Sammellager Kleine Sperlgasse 2a, Wien II: Das Gepäck wird verladen, die organisierte Vernichtung auf Schiene gebracht

© Quelle: WStLA/WStLA, Volksgericht, A1: Vg 8e Vr 871/55 CC BY-NC-ND 4.0

Wissen Wissenschaft
10/09/2021

Neue Ausstellung zeigt den "Holocaust auf Wiener Art"

Vor 80 Jahren begannen überall im NS-Reich Massen-Deportationen. Wien war das Versuchslabor, in dem die Organisation der Vernichtung erprobt wurde.

von Susanne Mauthner-Weber, Christa Breineder

„Wien wird nun bald ganz judenfrei sein. Und jetzt soll Berlin an die Reihe kommen.“ (Joseph Goebbels, Tagebuch, 18. März 1941)

Zwei Koffer – Wäsche, warme Kleider, maximal 50 Kilogramm: Längst hat die Israelitische Kultusgemeinde ein Merkblatt aufgelegt, in dem „Personen, die zur Umsiedlung ins Generalgouvernement bestimmt wurden“, erfahren, was sie mitnehmen dürfen. Vermögenswerte, Wohnungsschlüssel, ja sogar die Lebensmittelkarten sind abzugeben. Auch Alice Schleifer muss mit ansehen, wie der letzte Rest Mobiliar in ihrer Wohnung zurückbleibt, ehe sie sich im Februar 1941 im Sammellager einfindet: „Mir war klar, dass das der absolute Anfang vom Ende sein wird.“

Ein gutes halbes Jahr davor hat Baldur von Schirach, seit August 1940 Gauleiter von Wien, an einem privaten Essen in Hitlers Wohnung in Berlin teilgenommen. Er nutzte die Gelegenheit und brachte einen ehrgeizigen Plan vor: Wien soll als erste Großstadt im Deutschen Reich „judenfrei“ werden. Im Dezember erhält er das Okay des Führers – 60.000 noch im Reichsgau Wien wohnhafte Juden sollen beschleunigt abgeschoben werden.

Im folgenden Februar und März werden etwa 5.000 Juden vom Aspangbahnhof gegen Osten abtransportiert. Monika Sommer, Direktorin des Haus der Geschichte Österreich (hdgö), nennt es einen „Testlauf“: Hier wurde die Organisationsstruktur erprobt, mit der ab Herbst die reichsweiten Massen-Deportationen durchgeführt wurden – heute nennen es die Forscher „Wiener Modell“.

In einer gleichnamigen Ausstellung zeigt das hdgö „die besondere Rolle, die Wien in der Organisation der Vernichtung spielte“, sagt Sommer.

Wiener Modell der Radikalisierung. Österreich und die Shoah wird ab 15. Oktober als Outdoor-Ausstellung am Wiener Heldenplatz gezeigt. Direktorin Sommer: „Wir versuchen mit dieser Schau, den Heldenplatz zum Platz der gelebten Verantwortung zu machen“.

Historikerin Michaela Raggam-Blesch hat erforscht, wie ausgerechnet Wien zum Experimentierfeld für die antisemitische Politik der Nazis wurde: „Ich denke, dass das auch sehr stark an die Person Adolf Eichmann geknüpft ist.“ Der SS-Mann will Karriere machen, bringt die Wiener Kultusgemeinde unter die Kontrolle der SS und gründet die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“, die erste im NS-Staat. Hier wird nicht nur die Vertreibung an einem Ort zentralisiert, sondern auch die Beraubung organisiert.

Die wichtigste Aufgabe der Kultusgemeinde besteht nun darin, möglichst vielen Mitgliedern die Ausreise „zu ermöglichen“. Raggam-Blesch: „Damit wollte sich Eichmann profilieren. Durch den Terror, der sofort begonnen hat, wurde die Zahl der Auswanderer nach oben getrieben.“ Die Zentralstelle wurde zum „Vorzeigemodell“ und Eichmanns Sprungbrett – er wird Leiter der Abteilung „Juden und Räumungsangelegenheiten“ in der Reichshauptstadt.

Zurück blieben seine sehr radikalen Mitarbeiter, darunter Eichmanns Nachfolger als Leiter der Zentralstelle, Alois Brunner, der das System „perfektioniert“ und „radikalisiert“. Im Unterschied zu den überstürzten Deportationen der Vergangenheit gab es nun exakte Richtlinien: Wer wird wann mit wie viel Gepäck in welches Sammellager „einberufen“. 10.000 Transporte – jede Woche einer mit 1.000 Personen – waren vorgesehen.

Wiener Modell

„So gelang es, den Großteil der Wiener jüdische Bevölkerung innerhalb von eineinhalb Jahren zu deportieren“, sagt Raggam-Blesch. Im Oktober vor 80 Jahren wurde das in Wien erprobte System auf das ganze Reich übertragen. Prag, Köln, Luxemburg, Berlin, Düsseldorf – überall starteten Züge Richtung Osten. Jetzt ging es nicht mehr „nur“ um Vertreibung, sondern um Vernichtung: Im Februar 1941 kamen die Menschen in ein Niemandsland ohne Infrastruktur. Im Herbst aber wurden Juden ins Ghetto Litzmannstadt deportiert. Die Historikerin: „Dass sie dort umkommen, war Teil des Konzepts“.

 

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