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Ein Youtuber klärt auf
12/14/2016

"Wo sollen sie Umgang mit Medien lernen, wenn nicht in der Schule?"

Als MrWissen2go gibt der Journalist Mirko Drotschmann auf YouTube Nachhilfe in Geschichte und politischer Bildung. Warum so viele Jugendliche bei ihm zuschauen, was sie auf YouTube finden, das sie in der Schule vermissen und wo die Gefahren der Plattform liegen.

von Karl Oberascher

Kurier.at: Herr Drotschmann, Sie sprechen in Ihrem Youtube-Kanal über den Brexit, die Flüchtlingskrise und Wladimir Putin – und erreichen damit 424.000 Abonnenten. Was ist Ihre Zielgruppe?

Mirko Drotschmann: Am Beginn habe ich ich klassische Nachhilfe gegeben. Die Zielgruppe waren eindeutig Schüler. Das hat sich in der Zwischenzeit insofern geändert, als dass sich viele Leute aktuellere Themen gewünscht haben. Wobei Zielgruppe für mich immer nach einem wirtschaftlichen Plan klingt, und das ist bei mir wirklich nicht der Fall. Man hat eben eine bestimmte Altersgruppe, an der man sich orientiert. Und das sind bei mir jetzt nicht mehr nur Schüler, sondern auch Studenten oder Auszubildende. Anhand der Statistik zu meinem YouTube-Kanal kann ich das auch ganz gut nachprüfen. Demnach sind die meisten meiner Zuschauer zwischen 16 und 25 Jahre alt. Etwa ein Drittel der Zuschauer ist inzwischen aber über dreißig.

Wie entscheiden Sie, welche Themen Sie ansprechen?

Ein Großteil der Themen – ich würde sagen zwischen 60 und 70 Prozent – kommen über Zuschauerwünsche zustande. Und natürlich achte ich auch darauf, was aktuell gerade los ist. Das deckt sich oft auch mit den Wünschen.

Haben Sie das Gefühl, dass das mitunter auch Themen sind, die in der Schule zu kurz kommen?

Bei aktuellen Themen auf jeden Fall. Da ist in der Schule nicht so viel Zeit, um darüber zu sprechen. Obwohl das durchaus Relevanz hätte und auch vom Lehrplan gedeckt wäre. Da merke ich schon oft, dass mir Leute schreiben: "Mensch, in der Schule bekommen wir nichts dazu beigebracht. Kannst du das nicht mal erklären?"

Stichwort Medienkompetenz: Finden Sie, dass dieses Thema in der Schule ausreichend angesprochen wird?

Ich bin dafür, das Fach Medienpädagogik einzuführen – flächendeckend, an allen Schulen. Gerade mit dem Internet ergeben sich heute so viele neue Möglichkeiten sich, die einen teilweise auch erschlagen. Auch mich, der ich jetzt nicht mehr im Alter eines Schülers bin. Hier eine Orientierung zu geben, den Leuten zu sagen, wie man sich verhält – gerade auch in Bezug auf private Daten - wird immer wichtiger. Also was sollte man preis geben, was nicht; woran kann man erkennen, was eine Falschmeldung, was richtig ist. In Deutschland gibt es dazu in einigen Bundesländern auch schon Schulversuche. Und die Ergebnisse sind wirklich sehr positiv. Woher sonst sollten die Leute den Umgang mit dem Internet, den neuen Medien lernen, wenn nicht in der Schule?

In Österreich sind 36 Prozent der Lehrer über 50, nur 14 Prozent sind jünger als 30. Besteht da nicht die Gefahr, dass sich der Lehrkörper immer mehr von diesen schnelllebigen Medien-Trends im Internet entfernt? Snapchat ist gerade mal fünf Jahre alt.

Ich würde das nicht am Alter festmachen. Ich kenne Leute, die sind 60 und wissen mehr vom Internet als mancher 18-Jährige. Es hängt vor allem vom Willen und der Bereitschaft der Lehrer ab, sich damit auseinanderzusetzen. Dafür muss es dann natürlich auch Zusatzfortbildungen geben. Man kann von den Leuten nicht erwarten, dass sie das einfach so können. Hier ist die Politik gefragt.

Medienkompetenz ist so ein viel-strapaziertes Wort. Welcher Aspekt davon wäre Ihrer Erfahrung nach besonders dringend?

Der Lehrer muss seinen Schülern nicht erklären, wie Snapchat funktioniert, das wissen die meistens besser als er. Wichtig wäre den Umgang damit zu lehren. Also: Quellenkritik, die Mechanismen, die hinter bestimmten Seiten stecken, die Zusammenhänge erklären. Da geht’s jetzt auch nicht nur ums Internet. Es geht zum Beispiel auch ganz klassisch um die Frage, was der Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk ist.

Youtube, die Plattform ihrer Wahl, ist komplett offen – jeder kann hier hochladen. Wie kann man als Jugendlicher erkennen, wo man seriös informiert wird?

Das ist tatsächlich sehr schwierig. Früher wäre ein mögliches Merkmal die professionelle Aufmachung gewesen. Das ist aber mittlerweile überhaupt nicht mehr so. Desinformanten sind inzwischen auch sehr professionell unterwegs und stehen anderen Angeboten um nichts nach. Ich würde versuchen den Schülern zu zeigen, wie man das, was in einem Video gesagt wird, kritisch hinterfragt. Dass man zum Beispiel Aussagen, Zahlen- oder Quellenangaben nachrecherchiert. Außerdem sollte man sich auch ganz konkret über den Urheber schlau machen: Wer ist derjenige, der mir hier gerade etwas erzählt, was kann man über den erfahren? Aus welcher Ecke kommt der? Mit wem arbeitet der noch zusammen? Das ist natürlich schwierig, aber es lohnt sich da hinzugucken und die Schüler dafür zu sensibilisieren.

