Wohnen
05.01.2018

Balsam für die urbane Seele

Endlich Freitag: Raus aus dem Büro, Kofferpacken und ab ins Grüne! Für viele ist es das größte Glück, das Wochenende auf dem Land zu verbringen. Den Verpflichtungen des Alltags zu entkommen. Das einfache Leben zu zelebrieren und die Ruhe zu genießen – weg von Stadt, Staub, Lärm und Hektik.

Die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen beflügelt auch die Architektur, was sich in Baumhäusern, Hütten, Feriendomizilen und Wohnwägen manifestiert. Dies legt ein neuer Bildband nahe: Für „The Hinterland“ begab sich das Autoren-Duo Sven Ehmann und Robert Klanten auf die Suche nach gelungenen Hide Aways fernab touristischer Regionen. In Wäldern und Schilfgürteln, an entlegenen Ufern oder unter der Erde, in Baumwipfeln oder den Bergen gelegen, bieten sie ihren Besitzern Rückzug und Privatheit.

Die gezeigten Beispiele stehen allerdings in keiner Relation zu einer einfachen Unterkunft auf dem Land. Im Gegenteil: Die meisten Projekte sind von Kopf bis Fuß durchgestylt und erstrecken sich vor einem Panorama, das Seinesgleichen sucht. Von Bescheidenheit kann bei den meisten Hütten keine Rede mehr sein.
Im schwedischen Dalarna etwa hat Architekt Leo Qvarsebo ein Sommerhaus für sich und seine Familie gebaut. Die Dachfläche fungiert dabei gleichzeitig als Kletterwand und geht direkt in die Terrasse vor dem Haus über.
An den Klippen der Atlanktik-Küste entwarf das Team von MacKay-Lyons Sweetapple Architects ein modernes Haus in der Region Queens Nova Scotia, Kanada. Sie stellten den Holzbau auf die Kante, ohne in die Topografie des Hanges einzugreifen. Der Kubus kragt frei über den Felsen aus. Getragen wird er von nur einer Stütze. So entsteht der Eindruck, als würde das Haus über der Landschaft schweben.

In der polnischen Wildnis im Süden des Landes bei Cieszyn Silesia versteckt sich der Entwurf des Architekturbüros KWK Promes. Wie ein umgefallener Hinkelstein liegt der graue Betonklotz auf der Wiese. Die abstrakte bootsähnliche Form der „Arche“ hat nicht nur ästhetische Gründe. Sie wurde auch wegen der steilen Hanglage gewählt, damit Wasser und Schlamm abfließen können, ohne das Eigentum zu beschädigen. Das Haus wird von Stützen getragen, die hinter der Betonverkleidung verborgen sind, sodass es aussieht, als würde das Haus wie ein Pilz aus der Erde wachsen. Der Eingang ist durch eine Zugbrücke geschützt, auch die Fensterläden können als Teil der Fassade auf- und zugeklappt werden.

Knapp vierzig Quadratmeter ist das Domizil von Ann Stephenson und Lori Scacco groß, das man wohl eher in der Lobau bei Wien als auf Fire Island bei New York vermuten würde. Das Paar hat das ursprünglich 1945 errichtete Strandhaus vor einiger Zeit erworben um sich regelmäßig eine Auszeit vom Leben in der Großstadt zu gönnen. Mitten im Schilf gelegen schützt es die Besitzer vor fremden Blicken. Ein Holzsteg führt durch das hohe Gras bis vor die Türe der schlichten Hütte, die von einer großzügigen, hölzernen Terrasse umgeben ist.
Geschlafen wird unter dem asymmetrsichen Dach auf einer offenen Galerie, die man über eine Leiter erreicht. Darunter sind eine kleine Küche, ein Wohnzimmer und ein Bad untergebracht – mehr Platz braucht man nicht, um ein entspanntes Wochenende zu zweit in der Natur zu verbringen.

Buchtipp

Von Slowenien bis Belgien, von Norwegen bis Neuseeland: Der Bildband „The Hinterland“ stellt Wochenend- und Ferienhäuser auf der ganzen Welt vor und schildert Hintergründe zu Architektur, Nutzung und Umgebung der Domizile. In englischer Sprache erschienen. Gestalten, 39,95 Euro.