Mata Hari war angeblich die Mutter aller Lockvögel. In Wahrheit ist  nicht sicher, ob sie
überhaupt spionierte

© APA/AFP/STR

Wissen Wissenschaft
05/30/2020

Romeos und Honigfallen: Die Geschichte der Lockvögel

Geheimdienste nutzten die Verführungskünste schöner Frauen und charmanter Herren zu allen Zeiten.

von Susanne Mauthner-Weber, Hedwig Derka

Schon als Dieter Bacher das Video das erste Mal sah, dachte er: „Die Methode kenne ich doch. Die ist eine altbekannte.“ Sie stammt aus der Werkzeugkiste der Geheimdienste: Ein Lockvogel (die angebliche russische Milliardärsnichte Aljona Makarova), tastet sich über einen Vertrauensmann (Johann Gudenus)  an das Ziel (HC Strache) heran; Misstrauen wird mittels gekonntem Schauspiel zerstreut; optische Reize erledigen den Rest.

Bacher,  Grazer Historiker, beschäftigt sich viel mit Spionage. „Im Kalten Krieg nutzten die Geheimdienste beider Seiten diese Methode.“ Honigfalle sei der Fachbegriff – „wenn es sich um eine Frau handelt; wird ein Mann eingesetzt, ist das ein sogenannter Romeo“.

Wobei: Die Erforschung amouröser  Methoden in einem Metier, das von Geheimhaltung lebt, sei schwierig, Akteneinsicht oft unmöglich. Es gibt aber das Gerücht, dass der KGB Agentinnen zielgerichtet ausbildete. Man kannte die bevorzugten Sexualpraktiken potenzieller Opfer, stimmte den Lockvogel darauf ein, und das Opfer glaubte, endlich seine Traumfrau gefunden zu haben. Nach kurzer Zeit wurde der Mann animiert, für den  KGB zu arbeiten, wollte er nicht, dass sein  Sexualleben publik würde. Im Agentenjargon hießen diese Lockvögel passenderweise „Schwalben“.

Sekretärinnen-Offensive

Legendär ist auch die „Sekretärinnen-Offensive“, die unter umgekehrten Vorzeichen  ablief: „Der KGB  überlegte in den 1950er-Jahren, wer außer den schwer zu kriegenden Chefs Zugang zu wichtigen Informationen hat“, erzählt Bacher. Rasch kam man auf die Damen in den Vorzimmern und „sorgte dafür, dass sich hübsche Herren an sie heranmachten und zur Informationsbeschaffung anwarben“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg  waren auch in Wien Lockvögel aktiv. Bacher hat einen Spionagering rund um einen Österreicher erforscht. Er war von der Tschechoslowakei angeworben worden und bekam den Auftrag, Einrichtungen der westlichen Besatzer auszukundschaften. „Seine Lebensgefährtin, eine Wiener Prostituierte, gab den Lockvogel  und machte sich an Besatzungssoldaten heran. Ein US-Soldat wurde nach ein paar Treffen misstrauisch und schaltete die Spionageabwehr ein“, erzählt Bacher. 1951 wurden beide verhaftet.  

Jagdtechnik

Ursprünglich meint die Lockvogel-Methode eine Jagdtechnik, bei der künstliche Vögel als Köder zum Einsatz kommen.

Wobei Geheimdienste die Verführungskünste schöner Frauen wohl auch zu allen Zeiten nützten: von der legendären Tänzerin Mata Hari um 1900 bis zur 2010 enttarnten russischen Spionin Anna Chapman, später als Model im Einsatz. „Im Fall der immer wieder genannten Mata Hari ist bis heute nicht klar, ob sie wirklich spioniert hat“, sagt der Historiker.

  • Bei Ramón Mercader gibt es keine Zweifel: Der stalinistische Agent verlobte sich Ende der 1930er-Jahre mit Leo Trotzkis Sekretärin Sylvia Ageloff. So konnte der Romeo 1940 ein erfolgreiches Attentat auf den Politiker verüben.
  • Erfolgreich war  auch eine Frau in einer Wiesbadener Diskothek, die 1985 dem 20-jährigen US-Soldaten Edward Pimental schöne Augen machte. Der GI verließ in Erwartung eines sexuellen Abenteuers mit ihr die Disco – und wurde am nächsten Morgen erschossen aufgefunden. Das Oberlandesgericht Frankfurt kam später zur Auffassung, dass Birgit Hogefeld ein Lockvogel war, der den Dienstausweis an sich brachte, mit dem die RAF auf der Rhein-Main Air Base eine Autobombe zündete.

„Vor allem der sowjetische KGB arbeitet mit Lockvögeln“,  schrieb Der Spiegel schon 1982 und listete auf:

  • So machte sich eine attraktive Agentin Anfang der 1960er-Jahre an den damaligen französischen Botschafter in Moskau, Maurice Dejean, heran.
  • Den britischen konservativen Abgeordneten und Geschäftsmann Anthony Courtney fotografierte der KGB 1961 in einem Moskauer Hotel in eindeutiger Situation.
  • Durch seine Beziehungen zu einer Russin wurde der Chiffrierbeamte der Botschaft von Singapur, Keng Su, zur Spionage genötigt.
  • 1981 versuchte der KGB den stellvertretenden amerikanischen Militärattache James R. Holbrook mit einem Mädchen zu keilen: Auf einer Besichtigungsfahrt wurde der Amerikaner, nach einer Party, mit einer Dame im Bett fotografiert.
  • Die Stasi wiederum setzte gezielt Lockvögel auf Kirchenvertreter und Oppositionelle an. So schickte man  minderjährige Lockvögel zum Liedermacher und Regimekritiker Wolf Biermann.
  • Erotische Lockvögel, die ihre Opfer später erpressten, machten sich an die deutsche Millionärin Susanne Klatten und den Vater der Tennisspielerin Steffi Graf, Peter, heran.

Psychologie dahinter

Ein überzeugender Lockvogel muss sich jedenfalls in seiner Rolle wohlfühlen. Je mehr die Fassade der eigenen Persönlichkeit entspricht, desto bühnenreifer gelingt der Auftritt, weiß Psychologe Cornel Binder-Krieglstein.  „Wenn alle Schalter auf Grün stehen, wird gewünschtes Verhalten gezeigt.“ Dabei  überholen die Gefühle oft den Verstand, und Entscheidungen lassen sich später nicht mehr logisch erklären.

Zu dem, was  Lockvögel antreibt, gibt es ebenfalls Untersuchungen: So hat die US-Soziologin  Ira Winkler das MICE-Modell entwickelt – Motive, die Menschen für dieses Metier anfällig machen: M steht für Money (Geld), I für Ideologie,  C steht für Coercion (Erpressung). „Und  das E steht für  das Ego, das man ansprechen kann“, sagt Historiker Bacher, der findet, dass man Letzteres im Fall des Ibiza-Videos sehr schön erkennen könne.

 

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