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Wissen Wissenschaft
07/17/2021

Wann und wie der Rassismus in die Welt kam

Hautfarben wurden erfunden, um abzuwerten - nach den Beschimpfungen der verhinderten Elfer-Schützen im EM-Finale höchste Zeit, daran zu erinnern.

von Susanne Mauthner-Weber, Christa Breineder

Andrew Watson ist vergessen. Dabei war er Nationalspieler, Kapitän und 1885 maßgeblich an der 1:6-Niederlage der Engländer gegen die Schotten beteiligt. Er gehörte auch zu den „schottischen Professoren“, die den Fußball mit dem Kombinationsspiel – Taktik, Teamwork, Pass- und Stellungsspiel – regelrecht umkrempelten.

Andrew Watson (siehe Bild unten) war aber auch schwarz – der erste farbige Nationalspieler im Fußball überhaupt. Dabei so populär, dass die Fans diesen Umstand ignorierten und das in einer Zeit, in der Rassismus weit verbreitet war. Marcus Rashford, Jadon Sancho und Bukayo Saka hatten dieses Glück nicht: Über die Leider-Nein-Elfer-Schützen ergossen sich nach dem verlorenen EM-Finale rassistische Beleidigungen. Screenshots zeigen Social-Media-Beiträge, in denen von Affen und Sklaven die Rede ist. Besonders drastisch: „Fussballfans“ riefen einen  Bestrafe einen N**** Tag aus, inklusive Vorschlägen, welche Art von Gewalt man einem schwarzen Menschen antun könne.

Lange Tradition

Calum Blaikie, selbst Brite und Sozialanthropologe an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, weiß, dass Rassismus im Fußball lange Tradition hat. „Das hat mit Migration von 1940 bis 1960 zu tun – als Großbritannien mit dem Verlust seiner Kolonien fertig werden musste.

Das Commonwealth entstand und mit ihm übersiedelten viele Menschen nach England – aus der Karibik, Indien oder Afrika.“ In den 1970er tauchten vermehrt schwarze Spieler in den britischen Ligen auf. Gleichzeitig hielten rassistische Parolen auf den Zuschauerrängen Einzug.

„Heute ist dieser Tonfall nicht einmal mehr in rechten Medien zulässig“, analysiert er. Trotzdem sei der Rassismus nicht verschwunden. Und breche sich eben im Netz Bahn. Der Sozialanthropologe: „Das sind die letzten Orte, wo Menschen diese Weltanschauung noch kundtun können.“

Wurzeln

Trotzdem bleibt die Frage, wo die Wurzeln des Rassismus liegen. Er existiert in vielen Gesellschaften überall auf der Welt und hat verschiedenste Gründe. „Im europäischen Kontext spielen kolonialistische und imperialistische Ideen eine große Rolle“, sagt Blaikie. Historiker bringen es auf den Punkt: Hautfarben wurden erfunden, um abzuwerten. Denn: Im 13., 14. und 15. Jahrhundert haben die Menschen den Teint ganz anders wahrgenommen.

Weiße Asiaten

Quellen beschreiben etwa das Gesicht des österreichischen Herzog Albrecht als „schwarz“ und „furchteinflößend“. Frankreichs König Ludwig XI. war „von brauner Gestalt“. Asiaten wurden als „Weiße“ wahrgenommen. Und zur multi-ethnischen Söldnertruppe, die die päpstliche Engelsburg im Vatikan bewachte, gehörten „rote“ Franzosen, erzählt die Schweizer Historikerin Gesine Krüger im deutschen Spiegel : „Hautfarbe hat eine Geschichte. Und sie ist eine Konstruktion.“

Vier Körpersäfte

Die heute seltsam anmutenden Zuschreibungen gehen auf die Lehre von den vier Körpersäften – Schleim, Blut, schwarze und gelbe Galle – des antiken Arztes Galenos von Pergamon zurück: Die ganz spezielle Mischung der Säfte bestimmt die Individualität eines Menschen – und seine Hautfarbe.

Mit der Kolonialisierung änderte sich unser Blick auf die Hautfarbe: Millionen Afrikaner wurden zur Ausbeutung der Rohstoffe der eroberten Gebiete versklavt. Europäer wurden zur „weißen Rasse“, Gefühl der Überlegenheit inklusive. Wobei helle oder dunkle Hautfarbe oft danach zugeschrieben wurde, für wie friedfertig man die Fremden hielt. So galten die Xhosa in Südafrika eine Zeit lang als friedliebend und wurden prompt sehr hellhäutig dargestellt.

Keine Rassen

Christoph Kolumbus’ ersten Kontakt mit den Menschen der Karibik inszenierte übrigens erst die Nachwelt „als Begegnung von Hautfarben“. Er sah einfach schöne Menschen mittlerer Hautfarbe. Wie relativ die Definition der "weißen Hautfarbe" sein kann, zeigt auch eine Anekdote, die sich um Thomas Jefferson, eine der Gründungsgestalten der USA, dreht: Um der eigenen Überlegenheit Nachdruck zu verleihen, definierte er „weiß“ so eng, dass nur Protestanten britischer Abstammung ins Profil passten.

Auch wenn es manche nicht wahrhaben wollen: Mittlerweile ist nachgewiesen, dass alle Menschen denselben Ursprung haben und dass es keine Rassen gibt. Bleibt nur zu hoffen, dass Gesine Krüger recht hat, wenn sie sagt: „Da wir lernen, was die Hautfarbe bedeutet, können wir es auch wieder verlernen.“

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