Wissen und Gesundheit
27.04.2016

Zerstörte Denkmäler und kein Ende

Archäologen schlagen Alarm: Was gegen die Zerstörung der Kulturgüter getan werden kann.

Archäologen in Syrien haben – seit dort Krieg herrscht – eine neue Job-Description: verpacken statt ausgraben. 90 Prozent der unwiederbringlichen Artefakte wurden aus Palmyra nach Damaskus gebracht – in Sicherheit. 400 Statuen lagern dort. Und warten auf bessere Zeiten. "Es wird nicht mehr so sein wie früher, aber man kann den Tempel des Baal wieder aufbauen", macht Maamoun Abdulkarim Hoffnung. Der Direktor der Antikenverwaltung Syriens berichtete heute per Videobotschaft in einer Pressekonferenz über die Zerstörung der Kulturgüter im Nahen Osten durch den IS.

800 Forscher aus 37 Ländern haben sich derzeit auf der weltweit bedeutendsten Konferenz zur Archäologie des Nahen Ostens in Wien versammelt. Sie befassen sich mit der aktuellen Bedrohung des Kulturerbes in der Region und stellen zukunftsweisende Schutzmaßnahmen vor.

Mit Bulldozern

Palmyra sei nur die bekannteste unter den zerstörten Stätten, sagt Abdulkarim. Auch in Apameia und Mari sei die Erde regelrecht durchlöchert. Und Dura-Europos sei zu 80 Prozent zerstört. "Da sind sie mit Bulldozern drübergefahren, um die maximale Zerstörung zu erreichen." Das ganze Land sei gefährdet, denn "Syrien ist ein Open-Air-Museum mit 10.000 archäologischen Stätten."

Für Archäologen auf der ganzen Welt ist die Zerstörung des kulturellen Erbes durch den IS "ein Albtraum", wie die österreichische Archäologin Barbara Horejs sagt. "Wir können zwar nicht gegen Bomben kämpfen, müssen aber doch irgendwie die Hoffnung aufrechterhalten." Und nachdem jetzt 800 Forscher auf einem Fleck beisammen sind, haben sie Maßnahmen beschlossen: "Örtliche Experten unterstützen, helfen bei Restaurierung sowie Dokumentation und natürlich auch mit Know-how und Geld einspringen", zählt Horejs auf. Damit es nicht beim Lippenbekenntnis bleibt, haben die Wissenschafter aus aller Welt es in einer Deklaration festgeschrieben (Vienna Statement, online nachzulesen: www.orea.oeaw.ac.at/).

Trotz all der Probleme gibt es ausgerechnet in Syrien Ansätze, wie es funktionieren könnte. "Die syrische Antikenverwaltung betreibt umfangreiche Schadenserfassung", berichtet Abdulkarim (Bild oben). Die Beschädigung von mehr als 450 historischen Baudenkmälern sei auf der Homepage der Antikenverwaltung mit Karten und Fotos dokumentiert. Die Bestände der Museen würden in einer digitalen Datenbank erfasst. Mehr als 250.000 Fotos haben sich so seit 2014 angesammelt. Was man gerne vergisst: Der Schutz von Kulturgütern findet teils unter Lebensgefahr statt. "Die Mitarbeiter des Palmyra-Museums konnten nur wenige Stunden, ehe der IS Palmyra besetzt hat, 800 Objekte aus der Stadt bringen", sagt Abdulkarim. 6500 archäologische Objekte aus dem ganzen Land wurden bereits restauriert: "Wir warten nicht, bis Frieden herrscht. Wir restaurieren auch im Krieg".

Digitalisieren gegen Bomben

Initiativen, die auf die Digitalisierung von Artefakten abzielen, zeigen, was Wissenschaft leisten kann: Nach dem Ende der Konflikte sollen Bilder und Karten einen Wiederaufbau ermöglichen – oder zumindest die Erinnerung im Gedächtnis der Menschheit bewahren.

Denn: "Kultur ist eben nicht das letzte, was angesichts drängenderer Sorgen vernachlässigbar ist. Ihre Zerstörung trifft die lokale Bevölkerung und die Weltgemeinschaft direkt ins Herz", sagt Margaret van Ess, die Direktorin der Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts. Und Giovanni Boccardi von der UNESCO ergänzt: "Attacken gegen Kultur sind immer auch Attacken gegen Menschen".

Die medial gekonnt inszenierte Zerstörung antiker Bauwerke entsetze uns wohl deshalb so sehr, weil wir die symbolische Dimension dahinter erahnen, glaubt Margarete van Ess: Es sei die "drastische Aufkündigung menschlicher Werte, die das Zusammenleben so vieler unterschiedlicher Kulturen seit Jahrtausenden möglich machen."