Wohnen wird immer flexibler.


Ein Vogelkäfig über dem Kühlschrank. Ein runder Spiegel hinter der Herdplatte. Bunte Pölster auf schwarzen Sesseln. Mittendrin steht Mio Paternos und schneidet sich eine Pizza auf. Und zwar nicht auf einem normalen Pizzateller, sondern auf dem Rücken eines Porzellan-Nashorns. Danach setzt er sich gemütlich auf seine olivgrüne Couch und genießt.

Der Modejournalist ist vor zwei Jahren in eine 55 Wohnung gezogen und fast genauso lange war er auf der Suche. "Ich habe vorher in einer Garçonnière mit 27 gewohnt. Nach dem Studium wollte ich mir etwas Größeres gönnen", so der 30-Jährige. Seine Kriterien: Hell und freundlich sollte die Wohnung sein. Ein sanierter Altbau mit drei Meter hohen Räumen und Fischgrätenparkett in sehr guter Lage ist es geworden.

20m² Privatsphäre

Auf gerade einem Drittel von Mio Paternos Wohnfläche lebt Jakob Tschernutter. Das macht dem 21-Jährigen aber nichts aus. Er fühlt sich wohl in seinem kleinen, feinen Reich. Das Zimmer im Studentenwohnheim hat alles, was der 21-Jährige braucht. Sehr breit ist sein Zimmer nicht, dafür aber lang. Hinter dem Einzelbett, das gerade lang genug für den 1,95 Meter großen Studenten ist, stehen ein Schreibtisch und ein leise summender Kühlschrank. Darüber ein Regal, in dem Haferflocken und passierte Tomaten verstaut sind. Fast zu übersehen, liegt dahinter noch das Badezimmer mit Dusche, Waschbecken und Toilette.

Mit den anderen Bewohnern kochen, Spieleabende in der Küche, Tischfußballduelle im Erdgeschoß und ausgelassen Feiern im Partyraum – die Gemeinschaft im Wohnraum ist dem Salzburger wichtig.

Gemeinsam altern

Nach Gemeinschaft sehnt sich auch Freya Brandl. Die Architektin hat nach dem Tod ihres Mannes bemerkt, wie einsam es ist, alleine in einem Einfamilienhaus zu wohnen. Daher hat sie sich nach Alternativen umgesehen. "In skandinavischen Ländern gibt es schon seit langer Zeit Wohngemeinschaften, in denen man gemeinsam im Alter selbstbestimmt leben kann", erklärt sie.

Um ihr Vorhaben umsetzen zu können, hat sie 2013 gemeinsam mit Peter Bleier den Verein Kolokation gegründet und an einigen Ausschreibungen für geförderten Wohnbau teilgenommen. "Unsere Idee ist schlussendlich in ein anderes Projekt eingegliedert worden und 2019 beziehen wir den zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses im Sonnwendviertel-Ost neben dem Hauptbahnhof", erzählt sie voller Vorfreude. 15 Wohnungen mit je 50  bis  60, eine Gemeinschaftsküche und ein Gemeinschaftsraum wurden in der Gruppe geplant. "Dazu haben wir einen Experten eingeladen, der uns die Grundzüge der Soziokratie beigebracht hat. Auf dieser Grundlage treffen wir nun unsere Entscheidungen", erzählt die Architektin. Derzeit werde über Details der Küche nachgedacht. Das sei natürlich herausfordernd, weil jeder eine Meinung hat, "aber wir werden das gut lösen."

Etwas Luxus
Mit dem ersten Job kommt das erste Gehalt und meist auch der Wunsch nach einer größeren Wohnung. „Ich konnte und wollte mir etwas mehr leisten“, erzählt Mio Paternos . Mit seinem Umzug hat er seinen Wohnraum von 27 auf 55 verdoppelt. Studentenwohnheim
Dem 21-jährigen Student Jakob Tschernutter geht es wie den meisten in seinem Alter: Er will ein paar Quadratmeter Privatsphäre, aber auch viel Platz für Freunde um sich herum. Gemeinsam Wohnen im Alter
Über zehn Jahre beschäftigt sich Freya Brandl bereits mit den Themen Wohnen im Alter. Die Architektin und Stadtplanerin hat verschiedene Projekte in ganz Europa besichtigt und auch Häuser bewohnt, in denen ältere Menschen zwar in ihren eigenen Wohnungen, aber trotzdem in Gemeinschaft leben.