Aktuell ist es doch so, dass YouTubern offensichtlich eine besondere Glaubwürdigkeit zugesprochen wird. "Social Influencer"-Kampagnen sind das neue Marketing-Zauberwort.

Absolut. Ein Youtuber wird einfach eher als Freund wahrgenommen, als großer Bruder, große Schwester. Das kann man positiv nutzen. Und das kann man negativ nutzen, indem man jungen Menschen etwas andreht. Positiv nutzen kann man das zum Beispiel in der politischen Bildung. Ich arbeite auch immer wieder mit der Bundeszentrale für politische Bildung in Deutschland zusammen, oder verschiedenen Stiftungen, die sagen: "Uns ist es wichtig, politische Themen bei den Jugendlichen zu platzieren und ihnen zu vermitteln." Die geben mir dann alle Freiheiten sagen: "Wichtig ist uns nur, dass das jugend- oder altersgerecht vermittelt wird." Das finde ich persönlich eine gute Form des Ausnutzens der Glaubwürdigkeit von Youtubern. Problematisch wird’s nur dann, wenn eine bestimmte Meinung oder politische Linie vorgegeben wird. Dann ist man ja auch nicht mehr unabhängig. Ansonsten finde ich das in Ordnung. Negativ ist, wenn das mangelnde Wissen über solche "Influencer Kampagnen" ausgenutzt wird.

Bräuchte Youtube da nicht analog etwa zum Printbereich strengere Richtlinien? Insbesondere was Produktplatzierung betrifft, ist das quasi ein rechtsfreier Raum.

Ich bin da so ein bisschen unschlüssig. Eigentlich haben wir in Deutschland Gesetze – das Telemediengesetz, den Rundfunkstaatsvertrag, wo geregelt ist, was gekennzeichnet werden muss. Nur die Überwachung dieser Gesetze ist leider sehr mangelhaft. Inzwischen schauen die Landesmedienanstalten schon ein bisschen genauer hin und sagen: "Okay, in besonders krassen Fällen gehen wir auch dagegen vor." Aber es gab bisher noch keinen Fall, zumindest keinen, der mir bekannt ist, in dem ein YouTuber abgemahnt wurde dafür, dass er Schleichwerbung betrieben hat. Die Gesetze sind schon in Ordnung, nur solange die Exekution nicht funktioniert, wird es weiterhin wie Kraut und Rüben zugehen. Wobei man auch sagen muss, dass es sich schon gebessert hat. Einige YouTuber gehen da inzwischen mit gutem Beispiel voran.

Also ist sich die Szene des Problems bewusst?

Das kann man schon so sagen. Nur dass am Anfang dieses Bewusstseins die Angst stand, dass sie eine Anzeige bekommen, nachdem wir und andere Medien das Thema vermehrt thematisiert hatten. Die meisten großen Youtuber sind bei "Netzwerken" (Anm.: Die Youtube-Entsprechung von Künstleragenturen, die ihren Youtubern inzwischen auch eine technische und teilweise redaktionelle Infrastruktur zur Verfügung stellen). Die fürchten auch um ihren guten Ruf und kennzeichnen Produktplatzierung dann lieber. Es ist sogar so, dass inzwischen auch manche Unternehmen selbst sagen, dass sie nur noch Werbung schalten, wenn auch gekennzeichnet wird. Im Moment findet da also eine kleine Selbstreinigung statt, die ganz gut ist. Aber die Überwachung funktioniert noch immer nicht gut. Ich habe für mich entschieden, auf meinen Kanal keine Werbung zu machen, weil ich eben ein journalistisches Angebot bereitstelle. Ich arbeite dafür mit nicht-kommerziellen Partnern zusammen.

Und wie sieht es unter den jungen Zusehern aus? Gibt es dieses Bewusstsein in der Community?

Leider nicht. Mich hat das bei meinen Recherchen damals ehrlich gesagt auch richtiggehend schockiert. Schleichwerbung hat die Leute, mit denen wir gesprochen haben, oft gar nicht gestört. "Ist doch ein cooles Produkt", hieß es da oft nur. Oder sie haben gesagt: "Ich erkenn' ja sofort, dass das Werbung ist, kein Problem". Ich glaube aber nicht, dass das so gut reflektiert werden kann, gerade von jüngeren. Diese Manipulation, die damit einhergeht, durchschauen die einfach oft noch nicht. Das Bewusstsein dafür ist aber auch hier inzwischen geschärft, glaube ich. Es gibt ein paar Youtuber, die so als schwarze Schafe gelten, weil sie sich komplett verkaufen. Das stößt dann auch bei der Community auf Kritik. Ich will das auch nicht komplett verteufeln: Influencer Marketing ist komplett legitim, wenn es korrekt und den Regeln entsprechend durchgeführt wird und die Leute wissen: Hier wird gerade Werbung gemacht.


Zur Person

Mirko Drotschmann, Jahrgang 1986, arbeitet als Journalist und Moderator beim ZDF und dem MDR. Seit 2012 gibt der studierte Historiker und Kulturwissenschaftler auf YouTube auch Nachhilfe für Schüler. Zunächst zu allgemeinen Themen wie "Das deutsche Parteiensystem" und "Die Weimarer Republik" oder auch "Richtig googeln". Inzwischen greift er in seinen Erklärvideos vermehrt auch tagesaktuelle Themen wie "Die Wahrheit über Amazon", "Die AfD erklärt" oder "Wer ist Donald Trump?" auf.