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Wissen Wissenschaft
03/28/2021

Was heutige Unternehmen und die NS-Ideologie gemeinsam haben

"Flexibel, agil, leistungsbereit": Das für das nationalsozialistische Denken typische Vokabular prägt uns bis heute, hat ein französischer Historiker analysiert.

von Susanne Mauthner-Weber

Johann Chapoutot war verblüfft. Vor einigen Jahren stieß der französische Historiker von der Sorbonne auf einen nur drei Seiten langen NS-Text – verfasst 1941 kurz vor dem Überfall auf die Sowjetunion. In „zwölf Geboten“ wurde Beamten darin erklärt, wie sich „der Deutsche im Osten zu verhalten hat“. „Da kamen Worte wie ,flexibel‘, ,agil‘, ,autonom‘, ,leistungsbereit‘ und ,leistungsfähig‘ vor“, erzählt Chapoutot und dachte: „Wo bin ich da? Tatsächlich bei den Nazis?“ Diese Diktion kannte er weniger aus seinen Geschichtsbüchern, als vielmehr aus aktuellen Wirtschaftsbeiträgen in den Medien.

Dieses für das nationalsozialistische Denken typische Vokabular überlebte den Krieg und ist auch heute noch das unsere, meint er und erläutert seine Erkenntnisse jetzt im Gespräch mit dem KURIER sowie in seinem neuen Buch Gehorsam macht frei. Eine kurze Geschichte des Managements von Hitler bis heute.

Die Nazis sprachen von "Menschenmaterial", so wie wir heute von "Humankapital" reden.

Johann Chapoutot | Historiker, Sorbonne

„Heute urteilen wir ja gerne: Diese Leute waren rückständige Barbaren“, sinniert der Historiker. „Wobei der Nationalsozialismus aber nicht von einem anderen Planeten zu uns kam, sondern ein Ausdruck der Moderne war. Deutschland im 20. Jahrhundert ist eben Deutschland im 20. Jahrhundert – die Mitte Europas, das Land der Nobelpreisträger, der modernen Universitäten, der Technik, Chemie, Elektrizität, ersten und zweiten Industriellen Revolution. Die Nazis waren zwar rückwärtsgewandt. Gleichzeitig erkannten sie aber, dass es Nachholbedarf gab.“ Sie wollten die USA überholen, die größten Gebäude und Autobahnen bauen und das Land in jeder Hinsicht modernisieren.

Effizienz lernen

„Mobil machen“, lautete die Devise, sagt Chapoutot, „jeder Deutsche sollte mit einem Wagen ausgestattet und eine fortschrittliche Konsumgesellschaft kreiert werden, mit Ferien für deutsche Arbeiter, Kreuzfahrtschiffen und riesigen Hotels.“ Wie diese Ziele umgesetzt werden konnten, erlernten deutsche Ingenieure in den USA: Bereits in den 1920er-Jahren gingen sie auf Exkursion ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, „um bei dortigen Managern Effizienz zu lernen“, erzählt der Historiker.

Bald zielte die NS-Kriegswirtschaft konsequent auf Leistungsfähigkeit ab. Der Mensch wurde zum Produktionsfaktor. Dieses Menschenbild setzte sich in der Bundesrepublik fort. Auf NS-Kriegsmaschinerie folgte die Massenproduktion der Konsumgesellschaft, aus „Menschenführung“ wurde Management.

Am Beispiel des Unternehmensberaters Reinhard Höhn beleuchtet Chapoutot diese Kontinuität im ökonomischen Denken vor und nach 1945: „Die Karriere von Höhn ist aufschlussreich für unsere Welt. Die Tatsache, dass er so leicht von einer Epoche in die andere gleiten konnte, sagt viel über die Zeit nach 1945 aus. Die Kader sind auf ihren Posten geblieben.“

Denkfabrik mit NS-Drall

1956 wurde jedenfalls die Akademie für Führungskräfte, eine Art Denkfabrik der deutschen Industrie, in Bad Harzburg aus der Taufe gehoben, geleitet von dem Mann, der noch elf Jahre zuvor SS-Oberführer Prof. Dr. Reinhard Höhn gewesen war. Ziel: Effizienteste Management-Methoden zu fördern und zeitgemäße Formen der Menschenführung zu entwickeln. Chapoutot: „Höhn war jemand, der genau die Managementmethode liefern konnte, die der Zeit angepasst war.“

Zum Nachdenken anregen

Es gehe ihm nicht darum, zu behaupten, Management sei nationalsozialistischen Ursprungs oder per se eine kriminelle Tätigkeit, sagt der Forscher. Wohl aber wolle er zum Nachdenken anregen: Darüber, dass vieles, was in der Arbeitswelt heute Probleme bereitet, in der NS-Ideologie wurzelt. Etwa das Burnout. „Die NS-Ideologie hat die Verdinglichung der Menschen vorangetrieben; die Nazis sprachen von ,Menschenmaterial‘, so wie wir heute von ,Humankapital‘ reden.“ Von der Herabwürdigung des Menschen als Material oder Produktionsfaktor sei es nur noch ein kleiner Schritt zur Ausbeutung. „Das ist schrecklich, ich bin kein Material, kein Kapital – ich bin ein Mensch!“

Freie Arbeiter

Perfide auch, wie es Höhn schaffte, den Untergebenen ihre Untergebenheit schmackhaft zu machen: „Indem er sagte: Wir bekommen die Ziele vorgeschrieben, aber wir haben die Wahl der Mittel. Also sind wir freie germanische Arbeiter“, analysiert der Historiker. Eine Scheinselbstständigkeit. Bis heute sei die Ursache von Problemen am Arbeitsplatz – egal, ob Bore-out oder Burn-out – „dieser Widerspruch zwischen frei sein auf dem Papier, aber in der Realität eigentlich untergeben sein“.

Das Ziel unbedingter Leistungsbereitschaft zieht sich jedenfalls von den Vordenkern der NS-Kriegswirtschaft bis in die Handbücher der Unternehmensführung von heute.

Fest steht auch, dass sich praktisch alle Pioniere und Schrittmacher des deutschen Wirtschaftswachstums bei Reinhard Höhn einfanden, schreibt Historiker Chapoutot in seinem Buch, das morgen erscheint. Mehr als 600.000 Führungskader von Aldi, BMW, Bayer, Esso, Hoechst, Krupp, Opel und Thyssen durchliefen die Seminare. Nicht zu vergessen natürlich Beate Uhse.

Buchtipp: Johann Chapoutot. „Gehorsam macht frei. Eine kurze Geschichte des Managements von Hitler bis heute“.

Propyläen. 22 €.  Erscheinungstermin: 29. März 2020.

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