Die Lage als wahrer Trumpf

Thomas Feichtner
Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Im Vorzimmer der Altbauwohnung begrüßt ein Porträt seiner Frau.

Er entwirft ausgefallene Möbel und Accessoires. Von sich selber sagt Thomas Feichtner, dass ihm die Einrichtung nicht wichtig sei. Ein Hausbesuch.

Manchmal ist es pures Glück. In anderen Fällen ist es aber Beharrlichkeit, die dazu führt, dass man seine Traumimmobilie findet. So war es bei Thomas Feichtner. Als der in Brasilien geborene Designer beschloss, mit seiner Familie von Linz nach Wien zu ziehen, war für ihn eines klar: Der siebte Bezirk sollte es sein. „Hier hat sich die kreative Community in ein paar wenigen Straßenzügen versammelt“, sagt Feichtner. „Für den Austausch mit Kollegen war es mir wichtig, auch hier zu wohnen.“ Und so machte er sich auf die Suche nach seiner neuen Bleibe.

Um sie zu finden, spazierte der Designer stundenlang mit seiner Kamera bewaffnet durch den Bezirk. Er fotografierte aber nicht die Häuser selbst, die für ihn in Frage kamen, sondern die Schilder neben den Gegensprechanlagen. „So hatte ich die Adressen von den Hausverwaltungen, die ich dann einfach angerufen und mich nach leeren Wohnungen erkundigt habe“, sagt er. „Sich die Wohnung nicht digital im Internet zu suchen, sondern analog – das kann ich nur jedem raten.“ Tatsächlich hatte Feichtner Glück. In einem Haus stand eine renovierungsbedürftige Wohnung leer, die der Designer übernahm. Sie ist nun sein Wiener Zuhause, genau in dem Grätzel, wo er hinwollte. Und er genießt es, hier zu leben. „Wenn ich meinen Sohn in die Schule gebracht habe, flaniere ich durch den Bezirk“, erzählt er. „Ich kann mir sicher sein, dass ich irgendwo einen Kollegen oder Freund treffe, mit dem ich dann auf einen Kaffee gehe.“

Schlichte Einrichtung

Thomas Feichtner Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Die Einrichtung ist eher schlicht gehalten, Es ist eine Altbauwohnung mit allem, was dazugehört: Flügeltüren, Stuck, hohe Räume und geätzte Fenster. „Das Haus hat eine gewisse Noblesse und bei der Renovierung haben wir penibel genau darauf geachtet, dass dieses Flair nicht verloren geht“, betont der Designer. „Unsere Wohnung selbst ist aber sehr funktionell eingerichtet.“ Für die Übersiedlung war kein Lkw nötig, denn die Familie nahm nicht viel mit. „Mein Herz hängt nicht an bestimmten Möbeln“, so Feichtner. „Mir ist einfach wichtiger, wo ich lebe, als wie ich lebe.“ Nur ausgewählte Stücke traten somit die Reise von Linz nach Wien-Neubau an. Dazu zählten ein paar Prototypen seiner Möbelentwürfe, Muranoglasvasen aus den 50er-Jahren, alte Kameras und Bilder.  An diesen Stücken hängt sein Herz dann doch. „Die Bilder, die im Wohnzimmer über der Couch hängen, haben für mich viel Wert“, betont der Designer. „Denn ich habe sie nicht gekauft, sondern jedes einzelne wurde für mich von einem guten Freund gemalt, es sind Erinnerungen an schöne Zeiten.“

Es ist dieser persönliche Bezug, der für Feichtner Bedeutung hat. Das gilt auch für die Vasensammlung. Für viele Menschen kratzen Gegenstände aus buntem Glas ja scharf am Kitsch. Thomas Feichtner weiß aber genau, wo er die Vasen mit seiner Frau gekauft hat. Auch bei ihnen steht also die Erinnerung im Vordergrund. Deshalb durften auch die Prototypen seiner eigenen Entwürfe in die Wohnung einziehen. Der 2009 entworfene Hocker „Linz“, den es ursprünglich nur in Grau gab, steht in Rot und Blau sowohl im Wohnzimmer, als auch auf dem kleinen Balkon. „Der ist auch wirklich praktisch“, sagt Simone Feichtner. „Wenn unser Sohn Freunde mitbringt und wir mehr Sitzgelegenheiten am Esstisch brauchen, kann man ihn schnell dazustellen.“ Oder er dient eben als Abstellfläche für Pflanzen. „Der Balkon war mir sehr wichtig“, erklärt Simone Feichtner. „Er ist zwar klein, aber er bringt die Natur in die Stadt.“

Wohlfühloase Wohnung

Thomas Feichtner Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Der kleine Balkon in den Innenhof ist der Lieblingsplatz der Hausherrin. Ein Schneckenhaus, so bezeichnet der Designer sein Zuhause gerne. Er meint damit den Grundriss der Wohnung. Er ist so, wie man ihn oft bei Altbauwohnungen vorfindet. Vom Entrée, in dem ein überdimensionales Porträt seiner Frau hängt, gelangt man ins Wohnzimmer, das wiederum in die Küche führt. „Es sind lauter Durchgangszimmer“, so Feichtner. „Aber genau das mag ich – es beginnt mit dem öffentlichen Bereich und wird immer privater, bis man im Schlafzimmer steht.“ Durch die Zimmerflucht verirrt sich selten ein Besucher dorthin, was dem Designer und seiner Frau aber entgegen kommt. Im großzügig geschnittenen Wohnzimmer empfängt das Ehepaar gerne und oft Gäste. „Deshalb haben wir eine riesigen Esstisch gekauft“, erzählt Simone Feichtner. „Wenn wir nicht an ihm essen, dient er unserem Sohn als Schreibtisch.“ Vor einiger Zeit übernahm der Designer eine zweite Wohnung im Haus. Sie liegt einen Stock höher und ist sein Atelier. Das sei praktisch, so Feichtner, er fühle sich so wohl. Und doch hat ein Zuhause für ihn keinen großen Stellenwert. „Für mich bedeutet eine Wohnung weniger als für andere Menschen“, sinniert Thomas Feichtner. „Sie brauchen sie als Rückzugsort, um bei sich selbst zu sein. Bei mir ist das anders, ich kann überall ich sein.“

Zur Person

Thomas Feichtner wurde 1970 in Vitória, Brasilien, geboren. Er ging in Deutschland und Österreich zur Schule. Nach der Matura entschied er sich für ein Industrial-Design-Studium an Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz, das er 1995 abschloss. Bereits zwei Jahre später wagte Feichtner den Schritt in die Selbstständigkeit und gründete sein eigenes Designstudio. Er konnte mehrere Preise für seine Arbeit gewinnen – unter anderem den IF Design Award, Red dot design award oder den Staatspreis für Design. Feichtner lehrte an der Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz und der Muthesius Kunsthochschule Kiel. Aktuell lebt und arbeitet der Designer in Wien.

(kurier) Erstellt am
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