Poveglia ist die jüngste venezianische Quarantäne-Insel. Sie wurde 1793 eröffnet, heute verfallen die EInrichtungen

© Getty Images/Marco Secchi/Getty Images

Zeitreise
11/14/2020

Quarantäne-Inseln: Wo Kranke ihrem Schicksal überlassen wurden

Dagegen wirken die Maßnahmen des aktuellen Lockdown harmlos: Jahrhunderte lang wurden Menschen, die an Lepra, Pest oder Typhus litten, auf Inseln isoliert.

von Susanne Mauthner-Weber, Christa Breineder

Bis zur Pandemie war Quarantäne von vorgestern. Heute ist sie allerorten wieder da. Wobei: „Quarantäne war schon immer die Ultima Ratio“, sagt die Medizinhistorikerin Daniela Angetter-Pfeiffer. Die Ultima Ratio der Ultima Ratio war die Quarantäne-Insel.

Dann, wenn gar nichts mehr ging, wurden Kranke auf abgelegenen Flecken im Meer isoliert. „Die Idee der Quarantäne-Insel geht bis in die Antike zurück“, erzählt Angetter. Vorbild waren Leprakolonien (Leprosorien), die Ausgestoßene aufnahmen. Im 14. Jahrhundert griffen die Venezianer die Idee wieder auf, als sie die Pest nicht in den Griff bekamen. Und erfanden die Isole del Dolore (Inseln des Schmerzes).

Auf den Inseln, wie generell in der Quarantäne, hat man die Leute einfach ihrem Schicksal – meist dem Tod – überlassen. In Österreich kam es erst Mitte des 19. Jh. mit Carl Freiherr von Rokitansky zu einem Wandel im Umgang mit Infizierten. Angetter: „Der Pathologe war der Erste, der Ursachenforschung im modernen Sinn betrieb.“

Hier stellen wir Ihnen einige vor:

Inseln des Schmerzes

Wer auf Lazzaretto Vecchio, Venedigs  älteste Quarantäne-Station aus dem 14. Jahrhundert, musste, überlebte das mit großer Wahrscheinlichkeit nicht: Noch Gesunde steckten sich  dort bei den Kranken an. Bald wurden die Quarantäne-Stationen in der Lagune Inseln des Schmerzes genannt. Als die Pest 1468 wiederkam, hatten Venedigs Machthaber gelernt – und schickten die Verdachtsfälle auf die Insel Lazzaretto Nuovo im Nordosten von Lazzaretto Vecchio. In den folgenden Jahrhunderten wurden in der Lagune von Venedig weitere Quarantäne-Inseln eingerichtet, so 1793  auf Poveglia. Seit den 1970er-Jahren ist die Insel verlassen und mittlerweile verwildert.

 

Wo Typhus auf schwimmenden Särgen einreiste

Coffin Ships, schwimmende Särge, wurden die Schiffe genannt, auf denen unzählige Iren Mitte des 19. Jahrhunderts vor Armut und Hunger flüchteten. Und das waren sie auch. Von 1845 bis 1849 vertrieb die  Kartoffelfäule  zwei Millionen Menschen aus der Heimat. Viele  brachen in die Neue Welt auf, nach Kanada oder in die USA. Bevor die Einwanderer aber das Festland betreten durften, mussten sie häufig in Quarantäne – auf Inseln wie Grosse Ile vor Quebec. Sofern sie nicht bereits in den schwimmenden Särgen, den für die monatelange Überfahrt völlig ungeeigneten Schiffen, ihr Leben gelassen hatten. Denn Typhus konnte sich unter den dicht gedrängten Menschen ungehindert ausbreiten. Auf der Quarantäne-Insel Grosse Ile sammelten sich die Überlebenden. Allein 1847 starben dort mehr als 5.000 Menschen.

