Leif Eriksson und sein Knorr (sein Schiff)

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Wissen Wissenschaft
02/02/2020

Zum 1000. Todestag von Leif Eriksson: Der erste Amerikaner

Woher der Wikinger Leif Eriksson kam, und warum ausgerechnet er lange vor Kolumbus Amerika entdeckte.

von Susanne Mauthner-Weber, Pilar Ortega

Neufundland 1960: Schon ewig ließ dem norwegischen Ehepaar Helge und Anne Stine Ingstad ein Gedanke keine Ruhe – wo lagen Helluland, Markland und Vinland, jene mythischen Orte, die die beiden Sagas aus dem 14. Jahrhundert erwähnen und die über die Entdeckungsreisen der Wikinger nach Amerika berichten. Jahrelang suchten sie die Ostküste Amerikas ab, verglichen die Landschaft mit den Beschreibungen in den Sagas. Bis ihnen ein Fischer aus Neufundland von überwachsenen Mauerresten nahe seinem Dorf L’Anse aux Meadows berichtete. Neun Jahre und knapp zehn ausgegrabene Gebäude später stand fest: Die Reste stammen von Skandinaviern der Wikingerzeit. Fast 500 Jahre vor Kolumbus hatten sich also tatsächlich wagemutige Grönländer aufgemacht, um neue Siedlungsräume im Westen des Atlantiks zu suchen.

Glaubt man den Sagas, wurden diese Siedler von Leif Eriksson angeführt. Wobei: „Die beiden Sagas sind historische Romane und erzählen uns unterschiedliche Geschichten“, sagt der österreichische Wikinger-Fachmann Rudolf Simek von der Uni Bonn. Kein gesichertes Wissen also.

In dieser Geschichte erfahren Sie:

  • Wer Bjarni Herjólfson war und was er mit der Entdeckung Amerikas zu tun hatte.
  • Wie lange es dauerte, bis Leif Eriksson das unbekannte Land erreichte
  • Und was der harte wissenschaftliche Kern der Vinland-Geschichte ist.

 

 

 „Was man aber über Leif Eriksson sagen kann: Er war der Sohn von Erik, dem Roten, hatte mehrere Geschwister, die alle mit Grönland und Vinland verbunden waren. Und er selbst hatte irgendwas mit der Entdeckung Amerikas zu tun.“ Ziemlich wahrscheinlich ließ er sich auf zwei bis drei Jahre dort nieder. „Das ist der harte wissenschaftliche Kern, auf mehr würde ich nicht wetten“, sagt Simek. Ja, es gäbe archäologische Befunde, aber nichts, wo Leif Eriksson drauf steht.

Kauf mit Nebenwirkung

Also begeben wir uns ins Reich der Spekulation, der Sagas, und ergründen wir, wie es gewesen sein könnte: Wir schreiben ca. 1000 n. Chr., und Leif Eriksson hat eben eine dicke Knorr (ein Wikingerschiff) von Bjarni Herjólfson gekauft. Dabei hatte ihm Bjarni von seiner letzten Fahrt erzählt, bei der er vom Ostwind weit in den Atlantik getrieben worden war. Bjarni irrte im Nebel über das Meer. Tagelang – bis westlich von Grönland eine bewaldete Küste auftauchte. Er habe das Land nicht betreten.

Genau das hat Leif aber vor: Denn die Abenteuerlust liegt bei ihm in der Familie. Um 870 landete Leifs Großvater in Island, nachdem er aus Norwegen hatte fliehen müssen. Vermutlich hatte er einen Mord begangen. Rauflust und Jähzorn vererbte er an seinen Sohn Erik: Der erschlug im Streit mindestens zwei Männer und wurde aus Island verbannt. Sein Weg führte ihn nach Grönland. Es ist der Ort, an dem Leif Eriksson (der Sohn des Erik) aufwächst.

Als Leif um die 30 ist, bricht er wahrscheinlich im August 1001 Richtung Westen auf. Es ist eine gute Reisezeit: Die Sonne versinkt kaum hinter dem Horizont, selbst in der Nacht wird es nicht dunkel. Fürchten müssen die Seefahrer höchstens Nebel und Eisberge. Leif segelt erst an der Westküste Grönlands entlang nach Norden. Bald aber muss er sich aufs offene Meer hinauswagen. Hohe Wellen krachen gegen das Schiff. Eiskaltes Salzwasser schwappt über die Reling. Die Kleider sind ständig nass.

Keine monatelange Aktion

Den Kompass kannte man damals noch nicht. So viel ist bekannt: Wo die Sonne abends steht, ist Westen. Und Leif Eriksson weiß: Wind aus Nordost ist kalt und trocken, aus Südwest eher warm und feucht.

„Das ist das Schöne am Nordatlantik – er ist relativ klein“, sagt der Wikinger-Experte. „Die längste Strecke im Nordatlantik ist die zwischen Norwegen und Island.“ Simek hat errechnet, dass Leifs Reise wohl kaum mehr als acht Tage gedauert hat. „Es was also keine monatelange Aktion wie bei Kolumbus.“

Nach Tagen auf hoher See stoßen die Entdecker also auf Land. Es ist felsig und vereist, kein Ort zum Leben. Leif und seine Männer fahren weiter nach Süden. Vorbei an der heutigen kanadischen Provinz Labrador, taufen sie „Markland“ – Waldland. Endlich erblicken sie saftige Wiesen. Leif nennt die Gegend „Vinland“, also Weideland.

Die Weltenbummler richten sich häuslich ein, bauen 15 Meter lange, fensterlose Hütten, bedecken sie mit dicken Grasstücken – als Schutz gegen die Kälte. Sie bleiben. Wie lange? Keiner weiß es mit Sicherheit. Irgendwann stechen sie wieder in See – zurück nach Grönland.

Leif wird den Weg in die Neue Welt nicht noch einmal antreten. 1020 stirbt er. Ungefähr. Simek: „Geburts- und Todesdaten haben wir für die Leute aus dieser Zeit eigentlich gar nicht.“ Trotzdem wird 2020 der 1000. Todestag des ersten Entdeckers Amerikas begangen.

Lesen Sie Montag: So tickten die Wikinger

Buchtipp: R. Simek. „Vinland! Wie die Wikinger Amerika entdeckten“. C.H. Beck.16,95 €

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