Wohnen
19.07.2017

Architektur am Fluss

An Deck der MS Blue Danube gibt die Wiener Architektin Marion Kuzmany wissenswerte Details über die Prachtbauten der österreichischen Hauptstadt preis. Der Kurier war bei der Schifffahrt am Donaukanal dabei.

Rund hundert Personen haben es sich an diesem lauen Sommer-Nachmittag an einem schattigen Plätzchen an der Bootsanlegestelle der DDSG Blue Danube gemütlich gemacht. Sie alle warten auf das Schiff, das sie in den kommenden eineinhalb Stunden den Donaukanal auf- und abschippern wird. Noch herrscht Gelassenheit. Die Ruhe vor dem Sturm wie sich wenig später herausstellt. Als ein junger Mann die wuchtige Stahlgittertür öffnet und die Menge zum Einstieg bittet, macht sich im Kampf um die besten Plätze Hektik breit. Glücklicherweise können wir es etwas langsamer angehen, da wir nicht wie die meisten anderen die herkömmliche Touristenrundfahrt gebucht haben. Mit unserem Ticket für die "Architekturschifffahrt" haben wir – im Gegensatz zu den meisten anderen Passagieren – Zutritt zum klimatisierten Kapitänssalon und Zugang zu den daran anschließenden Plätzen im vorderen Schiffsbereich. Dort wird uns an diesem Nachmittag eine Expertin tiefere Einblicke in die Entstehungsgeschichte der Prachtbauten entlang des Donaukanals geben.

Pünktlich um 16 Uhr ist das Schiff zum Ablegen bereit. An Deck der MS Blue Danube empfängt Marion Kuzmany ihre Gäste. Zeit, sich selbst vorzustellen, bleibt kaum. Denn noch bevor den Teilnehmern der erfrischende Fahrtwind um die Ohren brausen kann, beginnt sie von der Schiffsstation, dem Auftakt des heutigen Nachmittages, zu schwärmen. "Es ist bemerkenswert, wie sich die fließenden Formen perfekt in das Stadtbild einfügen." Tatsächlich erschließt die 120 Meter lange Stahlkonstruktion ein Stück Donaukanal, ohne das Zusammenspiel von Historie und Moderne zu stören. Drei locker gesetzte Stahlstützengruppen geben dem Bau von fasch&fuchs.architekten Halt und bieten genügend Freiraum für Veranstaltungen. Das im Inneren befindliche Café wurde mit Anklängen an die italienische Espresso-Kultur der 1950er-Jahre von BEHF-Architekten entworfen und lädt zum Verweilen auf dem großzügigen Sonnendeck ein.

Weiter flussaufwärts passieren wir den Ringturm, der sich heuer zum zehnten Mal über die Sommermonate in ein künstlerisches Landmark verwandelt. "Weitblick" heißt das überdimensionale Kunstwerk auf der Fassade, mit dem der Serbe Mihael Milunović ein gewaltiges Bergmassiv ins Wiener Stadtzentrum setzt. "Die Auswahl der Künstler soll auch den kulturellen Dialog zwischen Österreich und Osteuropa widerspiegeln," erklärt Kuzmany, Gründerin und Inhaberin von Arch on Tour. Mit ihrem Team hat sie schon viele Architekturreisen und -ausflüge – unter anderem in London, Hamburg und Venedig – organisiert. Das Gebaute begeistert sie schon von Kindheit an: "Mit meiner Mutter habe ich früher unzählige Male den Stephansdom besichtigt und bin die Stufen bis zur Pummerin hinaufgestiegen."

Architektur am Fluss

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Nasser Untergrund: Weil die tragfähigen Schichten rund um den Donaukanal sehr  tief liegen, musste die Rossauer Kaserne auf 30.000 Pfählen errichtet  werden

Astronomisch: Die im Jugendstil erbaute Urania beinhaltet neben Büros und Hörsälen auch die älteste Volkssternwarte Österreichs

Brückenpfeiler am Wiener Donaukanal

Kunst oder Behübschung eines Übels? Friedensreich Hundertwasser hat die Fassade der Spittelauer Müllverbrennungsanlage gestaltet

Das „Schützenhaus“ ist ein  Baujuwel des berühmten Architekten Otto Wagner. 

30 bedruckte Netzbahnen waren für das 40.000 Quadratmeter große Gemälde am Ringturm nötig

Gläserne Ansichten: Der Raiffeisen Tower bildet zusammen mit dem IBM-Gebäude das Tor zum zweiten Wiener Gemeindebezirk

Badeschiff am Schwedenplatz

as von Zaha Hadid geplante Architekturensemble an der Spittelauer Lände beinhaltet 29 Wohnungen

Dass diese Faszination bis heute anhält, merkt man auch bei den Erzählungen über die Rossauer Kaserne, ein im späten Stil des romantischen Historismus erbautes Meisterwerk. Ob der Architekt, wie es nach einem hartnäckigen Gerücht heißt, wirklich Selbstmord beging, weil er vergessen hatte, Toiletten einzubauen, kann auch an diesem Nachmittag nicht geklärt werden.

Es sind vor allem Wiener, die den Ausführungen Kuzmanys über die vorbeiziehende Summerstage oder die historischen Geländer von Otto Wagner, die sich entlang des Donaukanalufers ihren Weg bahnen, lauschen. "Wir wohnen im 21. Bezirk und hatten das Glück, die Karten zu gewinnen. Ich hoffe wir können hier einiges dazulernen", sagt eine Teilnehmerin, die mit ihrer Tochter gekommen ist. "Viele Wiener kennen die Sehenswürdigkeiten ihrer eigenen Heimatstadt überhaupt nicht", sagt ein anderer. Dass dies nach einem Nachmittag mit Marion Kuzmany nicht mehr zutreffen wird, ist gewiss, denn das Programm ist dicht und Zeit, um durchzuatmen, bleibt kaum.

Hinter den Hochhäusern taucht die goldene Kuppel – von den Wienern auch liebevoll Zwetschke genannt – der Spittelauer Müllverbrennungsanlage auf. Sie soll vor allem farbentechnisch der Hingucker des Tages bleiben. "Als Friedensreich Hundertwasser 1987 dazu aufgefordert wurde, das abgebrannte Kraftwerk zu gestalten, war die Empörung groß", weiß die Expertin. "Mittlerweile ist es aber zum Wahrzeichen und einem Touristenmagneten der Stadt geworden."

Kurz vor der Nussdorfer Schleuse, die im Zuge der Donaukanalregulierung Ende des 19. Jahrhunderts ebenfalls von Otto Wagner geplant wurde, setzt der Kapitän zur Wende an und die Architektin ergreift die Chance, um über Bauten zu sprechen, für die zuvor das Fahrttempo zu schnell war.

Der dreigliedrige Baukörper des Projekts "Wohnbau Spittelau" von Zaha Hadid, der wie auf Stelzen über den Stadtbahnbögen liegt, oder Hans Holleins Media Tower, dessen leicht geneigter Turm von einem Bildschirm gekrönt ist, sind nur einige davon, die einerseits das Stadtbild prägen und gleichzeitig die Vielfalt von Wiens Architektur unterstreichen. Nach rund eineinhalb Stunden nähern wir uns wieder der Schiffsstation. Noch einmal haben wir die Möglichkeit, die imposante Konstruktion vom Wasser aus zu bestaunen. Die Architektin gerät ins Schwärmen. Und so endet die Fahrt, wie sie begonnen hat.

Text von Theresa Kopper