 

Europas letzte Leprakolonie

2007 setzte die Schriftstellerin  Victoria Hislop  den Leprakranken von Spinalonga (oben) ein Denkmal: Ihr Roman „Die Insel der Vergessenen“ wurde zum Bestseller. Spinalonga bei Kreta gehörte ab dem 16. Jahrhundert zur Republik Venedig. Die Venezianer errichteten auf der hügeligen Insel eine Festung. 1903 wurde Spinalonga zum Leprosorium, zu einer Kolonie für Leprakranke. Lepra war zu dieser Zeit eine hochansteckende und unheilbare Krankheit. Etwa 300 Menschen zogen in die Häuser ein, die leer standen, nachdem die Bewohner, vor allem Muslime, vertrieben worden waren. In den ersten Jahren lebten die Kranken unter unmenschlichen Bedingungen, weil jegliche Medizin oder Infrastruktur fehlten. Ein halbes Jahrhundert lang wurden Leprakranke aus ganz Griechenland auf die kleine Insel verbannt.

Die Insel von Typhus-Mary

Sie war der erste Superspreader in der Medizingeschichte: Mary Mallon, auch Typhus-Mary genannt (oben), war die bekannteste Bewohnerin von North Brother Island. Bis 1885  unbewohnt, kaufte die Stadt die Insel im East River von New York, um ein Quarantäne-Spital zu errichten. Fortan wurden hier Patienten mit  Tuberkulose, Pocken, Gelbfieber oder Scharlach isoliert. 1907 kam Mary Mallon auf die  Quarantäne-Insel, denn egal, wo sie hinkam, erkrankten die Menschen an Typhus. Nur sie blieb gesund. Die Gesundheitsbehörden vermuteten daraufhin, Mallon sei selbst mit Typhus infiziert, ohne Symptome zu entwickeln. 1910 wurde Mary entlassen. Bis 1915 hatte sie weitere 15 Personen infiziert und musste zurück nach North Brother Island, wo sie 1938 starb. An einer Lungenentzündung.

 

Ein Heiliger kämpft gegen Lepra

Ehe Damian de Veuster kam, war Kalaupapa die Endstation aller Ausgestoßener: 1866 erklärte man die  schwer erreichbare Halbinsel  auf Moloka’i/Hawaii zur Quarantäne-Station für Leprakranke. In den ersten Jahren gab es weder Ärzte noch Medikamente, doch dann ließ sich der  belgische Priester  nach Moloka'i versetzen. Pater Damian baute Häuser für die Patienten, dann eine kleine Kirche  (siehe oben) und ein Krankenhaus. Fast zwei Jahrzehnte blieb de Veuster auf Moloka'i, bis er sich selbst mit Lepra ansteckte und schließlich auf der Insel starb. Seitdem gilt Pater Damian als Schutzpatron der Leprakranken. 2009 wurde er heiliggesprochen. Heute ist Moloka'i einer derwenigen Orte auf Hawaii, der vom Tourismus weitestgehend unberührt geblieben ist.

Land in Quarantäne

Weil britische Wissenschafter im Zweiten Weltkrieg auf dem Eiland einen Kilometer vor der  rauen Nordwestküste Schottlands  mit Biowaffen experimentierten, wurde Gruinard Island als jene Insel bekannt, die selbst in Quarantäne musste. 80 Schafe wurden im Auftrag der Regierung mit Milzbranderregern infiziert. Alle Tiere starben binnen drei Tagen.  Obwohl die Kadaver sofort verbrannt worden waren, stellten Forscher noch 1979 fest, dass der Boden auf Gruinard Island  mit Milzbrandsporen verseucht war. Die Insel durfte nicht mehr betreten werden. Daraufhin versuchte man, den Boden mit Hunderten Tonnen Formaldehyd zu desinfizieren. Seit 1990 gilt die Insel als wieder bewohnbar. Einige Wissenschafter warnen aber bis heute
vor einer Gefahr durch die sehr widerstandsfähigen Anthraxsporen.

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