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KURIER-History
12/18/2021

Wie Wunschzettel und Weihnachten zueinander fanden

Lange war auf den „Weihnachtsbriefen“ keine Rede von Geschenken. Doch im späten 19. Jahrhundert vereinnahmte die Spielzeugindustrie die Idee.

von Susanne Mauthner-Weber, Katrin Solomon

"Dir, du liebes Christkindlein, send ich meine Wünsche ein; Geh zu Karstadt, Nikolaus, und suche mir das Schönste aus.“ 1930 reimte das deutsche Kaufhaus auf seinem Wunschzettel-Formular ganz im Stil der Zeit. Und so kam es, dass der gerade siebenjährige Hermann aus Bremen auf seinem Zettel einfach neun Wünsche ankreuzte – ergänzt mit Preisen und dem Namen des Kaufhauses, in dem all die schönen Dinge zu kaufen sind. Damit es das Christkind nicht so schwer hat.

Geniale Marketing-Idee

Nicht erst 1930, schon im späten 19. Jahrhundert gehörte Deutschland zu den führenden Produzenten für Spiel- und Weihnachtswaren. Und weil die langsam auch für „kleine Leute“ erschwinglich wurden, entwickelte man den Wunschzettel als Vermarktungsstrategie: Um den Bedarf nach Eisenbahn und Schaukelpferd anzuheizen, drängten Hersteller und Kaufhäuser mit vorgedruckten Bögen auf den Markt, auf denen die Kinder ihre Wünsche nur noch ankreuzen mussten. Nicht mehr christliche Motive, sondern Darstellungen von Christkind, Weihnachtsmann und satten Familien unterm Tannenbaum dominierten das Bild. Ab sofort führte der Kapitalismus Regie – und mit ihm die materielle Begehrlichkeit nach einem möglichst überbordenden Gabentisch.

Der Wunschzettel als Spiegel der Zeit? Zweifelsohne! Denn jahrhundertelang haben sich Kinder in Weihnachtsbriefen bei den Eltern bedankt und alles Gute gewünscht, weiß die Kunsthistorikerin Ulrike Winger: „Dieses Dankschreiben war eine Pflicht, da ging es auch um das Schönschreiben, vielleicht verbunden mit einem Gedicht, das auswendig gelernt werden musste. Es leitete sich von den Neujahrswünschen ab, die bereits im 15. Jahrhundert belegt sind.“

Erziehungsmaßnahme

Die Hymnen an die Eltern verfassten die Kinder in kunstvoll verschnörkelter Schönschrift. Denn nichts anderes waren die Weihnachtsbriefe des 18. Jahrhunderts: eine kalligrafische Übung, zu der die Kinder von Pädagogen und Pfarrern gezwungen wurden – mit dem Ziel, die eigene Schreibleistung zu demonstrieren und die Autoritäten zu preisen. Als „von den Erwachsenen inszenierte Selbstbeweihräucherung“ definierte der deutsche Wunschzettel-Experte Torkild Hinrichsen die zu Weihnachten ebenso wie zu Neujahr verfassten Schmuckbögen. Besonders gute Schüler mussten dasselbe auch in Französisch und Englisch niederschreiben. Und dann mussten sie den Spruch auch noch auswendig lernen und am Heiligen Abend vortragen.

Mit der Einführung der Schulpflicht ging es sehr stark darum, die Kinder moralisch zu erziehen.

Waltraud Schütz | Historikerin

„Und Christkind oder Weihnachtsmann dienten da als Drohkulisse.“ Schütz ist Historikerin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und hat die Geschichte der Bildung im Habsburgerreich und die adeligen Briefbestände erforscht, dabei aber keine Wünsche an das Christkind entdeckt. Lange sei, was materielle Wünsche betrifft, Zurückhaltung eine wichtige Tugend gewesen. „Spielzeug war limitiert, auch wenn durchaus teure Geschenke in adeligen Familien gemacht wurden“, sagt Schütz. In der Sammlung Frauennachlässe sind jedenfalls nur drei Briefe an das Christkind erhalten.

Druck auf Eltern stieg

Die Historikerin vermutet, „dass die weihnachtliche Wunschliste erst um 1880 auch in Österreich verbreitet war. Das Schreiben hatte sich von einem Dank an die Eltern zu einem Wunsch an das Christkind gewandelt.“ Und das setzte viele Eltern, die nicht zur wohlhabenden Mittelschicht gehörten, gehörig unter Druck. Denn, so Schütz, „die Hausfrauenzeitschriften des späten 19. Jahrhunderts sind voll mit Tipps, wie man mit wenig Mitteln schöne Bescherungen gestalten kann und wie Mütter ins Wunschlistenschreiben eingreifen können.“

Und so ist in der Wiener Hausfrauen-Zeitung vom 20. Dezember 1891 zu lesen: „Sollten deine Mittel nicht langen, so streiche lieber ein Geschenk aus der Liste, ehe du etwas Unschönes, Leichtverdorbenes bescherst! Es sind gar zerstörungswüthige Händchen, in die das Christkind seine Gaben legt, das bedenke!“

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