© Rainer Windhager / Birdlife

Wissen Wissenschaft
01/26/2020

Zählung: Die Vogelschau der anderen Art

Kohlmeisen trotzen der Kälte, Eichelhäher flogen ein – und ab. Welche Vögel im Winter zu sehen sind.

von Hedwig Derka

Im Herbst rauschten hunderte Eichelhäher in gleicher Richtung über Norbert Teufelbauers Kopf hinweg. Der Ornithologe war wenig überrascht, kommen derartige Invasionen doch alle paar Jahre vor: Brüten die intelligenten Rabenvögel in ihrer russischen Heimat besonders erfolgreich und finden dann in der eiskalten Jahreszeit nicht ausreichend Nüsse, Mäuse und Beeren vor Ort, schwärmen sie gegen Westen. Nichts Ungewöhnliches. Verwundert ist der Naturschützer von Birdlife jetzt nur, dass die Wintergäste nicht vermehrt zu den Futterhäusern kamen.

Jüngste Vogelschauen zeigen, welche Arten auf heimisches Futter fliegen. Die Auszählung der „Stunde der Wintervögel 2020“ liegt vor (der KURIER berichtete). Die Kohlmeise ist Nummer 1, der Eichelhäher landete auf Platz 19. Experten wissen auch, warum Saatkrähen ausbleiben, der Grünfink bedroht ist, und die Freiheit liebende Nilgans in ein paar Jahren auf der Donau schwimmen wird.

„Österreichweit wurden knapp 31 Vögel pro Garten gesichtet. Das sind so wenige wie noch nie. Gleichzeitig nahmen noch nie so viele Leute an der Beobachtung teil“, zieht Norbert Teufelbauer Bilanz über die elfte Wintervogelzählung. Das größte Citizen-Science-Projekt Österreichs findet seit 2010 jährlich um den 6. Jänner statt (siehe rechts). Heuer meldeten 13.991 interessierte Laien 337.752 Überflieger. Unter den Top 3: die Kohlmeise, gefolgt von Spatzen alias Haussperling und Feldsperling.

Kalt erwischt

An sich häufige Arten wie Buchfink und Stieglitz ließen sich diesmal seltener blicken, Invasionsvögel wie der Erlenzeisig waren kaum zu sehen. Die Saatkrähe (Platz 17) ist nicht mehr so verbreitet wie einst, die Erwärmung in Europa hat sie flugfaul gemacht. Warum weniger Aaskrähen zwischen Boden- und Neusiedler See unterwegs sind, ist bisher ungeklärt. Wieso der Grünfink rar wird, hat dagegen einen bekannten Grund: Der Standvogel – er liegt aktuell auf Platz 8 – leidet stärker unter der verbreiteten Trichomonaden-Infektion als anderes Federvieh. Die Parasiten, die sich in Rachen und Kropf ansiedeln, haben den Bestand der sensiblen Art in den vergangenen sieben Jahren um mehr als 50 Prozent dezimiert.

Heiß begehrt

Auch Klima und Wetter regulieren das Leben in der Luft: „Wenig Schnee und milde Temperaturen beeinflussen ganz eindeutig das Auftreten der heimischen Wintervögel“, sagt Teufelbauer. Deckt Schnee die Futterquellen auf dem Land zu, zieht es die Vögel eher in die Stadt. Hier ist es tendenziell wärmer. Außerdem lebt in alten Gemäuern saisonunabhängig jede Menge fette Beute.

Davon kann auch Hans-Martin Berg berichten: „Der Hausrotschwanz findet in vielen Winkeln unseres Hauses Nahrungsressourcen“, sagt der Experte aus der Vogelsammlung im Naturhistorischen Museum Wien, NHM. Der kleine Singvogel (Platz 43) versucht jetzt hier zu überwintern. Auch das Schwarzkehlchen, ein geborener Kurzstreckenzieher, bleibt mittlerweile eher da. Der Kuckuck wiederum fliegt immer später ab und kommt immer früher zurück, ein Bonus für die Eier der Rabenmütter.

„Es ist sicher einiges in Bewegung gekommen“, sagt Berg: „Es kann von Vorteil sein, sich nicht den Gefahren am Zug auszusetzen.“ Doch die Sesshaftigkeit hat mitunter ihren Preis. Gibt es einen heftigen Wintereinbruch, bleiben Tiere auf der Strecke. „Dann erwischt es doch sehr viele.“

Besonders findige Zieher nützen den Zufall als Überlebensstrategie, sie ändern ihre Routen. Beispiel Mönchsgrasmücke (Platz 53): Ein paar Irrläufer trafen in England auf paradiesische Bedingungen. Sie drehten von Süden ab und steuern neuerdings in Schwärmen die Britischen Inseln an. Ähnlich scheint der asiatische Gelbbrauen-Laubsänger im Winter zum Westeuropäer zu werden.

Auch manch Wasservogel orientieren sich um: So zählt die Nilgans zu den Profiteuren des Klimawandels. Die Ausreißerin aus Afrika setzte sich vor einiger Zeit am Rhein ins gemachte Nest. Von dort erobert sie Europa. „Die Anpassungen erfolgen manchmal verblüffend rasch – innerhalb weniger Generationen“, schließt Hans-Martin Berg: „Evolution hört nicht auf.“

Details zur Vogelzählung

Hobbywissenschafter: Die Vogelschutzorganisation Birdlife ruft jedes Jahr Citizen-Scientists auf, Vögel im Siedlungsgebiet rund um die Futterstelle im Garten, auf dem Balkon oder im Park zu zählen. Im Mittelpunkt stehen die häufigsten und am weitesten verbreiteten Arten wie Meisen, Spatzen, Finken & Co.

Beobachtung: Erhoben werden alle Tiere, die während einer beliebigen Stunde in einem bestimmten Zeitraum gesichtet werden. Heuer lief Österreichs größte Vogelzählung von 4. bis 6. Jänner. Gewertet wird pro Art jeweils die gleichzeitig gesichtete Höchstzahl.

Trends: Mit einem deutlichen Minus von 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr flogen bei der diesjährigen Wintervogelzählung durchschnittlich nur knapp 31 Vögel in die heimischen Gärten. Insgesamt waren es 337.752 Tiere an 11.012 Schauplätzen. Mit Ausnahme von Kärnten ging die Anzahl der Exemplare pro Futterstelle in allen Teilen Österreichs zurück. Im Westen des Landes wurden heuer sogar um ein Viertel weniger Gäste beobachtet: 29,95 Vögel pro Teilnehmer. 2019 waren es 40 Vögel pro Beobachter.

Detailergebnisse: Birdlife wertete schließlich 60 Arten aus. Die Rangliste finden Sie unter https://www.birdlife.at/page/stunde-der-wintervoegel

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