Seit 20 Jahren werden in der "Glasfabrik" Antiquitäten verkauft.

© KURIER/Franz Gruber

Reportage
10/05/2016

Die Glasfabrik: Insel der Vergessenen

Die Glasfabrik feiert heuer den 20. Geburtstag. In ihrem Konzept und dessen Umsetzung ist sie ein Unikat. Wer sich genug Zeit nimmt, um die Hallen genau zu durchforsten, findet hier wahre Schätze.

von Claude Brauchbar

"Möbel erzählen eine Geschichte", sagt Claudia, die ungefähr zwei Mal im Monat Die Glasfabrik besucht. Seit sieben Jahren gestaltet die Goldschmiedin ihre Wohnung immer wieder um und sucht Stücke, die sie neu tapezieren oder restaurieren kann. "Man weiß nie, was einem begegnet. Das ist das Besondere an diesem Ort." Heute ist sie da, weil sie einen Tisch kaufen möchte, den sie schon lange haben wollte, aber nie genug Platz für ihn hatte. Leider wurde er in der Zwischenzeit bereits verkauft. "Man muss damit rechnen, dass die Sachen beim nächsten Besuch weg sind. Da muss man loslassen können." Diese Aussage beschreibt das Konzept des mittlerweile 3000 Quadratmeter großen Verkaufslagers ziemlich gut.

Fabrikshalle wurde Depot für Einzelstücke

Am 1. Juni 1996 öffnete Die Glasfabrik zum ersten Mal ihre Tore. Seither werden dort antiquarische Möbel, Lampen und andere Einrichtungsgegenstände verkauft. Bevor es zum Antiquitätengeschäft wurde, befand sich in der Lorenz-Mandel-Gasse 25 im 16. Bezirk in Wien die Fabrikshalle des Glasherstellers Ullwer & Bednar. Der Zustand des Gebäudes ist seit 20 Jahren unverfälscht. "Wir haben einige Teile in den Innenräumen renoviert und verwirklichen immer neue Ideen, um die Fabrik noch attraktiver zu machen. Kürzlich wurden zum Beispiel Halle 1 und 2 durch einen Gang verbunden, damit man schöne Runden gehen kann", erzählt Christoph Matschnig, der Teil des Gründungskollektivs ist. Er war damals auf der Suche nach einem neuen Standort, um seine Antiquitäten zu lagern und verkaufen. "Die Idee, ein solches Möbellager oder -depot zu gründen, hat sich durch die Gespräche mit den späteren Partnern ergeben. Für mich alleine war es zu groß", erklärt er.

Das ursprüngliche Händlerkollektiv bestand aus den Brüdern Christoph und Markus Matschnig, Markus Pernhaupt für die Firma Lichterloh und Leopold Apfel, die sich alle schon länger gekannt hatten. Vor zwei Jahren hat Apfel einvernehmlich Die Glasfabrik verlassen. Zu diesem Zeitpunkt ist Simon Weber-Unger zu dem Team gestoßen, der auch im Dorotheum als Experte für wissenschaftliche Instrumente, Geräte und Kameras arbeitet, den Album Verlag betreibt und zudem das Wissenschaftliche Kabinett im ersten Bezirk besitzt.

Auf Kuriositätenjagd

Woher die Waren kommen, erklärt Weber-Unger: "Zum einen kaufen wir gemeinsam Verlassenschaften auf. Wir schauen, was man verwerten kann und was wo hinkommt. Zum anderen hat auch jeder seine eigene Ware." Auf den Preisschildern der Objekte befindet sich ein Kürzel des jeweiligen Händlers, alle haben eine eigene Registrierkasse. Was sie von anderen Kollegen unterscheidet: Sie suchen weder auf Flohmärkten noch forsten sie wie große Galerien alle Auktionskataloge der Welt durch. Während der Akquise, bei Verlassenschaftskäufen, wenn andere Händler zu ihnen fahren und ihre Ware anbieten oder Privatpersonen ein Einzelstück verkaufen wollen, finden sie immer wieder wahre Schätze und Kuriositäten. Ein Beispiel dafür ist ein riesiges Schiffsmodell aus dem 19. Jahrhundert vom Maler Leo Reiffenstein. Das museale Ausstellungsstück, das vorher 50 Jahre lang im Technischen Museum in Wien stand und einen Wert von rund 10.000 Euro hat, verkauft sich allerdings nur schwer.