Familienleben

In Hauptbahnhofnähe wollen auch David und Isabella Novakovits ziehen. Die beiden erwarten in zwei Wochen ein Kind und dann wird die 45 Wohnung zu klein. Er ist vor fünf Jahren zu Isabella gezogen. Damals war die Wohnung im 15. Bezirk als Übergangslösung gedacht. "Unser Leben war noch nicht gefestigt", erklärt der 30-Jährige. Seine Frau arbeite drei Tage pro Woche in Graz und wohne dort ebenfalls in einer 40 Wohnung. "Momentan verändert sich vieles und auch unsere Wohnsituation soll nächstes Jahr eine andere sein", so der Plan des Paares.

Eine Wohnung, ein Leben lang?

Glücklich Wohnen in derselben Immobilie und das ein Leben lang, scheint unmöglich, darin sind sich Experten einig. Dafür unterscheiden sich die Ansprüche in den einzelnen Lebensphasen zu sehr. "Wobei die Wohnbedürfnisse mit Anfang 20 und Ende 60 lustigerweise sehr ähnlich sind", weiß David Breitwieser, Leiter des Wohnungsvertriebs bei EHL. "In beiden Lebensphasen wollen die Menschen nicht alleine wohnen. Sie wünschen sich einen Rückzugsort, aber auch Platz für Freunde.", so Breitwieser. Daraus entstehe die klassische Studenten-WG, aber auch die steigende Nachfrage nach geteilten Wohnräumen für Pensionisten.

Dazwischen erkennen Immobilienmakler zwei weitere Phasen. Von 25 bis 35 Jahre seien viele Menschen auf der Suche nach einer größeren Wohnung. "Das Studium ist beendet und dann verändern viele ihre Wohnsituation", erklärt Breitwieser. Ob mit der nächsten Veränderung, der Familienplanung, auch die Immobilie gewechselt wird, kommt auf die Größe und Zimmeranzahl der bestehende Wohnung an. Denn die durchschnittliche Wohnung der Österreicher umfasst 75, Einfamilienhäuser sind im Durchschnitt 150 groß. Darin leben verliebte Paare genauso wie die vierköpfige Familie und der Pensionist. "Interessant werden diese Zahlen, wenn die Kinder ausziehen, denn dann leben zwei Personen plötzlich auf relativ viel Platz", erklärt Anton Holzapfel, Geschäftsführer des Österreichischen Verbands der Immobilienwirtschaft. Hinzu komme, dass jeder zweite Österreicher in einem Einfamilienhaus lebe und gerade ältere Menschen oft noch nicht bereit seien in eine kleinere Wohnung zu ziehen.

Ganz im Gegenteil zur jungen Generation. Johannes Endl, Vorstand von ÖRAG Immobilien, sieht eine klare Tendenz zu flexiblem Wohnen. Früher sei man in eine Wohnung gezogen und dort geblieben. "Das sei heute anders. Die Menschen ziehen um, wenn der Arbeitsplatz am anderen Ende der Stadt ist", so Endl.

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Wien ist anders

In der Hauptstadtleben 80 Prozent in Miete und jeder zweite Haushalt ist ein Singlehaushalt. Dadurch ist der Flächenverbrauch in den vergangenen drei Jahrzehnten stark gestiegen. "Das ist auf die hohe Scheidungsrate zurückzuführen, denn bei einer Trennung mit Kind brauchen beide Elternteile eine neue Wohnung mit je einem Kinderzimmer", so Holzapfel. Auf die hohe Nachfrage in den Ballungszentren habe die Immobilienwirtschaft reagiert und viel und auch flächenoptimierte Wohnungen produziert.

Für die unterschiedlichen Ansprüche im Laufe eines Wohnlebens sieht Holzapfel nur zwei Lösungen: "Entweder man geht eine Reihe von Wohnkompromissen ein, oder man verändert sich als Mensch und wohnt flexibel."

(kurier) Erstellt am
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