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KURIER-History
10/23/2021

Wie das Äußere Burgtor zum "Heldentor" wurde

Dort, wo sich das Gedenken am Nationalfeiertag jahrzehntelang konzentrierte, spiegeln sich auch die ideologischen Gräben Österreichs

von Susanne Mauthner-Weber, Christa Schimper

Im Jahr 1934 schlug die Stunde der Patrioten: Wenn man in die Tram stieg, sprangen einem vom Glasfenster die Worte „Bau mit am Österreichischen Heldendenkmal!“ entgegen. Ging man ins Kino, so schrie die weiße Leinwand: „Spende fürs Heldendenkmal!“ Vom Bundespräsidenten abwärts: Ganz Österreich hatte sich der Umwidmung des Äußeren Burgtores – jahrzehntelang einfach eine Durchfahrt – in ein Heldendenkmal verschrieben.

Ganz Österreich? Irrtum: „Das war ganz klar gegen die sozialdemokratische Denkmalkultur gerichtet“, erzählt Heidemarie Uhl. Die Historikerin hat nach jahrelanger Forschung ein 460-Seiten-Buch zur Geschichte des Burgtors herausgegeben. Das Heldendenkmal dort gehe auf die Konkurrenz zwischen den politischen Lagern der Zwischenkriegszeit zurück: Die Sozialdemokratie sah die Soldaten des Ersten Weltkriegs als Opfer der verantwortungslosen habsburgischen Kriegspolitik und errichtete ihnen 1925 ein pazifistisches Denkmal am Zentralfriedhof. Das christlich-konservative Lager und die Kameradschaftsverbände boykottierten das Denkmal des Roten Wien: Bald nach der Ausschaltung des Parlaments im März 1933 schrieb man daher einen Wettbewerb aus. Uhl: „Das Absurde: Während draußen der Bürgerkrieg tobte, hat ein sozialdemokratisch angehauchter Architekt den Wettbewerb gewonnen.“

Geschichtspolitisches Symbol

Rudolf Wondraceks Entwurf sah eine Ehrenhalle im Dachgeschoß vor, monumentale Ehrenstiegen und einen Sakralraum, die sogenannte Krypta, im rechten Flügel des Bauwerks. Das profane Torgebäude wurde zum sakralen Ort staatlich-militärischer Gedenkzeremonien – „das wichtigste geschichtspolitische Symbol der Ständestaat-Diktatur“ (© Uhl).

Doppelt belasteter Ort

Kein Wunder, dass das NS-Regime Heldenplatz und Heldendenkmal nach 1938 für martialische „Heldengedenkfeiern“ okkupierte. Genauso wenig verwunderlich, dass der doppelt belastete Ort „nach 1945 rasch ins Zentrum der Konflikte geraten ist, weil sich die Frage stellte, wie man mit den gefallenen österreichischen Wehrmachtssoldaten umgeht“, analysiert die Historikerin. Bald bemächtigten sich der Verband der Unabhängigen (VdU), Vorläuferpartei der FPÖ und die Kameradschaftsverbände des Ortes. Uhl diagnostiziert „einen revisionistischen Backlash: Nach 1955 war die Distanz zu Nationalsozialismus und Deutschnationalismus nicht mehr Staatsraison, weil Österreich souverän geworden war.“

Nach etlichen Konflikten in den 1960er-Jahren sickerte aber doch die Erkenntnis, dass es ein Signal gegen die Ewiggestrigen geben musste: 1965 beschloss die ÖVP-SPÖ-Koalitionsregierung das Heldendenkmal umzubauen, und einen Weiheraum für den Widerstand gegen das NS-Regime einzurichtete. Nachdem im selben Jahr auch der Nationalfeiertag eingeführt worden war, begründet man eine neue Tradition: Die doppelte Kranzniederlegung in Krypta und Weiheraum.

Salomonisch? Der Staat würdigt sowohl die Opfer beider Weltkriege als auch die Widerstandskämpfer. Also alles gut? Bis 2012 schien es so. Doch dann tauchten Schriften mit Nazi-Huldigungen genau unter der Skulptur des gefallenen Soldaten in der Krypta auf: „Jede Kranzniederlegung in der Krypta wurde gestoppt“, sagt Uhl.

„Das Bundesheer machte einen radikalen Schnitt – keine Gedenkfeiern mehr an diesem kontaminierten Ort.“

Heidemarie Uhl | Historikerin

Also doch alles gut? „Nein, über den Weiheraum gilt es dringend nachzudenken“, sagt Uhl. Er sei im Zustand von 1965. „Hier werden nur die Opfer im Kampf um Österreichs Freiheit gewürdigt, keine Rede von anderen Opfergruppen. Der Zustand ist anachronistisch.“

  • Buchtipp:

Uhl/Hufschmied/Binder. „Gedächtnisort der Republik. Das Österreichische Heldendenkmal im Äußeren Burgtor der Wiener Hofburg. Geschichte – Kontroversen – Perspektiven“, Böhlau. 54,99 €

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