In der Wildnis wie im Zoo: Die Geschwister sind ein DNA-Mix aus Eisbär und Braunbär

© APA/dpa/Friso Gentsch

Wissen Wissenschaft
07/12/2021

Das kommt heraus, wenn Eisbär und Grizzly sich paaren

Der genetische Mix aus Eisbär und Grizzly kann eine ökologische Nische besser besetzen als die weißen Riesen; für sie wird es knapp. Was es braucht, damit Hybride entstehen.

von Hedwig Derka

Die kanadischen Behörden staunten nicht schlecht. Eigentlich wollten sie einen Jäger der Wilderei überführen – Grizzlys dürfen in den Nordwest-Territorien nicht geschossen werden. Doch die DNA-Analyse entlastete den Schützen. Die Trophäe war nur zur Hälfte Braunbär. Sie wies neben dem Erbgut eines Grizzly-Vaters die Gene einer Eisbären-Mutter auf.

Dieser erste „Cappuccino-Bär“ in freier Wildbahn wurde 2006 dokumentiert. Mittlerweile liefern genügend Pizzlys bzw. Golars Daten für die Wissenschaft. Eine aktuelle Studie bescheinigt den Hybriden aus Ursus maritimus und Ursus arctos nun eine besser Überlebenschance als reinen Eisbären. Den heimischen Experten wundert das nicht.

Faktor Klimawandel

Für die Bewohner der Arktis wird es eng. Das Meereis rund um den Pol schmilzt im Rekordtempo. Eisbären treibt der Hunger oft in den Tod – oder in südlichere Gefilde. Ihr Bestand wird aktuell auf rund 25.000 Exemplare geschätzt. Grizzlys dagegen dringen, von Artgenossen und Menschen bedrängt, weiter in den Norden vor. Die Lebensräume der beiden Spezies überlappen immer mehr; die Begegnungen bleiben nicht ohne Folgen. Die Biologin Larisa DeSantis von der Vanderbilt Universität in Tennessee spricht von einem „traurigen, aber notwendigen Kompromiss angesichts des derzeitigen Erwärmungstrends“.

Sie beschreibt im Fachjournal Current Biology, dass die Neulinge in Sachen Schädelform und Bezahnung besser an das Nahrungsangebot vor Ort angepasst sind. Cappuccinos könnten damit eine ökologische Nische besetzen, in der die weißen Riesen keine Chance haben. Denn auf festem Boden stoßen die Robbenfänger an ihre körperliche Grenzen: Ihr länglicher Kopf und die relativ kleinen Backenzähne eignen sich mehr für Speck als für die vielfältige, teils knochige Kost an Land. Die hellen Mischwesen mit den dunklen Krallen dagegen können problemlos futtern, was ihnen die Natur bereitstellt; definitiv ein Vorteil im täglichen Kampf ums Überleben.

Hybrid-Tiere
Hybrid bezeichnet ein Individuum aus einer geschlechtlichen Fortpflanzung zwischen verschiedenen Gattungen, (Unter)Arten oder Populationen bzw. verschiedenen Rassen. Oft ist die Fruchtbarkeit dieser Kreuzungen eingeschränkt. Häufig kommen diese mit Gesundheitsschäden zur Welt oder sterben, bevor sie geschlechtsreif sind

Umwelt
Bekannt sind Mischwesen aus Pferd und Esel (Maultier bzw. Maulesel). Bei Nutztieren gibt es u.a. Schiegen (Schaf-Ziege). In Ozeanen schwimmen selten Wolphins (Großer Tümmler-Kleiner Schwertwal). Der  Liger (Bild) ist ein Löwe-Tiger

Sagenwelt
Die Mythologie ist voll von Chimären – und das seit der Steinzeit. Die alten Ägypter mischten in Darstellungen Krokodil-Kopf mit Vorderkörper eines Löwen und Hinterteil eines Nilpferds zur Jenseitsgöttin Ammit. Die Griechen verliehen einem Pferd Flügel und nannten es Pegasus 

„Evolution ist ein fortlaufender Prozess. Es sterben nicht nur Arten aus, es entstehen auch ständig neue“, sagt Andreas Wanninger von der Uni Wien. Den Leiter des Departments für Evolutionsbiologie wundert nicht, dass sich Eisbär und Braunbär verpaaren und fortpflanzungsfähige Nachkommen zeugen können. Die beiden Hundeartigen entwickelten sich erst vor rund 500.000 Jahren aus einem gemeinsamen Vorfahren. Je geringer die genetische Distanz, desto eher klappt es mit dem Sex und fittem Nachwuchs. So wussten auch Homo sapiens und der Neandertaler etwas miteinander anzufangen, während Mensch und Delfin schon zu lange getrennter Wege gehen.

„Nicht nur die absolute Zeit spielt eine Rolle“, sagt der Zoologe und bring die Reproduktionsgeschwindigkeit ins Spiel: Bei vielen Insekten, die im Jahr eine Generation zur Welt bringen, die sich im Folgejahr wiederum vermehrt, treten mehr Mutationen auf als bei Säugern, die spät geschlechtsreif werden. Die Launen der Natur können sich dann zum Vor- oder Nachteil für die Art auswirken.

Gelegenheit

Für die erfolgreiche Vermehrung über Populationen hinweg freilich braucht es noch mehr. „Oft verhindert eine geografische Trennung die Verpaarung“, sagt Wanninger. Löwen streifen durch die Savannen Afrikas, Tiger kommen in Asien vor. Nur in Tiergärten finden sie zusammen. Im Wissen der Kompatibilität der Großkatzen züchtete der deutsche Zoodirektor Carl Hagenbeck bereits um 1900 gezielt Liger, Töwen und mehr für seine Menagerie.

„Bei manchen Arten passiert aus verhaltensbiologischen Gründen nichts, obwohl es physiologisch möglich wäre“, erklärt der Experte weiter und bringt das Beispiel von Vögeln, die die Balz der fernen Verwandtschaft nicht lockt. Wanninger schließt – auch in Bezug auf die Cappuccino-Bären: „Die Evolution sucht nach nichts. Vieles landet in der Sackgasse. Andere Arten leben noch Jahrmillionen lustig vor sich hin.“

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