© Mauthner-Weber Susanne

Wissen Wissenschaft
10/09/2021

„Wir haben immer mit dem Holocaust gelebt“

1939 von den Nazis vertrieben, wurde Evelyn Torton Beck jetzt in Wien mit einem Ehrendoktor geehrt. Die Gender-Studies-Pionierin über „coming home“ und „Coming-out“.

von Susanne Mauthner-Weber

Das erste Mal kam Evelyn Torton Beck mit 19 per Schiff von Amerika nach Europa. In Österreich waren die Spuren der Bomben noch sichtbar. Man schrieb 1952. „Wien war für mich immer sehr wichtig, obwohl wir vertrieben worden waren“, erzählt Torton Beck. Warum, sei schwer zu erklären: „Ich habe keine Worte dafür, es ist ein Gefühl“. Sie legt die Hände aufs Herz ... „ich fühlte mich irgendwie schon damals zu Hause. Man sagt, der Körper erinnert sich, wo er war. Und wie das war.“

Es ist offensichtlich: Evelyn Torton Beck, Jahrgang 1933, hat ein besonderes Verhältnis zur alten Heimat. Und das ist nicht selbstverständlich: Sie ist Jüdin und Holocaust-Überlebende. Dieser Tage wurde sie von der Universität für Musik und darstellende Kunst (mdw) mit dem Ehrendoktorat ausgezeichnet.

Wer?
Evelyn Torton Beck war sechs Jahre alt, als sie 1939 mit ihrer Familie aus Österreich – zuerst nach Italien, dann  in die USA – flüchten musste, weil sie Jüdin war. Ihre Großmutter, die in Wien zurückblieb, wurde  deportiert und ermordet

Was?
Torton Beck wuchs in Brooklyn, New York auf, studierte Literaturwissenschaften,  später auch
Psychologie und ist Professorin an der University of Maryland. Dort hat  sie das Institut für Frauenstudien aufgebaut. 1954 heiratete sie  und bekam zwei Kinder. Einige Jahre nach der Scheidung 1974 hatte sie ihr Coming-out. Ihre Forschungsarbeiten drehen sich um  soziale Gerechtigkeit, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und Altersdiskriminierung. Sie gilt als Vorreiterin auf diesen Gebieten

Leben Sie hier das ausführliche Interview mit der Feminismus-Pionierin:

KURIER: Frau Torton Beck, Sie waren sechs, als Sie von den Nazis aus Wien vertrieben wurden. Woran können Sie sich erinnern?

Evelyn Torton Beck: Dass meine Oma ins KZ geschickt wurde, weil wir für sie kein Visum bekommen haben. Wir haben erst nach dem Krieg herausgefunden, dass sie nach Auschwitz kam; dass mein Onkel, meine Tante umgebracht wurden. Trotzdem kam ich nicht mit schlimmen Gefühlen hierher, sondern mit Offenheit. Vielleicht wollte ich so meine Kindheit zurückholen.

Bedeutet das, dass Sie keine bösen Erinnerungen an Wien haben?

Nein, nein, ich war dabei, als mein Vater verhaftet wurde. Kurz nach der „Kristallnacht“ klopfte es an die Tür unserer Wohnung in der Gussenbauergasse. Zwei Männer kamen herein und nahmen meinen Vater einfach mit. Wir haben ihn für ein ganzes Jahr nicht mehr gesehen. Hatten keine Ahnung, wo er war. Meine Mutter ist jeden Tag zur Gestapo gegangen, wo sie darum flehte, meinen Vater aus dem KZ freizulassen. Sie hat mich immer mitgenommen. Und da – kann ich mich erinnern – hatte ich Angst. Damals hatte ich blonde Haare und grüne Augen – ich schaute nicht jüdisch aus. Und ich denke, meine Mutter hoffte, dass mein Anblick die Gestapo-Männer milde stimmen würde. Ich kann mich auch erinnern, dass wir später aus unserer Wohnung geworfen wurden und in die Rembrandtstraße übersiedeln mussten – in ein jüdisches Ghetto. Und, dass mein Vater irgendwann ohne Vorwarnung nach Hause kam. Da war er einfach. Wir haben nie darüber gesprochen.

Er war in Dachau und Buchenwald?

Ja, sie ließen ihn frei mit der Auflage, das Land zu verlassen. Doch er war ein großer Familienmensch und sagte: „Ich habe Kinder, eine Frau, eine Schwiegermutter, die ich beschützen muss. Ohne die fahre ich nicht.“ Er wurde wieder verhaftet. Da ist er auf die Knie gefallen und flehte: „Bitte lasst mich frei, ich gehe noch heute Abend weg.“ Wir folgten ihm später nach Mailand. Nur meine Großmutter bekam keinen Pass. Und das ist wahrscheinlich das größte Trauma unserer Familie. Die Omama hat gesagt: „Nimm die Kinder und rette dich, ich bin schon alt.“ Ihr Tod war mein größtes Trauma. Man muss nicht im KZ gewesen sein, um diese Verletzung zu haben. Wir haben immer mit dem Holocaust gelebt. An diesen Wunden musste ich lange arbeiten.

Was haben Sie gemacht?

Ich wurde klinische Psychologin, weil ich das für mich heilen musste. Damals kam sogar die Sprache zurück, mein Deutsch wurde viel besser. Heute glaube ich, dass die deutsche Sprache von einem sehr alten und tiefen Platz in mir kommt.

Sie wurden Professorin auf drei Gebieten, Aktivistin gegen Antisemitismus, Rassismus, Homophobie und für die Frauenbewegung, jetzt sogar für das Klima. Was treibt Sie an?

Ich habe mich immer als Außenseiterin gefühlt und für Außenseiter interessiert. Nachdem ich mein Coming-out als Lesbe hatte, habe ich mich in der Frauenbewegung gut gefühlt. Bis ich feststellte, dass Lesben und Schwule oft antisemitisch waren. Besonders schwierig aber war für mich, dass es unter Juden, die so gelitten haben, auch Homophobie gab. Man kann selbst unterdrückt sein und trotzdem andere unterdrücken.

Und Sie begannen darüber zu schreiben. Wie wurden Sie zu einer der Pionierinnen des Feminismus?

Frauen haben mich immer am meisten interessiert. Als ich beauftragt wurde, für die University of Maryland ein Frauenstudium aufzubauen, habe ich festgestellt, dass wir Dinge unterrichten, die von Männern geschrieben und bewertet wurden. Männer aber wertschätzen das, was Frauen machen, nicht. Künstlerinnen, Musikerinnen, Regisseurinnen, Wissenschafterinnen... sichtbar machen, das war die Aufgabe. Später nannte man es Genderstudies, weil man die Frauen nicht studieren kann, ohne die Männer mit hinein zu nehmen. Es gibt keine freien Männer ohne freie Frauen. Und umgekehrt.

Bei all dem, was Sie in beinahe 90 Jahren erlebt haben: Was würden Sie der nächsten Generationen mitgeben?

Was immer wir tun: Stets im Hinterkopf behalten, dass wir nicht alleine auf der Welt sind und es Menschen gibt, die anders sind. Wir müssen Raum lassen, sie zu verstehen.

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