In Heimkehrer-Zügen wurden den ehemaligen Zwangsarbeitern Propaganda-Vorträge gehalten.

© Stelzl-Marx, LBI

Wissen Wissenschaft
05/31/2020

Stalins Charmeoffensive: Sensationsfund in Moskauer Archiven

Vor 75 Jahren startete die UdSSR ihre Propaganda-Maschine, um in NS-Sklaverei geratene Bürger heimzuholen. Dazu entdeckte Historikerin Stelzl-Marx jetzt neue Akten.

von Susanne Mauthner-Weber

Wenn Barbara Stelzl-Marx von ihrer Entdeckung spricht, klingt das lapidar und bescheiden: Sie sei da zufällig über einen riesigen, bisher unbekannten Bestand gestolpert. In verschiedenen Moskauer Archiven. Spätestens da wird die gelernte Journalistin hellhörig. „Darin schreiben Kriegsgefangene positiv über die Sowjetunion.“

„Eigenartig“, dachte die Grazer Historikerin vom Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung und bohrte nach: Sie fand heraus, dass 1944 in Moskau eine eigene Abteilung gegründet worden war, um die sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter mithilfe einer gewaltigen Propaganda-Maschinerie davon zu überzeugen, nach ihrer Befreiung in die Heimat zurückzukehren.

In dieser Geschichte erfahren Sie,

  • warum Stalin die Kriegsgefangenen erst als Vaterlandsverräter brandmarkte, später aber doch zurück haben wollte
  • wie die sowjetische Propaganda-Offensive funktionierte
  • und wie die Zwangsarbeiter verraten und zu Opfern zweier Diktaturen wurden.

 

 

 

Dazu muss man wissen, dass Stalin schon 1941 jene, die in deutsche Hand gerieten, als Vaterlandsverräter bezeichnet und einen Erlass herausgegeben hatte, dass Rotarmisten bis zum Tod kämpfen müssen. „Wer sich in Gefangenschaft begab – da schwingt Freiwilligkeit mit –“, sagt Stelzl-Marx, „galt als Kollaborateur, der nach der Rückkehr gemeinsam mit der Familie bestraft werden wird“.

Die extremen Kriegsschäden in der UdSSR und ein beachtlicher Bedarf an Arbeitskräften brachten ein Umdenken. Und eine bisher kaum erforschte Charmeoffensive des Stalin-Regimes, berichtet die Historikerin.

Die Heimat ruft!

Außerdem fürchtete man, dass „kapitalistische“ Beeinflussung und antisowjetische Propaganda die ehemaligen Zwangsarbeiter zu westlichen Spionen machen könnten. Nicht zu vergessen: Man wollte jene, die sich tatsächlich gegen die Sowjetunion gewandt hatten, ausfindig machen und bestrafen. Die Professorin für europäische Zeitgeschichte der Uni Graz: „Also wurde ihnen ab Ende 1944 vermittelt: Die Heimat ruft, die Heimat hat verziehen. Die verlorenen Söhne und Töchter können heimkommen.“

Propaganda

Im November 1944 ließ der zuständige Generaloberst Filipp Golikov in einem Interview in der Pravda verlauten: „Das sowjetische Land erinnert sich an seine in die deutsche Sklaverei geratenen Bürger und sorgt sich um sie. Sie werden zu Hause als Söhne der Heimat Aufnahme finden.“

In einem Brief an den Chef der Propagandaverwaltung, Georgij Aleksandrov, legte er nach und betonte, dass die Heimat ihre Söhne und Töchter „mit Beachtung und Fürsorge empfangen wird“.

Plakate, Radiosendungen, Zeitungsberichte, Flugblätter, Filme, Politschulungen, Briefe, die gezielt verschickt wurden, sollten den heimatlichen Sinneswandel glaubhaft machen. Am populärsten war die Broschüre „Nach Hause, in die Heimat!“. Darin erzählt der Autor, wie die befreiten Sowjetbürger aufgenommen werden und wie gut man sich um sie kümmert.