Zu den teuersten Gegenständen gehört das Schiff. Noch mehr Wert hat aber ein Luster, der aus einer Gemeindehalle gerettet werden konnte. Er ist eine Einzelanfertigung der österreichischen Firma Kalmar und wird um 12.000 Euro verkauft. Diese hohen Preise dominieren jedoch nicht das Hauptinventar: Schon um wenige Euro kann man sich hier etwas Kleines kaufen. Wie viel Geld verlangt wird, hängt auch vom Zustanddes Objekts ab. Etwas, das noch hergerichtet werden muss, ist günstiger als ein Stück, das in einem sehr guten Zustand ist. Die Gegenstände werden zum Teil bereits vor dem Verkauf vom hauseigenen Tischler hergerichtet – allerdings nur Kleinigkeiten, etwa wenn Füße angeleimt werden müssen. Große Arbeiten zahlen sich nicht aus, weil die Handwerksarbeit teuer ist und die Preise in die Höhe schaukeln würden. Wenn Kunden bestimmte Veränderungen wünschen, steht der Fachmann selbstverständlich für Restaurationen zur Verfügung.

Feilschen erlaubt

Die Preise sind zwar angeschrieben, aber es gibt durchaus einen Spielraum. Bis auf den ersten Stock, in dem sich die reduzierten Waren befinden – sie kosten oft nur noch ein Drittel des ursprünglichen Wertes, werden allerdings ausschließlich zu Fixpreisen angeboten –, gehört Handeln zum Konzept. Dies wird beim Beobachten des Geschehens deutlich. Ein Stammkunde, der zwei Zinnteller aus dem 19. Jahrhundert kauft, feilscht mit dem Verkäufer um die endgültige Summe. Giorgio kommt gerne in Die Glasfabrik, für ihn ist der Besuch wie eine Reise in die Vergangenheit.

In den zwanzig Jahren hat sich viel verändert, erzählt Christoph Matschnig: "Es gibt immer Geschmacksphasen oder Stile, die gerade gut ankommen und welche, die schwer verkäuflich sind. Wir haben schon einiges durchgemacht und passen uns immer wieder an." In den 80er- und 90er- Jahren war der Biedermeier noch gefragt, heute will den eigentlich niemand mehr. Damals haben Biedermeierkästen um die 20.000 Schilling (ca. 1450 Euro) gekostet, jetzt sind solche Schränke nur noch 300 bis 400 Euro wert und schwer zu verkaufen. "Vor zwanzig Jahren hätte sich aber auch keiner getraut, eine alte Werkbank aus Eisen mit einer bearbeiteten Holzplatte hinzustellen. Oder Industriehocker – die hätte man damals zum Altmetall getragen", meint Weber-Unger. Neben gebrauchten Industriemöbeln und -lampen sind auch die Gegenstände aus der Küchenabteilung sehr gefragt, wo es zum Beispiel Gmundner Keramik, Schnitzelklopfer, Büffetschränke und gut erhaltene, komplette Küchenzeilen gibt.

Wiederverwendung als Konzept

Die Nachhaltigkeit ist ein weiterer wichtiger Aspekt, der für Die Glasfabrik von Bedeutung ist: Wenn man Antiquitäten und gebrauchte Möbel kauft, fällt schon mal die Umweltverschmutzung durch die Erzeugung weg. Im Gegensatz zu den Möbeln von Billigherstellern hat man es hier noch mit Holz zu tun, das man bearbeiten und individuell gestalten kann. Österreichisches Design liegt zwar nicht im Fokus, aber ab und zu findet man sehr wohl heimische Entwürfe von bekannten Künstlern. Zurzeit gibt es zum Beispiel verschiedene Luster von dem bereits erwähnten Wiener Unternehmen Kalmar, das heute mit ihren Neuauflagen der Designs aus den 50er- und 60er-Jahren internationale Erfolge feiert. Vor zwei Jahren haben die Händler vierzig Adolf-Krischanitz-Sessel gekauft, die innerhalb von kurzer Zeit um den Preis von 80 Euro pro Stück weg waren. Übrig geblieben sind nur zwei. "Das ist österreichisches Design, das noch unterschätzt ist. Das haben wir gar nicht an die große Glocke gehängt", erklärt Weber-Unger. Genau so bunt wie die Waren ist auch die Kundschaft gemischt: Sie lässt sich als Panoptikum beschreiben. Von Studenten, die ihre WGs einrichten, bis zu Schauspielern findet man hier ganz unterschiedliche Leute. Auch den Teppichhändler entdeckt man beim Stöbern und Einkaufen.

Auf die Frage, wie Simon Weber-Unger die Unternehmung beschreiben würde, meint er: "Das Konzept ist auch Chaos. Und es ist eine Insel der Vergessenen."

www.glasfabrik.at

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