Die Historikerin Barbara Stelzl-Marx nennt die sowjetischen Zwangsarbeiter „Opfer zweier Diktaturen“, weil sie als Kriegsgefangene im Dritten Reich an unterster Stelle standen und nach den Juden die größte Opfergruppe waren. Im Rahmen der nationalsozialistischen Arbeitseinsatzpolitik erfolgte die Deportation von Millionen Zivilisten aus den deutsch besetzten Gebieten der Sowjetunion als sogenannte „Ostarbeiter“ in das „Dritte Reich“. Die Verschleppten mussten in den verschiedenen Bereichen der deutschen Kriegswirtschaft arbeiten – darunter auch in der damaligen „Ostmark“.

Von den 5,7 Millionen Gefangenen in deutscher Hand sind 3,3 Millionen umgekommen. „Das war eine gezielte Vernichtungsstrategie gegen die als ,Untermenschen“ eingestuften sowjetischen Kriegsgefangenen“, sagt die Historikerin. „Auch in der Ostmarkt gab es eine Reihe von Kriegsgefangenenlager: das Stalag XVII B Krems-Gneixendorf war das größte. Dort ist bei den Amerikanern einer von 1000 ums Leben gekommen; aber jeder zehnte sowjetische Kriegsgefangene: ein Lager, zwei Systeme.“ Die rassisch, ideologisch motivierte Hierarchie prägte das gesamte Leben hinter Stacheldraht.

Was die Repatriierung betrifft, so erreichte die Anzahl der Heimkehrer vor 75 Jahren in der zweiten Hälfte des Jahres 1945 ihren Höhepunkt: Bis Anfang Oktober 1945 sind mehr als 5.200.000 Personen (etwa 3.100.000 Männer, 1.500.000 Frauen und 600.000 Kinder unter 16 Jahren) in die UdSSR zurückgekehrt. Motiviert wurden sie u. a. durch Flugblätter, die aus Flugzeugen abgeworfenen und in den befreiten Lagern verteilten wurden. 3,1 Millionen waren es allein zwischen Oktober 1944 und März 1945. Bis 1946 erschienen insgesamt 19 Broschüren in russischer Sprache mit einer Gesamtauflage von 1,1 Millionen Exemplaren.

Um das genauer aufzuarbeiten, hat die Leiterin des Boltzmann Instituts ein Projekt vom Zukunftsfonds (ÖZF) bewilligt bekommen: „Die Recherchen sind abgeschlossen.“ Die Publikation „Der Verrat. Stalins Propaganda für sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter“, in der alles, was damals als Propaganda zur Verfügung stand, Raum findet, ist in Vorbereitung.

„Sprache des Verrats“

„So wurden die besten sowjetischen (Plakat-)Künstler der Stalin-Ära für diese Aktion herangezogen.“ Stelzl-Marx hat eine von ihnen, Nina Vatolina, noch kennengelernt: „Sie erzählte, dass sie Plakate wie ,Sei gegrüßt, Mutter Heimat’ im Dienste der Sowjetunion machen musste, ihre Leidenschaft aber Aquarellen gehörte.“

Das Versprechen auf diesem Plakat wurde natürlich nicht gehalten. Stelzl-Marx nennt es „Sprache des Verrats“, jahrzehntelange Repressalien inklusive: „In Wahrheit mussten die Rückkehrer eine sogenannte Filtration des Geheimdienstes durchlaufen.“ Beinahe 40 Prozent kamen in Arbeitslager. „Viele landeten im Gulag, bis in die Perestroika hinein hatten praktisch alle einen Makel in ihrer Biografie“, berichtet sie. „Nur zivile Zwangsarbeiter konnten vielfach in ihre Dörfer zurückkehren. Sie strebten aber auch keine tollen Karrieren an. Wenn jemand etwa in Moskau studieren wollte, dann war das mit dem ,Makel’ aber äußerst schwierig.“

So gesehen seien die sowjetischen Zwangsarbeiter, resümiert Stelzl-Marx, „Opfer zweier Diktaturen“ gewesen.

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